Interview

Abtreibungen
 

„Markt der Zukunft“

Interview
Alexandra M. Linde Foto: Privat

Geschäft hinter der Abtreibung steckt?

Linder: Weil das Thema von den Medien verschwiegen wird. Obwohl Fragen wie, „Wer profitiert davon?“, „Wer verdient damit das große Geld?“, „Wer steckt eigentlich dahinter?“ sonst bei Journalisten äußerst beliebt sind.

Auch Ihr Buch wird verschwiegen.

Linder: Das überrascht mich nicht, es würde die selbstgewisse Haltung der meisten Meinungsmacher beim Thema Abtreibung in Frage stellen. Abtreibung gilt als erkämpftes Frauenrecht, keiner möchte sich mit einer „rückständigen“ Meinung erwischen lassen und in den Ruf geraten, nicht „zeitgemäß“ zu sein. Das Thema ist hochideologisiert.

Warum ist Ihr Buch so brisant?

Linder: Weil es aufzeigt, wie die Realität hinter der Fassade einer Gesellschaft aussieht, die glaubt, die ethische Frage der Abtreibung mit deren de-facto-Freigabe praktisch gelöst zu haben. Das Buch enthält Fakten – und davor fürchtet man sich. Sehen Sie sich an, wie das bei unseren Massenmedien funktioniert: Wann werden die Argumente gegen die bestehenden Zustände dort ernsthaft erörtert?

Lädt man überhaupt Abtreibungsgegner ein, dann nur solche, die scheinbar den Vorurteilen entsprechen. Bevorzugt läßt man ältere Herren gegen junge frische Damen antreten. Mit wem sich das Publikum identifiziert, ist dabei von vornherein klar. Lebensrechtler dienen als Punching Ball, damit die andere Seite sich profilieren kann. Lebensrechtler, die das Klischee sprengen, werden nicht eingeladen, das könnte „schiefgehen“.

Ihr Buch ist in dem weitgehend unbekannten Sankt Ulrich Verlag erschienen.

Linder: In christlichen Kreisen ist der Verlag sehr bekannt. Abgesehen davon, daß das Buch nicht ins politisch korrekte Raster paßt, hätte fast jeder Verlag Angst gehabt, daß die Öffentlichkeit aufschreit, das Image leidet, daß es Klagen gibt. Den Mut haben in Deutschland meistens nur die Kleineren.

„‘Wir spritzen Ihnen die Zellen eines Fötus’ – Ich war erschüttert!“  

Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Linder: In 17 Jahren Lebensrechtsarbeit habe ich schon viel erlebt. Dennoch habe ich nach den ersten Recherchen alles fallenlassen und gesagt: „Es reicht!“ Ich war erschüttert, wie weit im Ausland die Mißstände schon gediehen sind. Wie offen dort geworben wird mit Angeboten wie: „Wir spritzen Ihnen Zellen eines 16 Wochen alten Fötus, danach fühlen Sie sich wie neugeboren!“ Das sind wir in Deutschland nicht gewöhnt, aber das kommt auf uns zu.

Erschreckt hat mich die Unwissenheit von Ärzten und Apothekern. Sie kümmern sich um Bio, Öko, alle möglichen Wirkstoffe, aber sie wissen nicht, daß sie jeden Tag Impfstoffe verkaufen, die unter Verwendung der Zellen von abgetriebenen Kindern entstanden sind. Konkret stand am Anfang die Frage: Weltweit sinken die Abtreibungszahlen nirgendwo, wenn man nicht an der Statistik herumpfuscht.

Warum unternehmen die Verantwortlichen nicht wirklich etwas dagegen?
Warum nicht?

Linder: Offenbar weil „größere“ Interessen dem entgegenstehen. Ich habe bei meinen Recherchen zwei Antworten gefunden: Ideologie und Geschäft.
Sie haben sich auf den zweiten Aspekt konzentriert.

Linder: Ja. Es gab schon gute Bücher zu solchen Machenschaften. Mein Anliegen war, die Ideologien mit dem Geschäft in Beziehung zu setzen und vor allem, alle Argumente und Tendenzen klar mit Fakten und Zahlen zu belegen. Der ideologische Aspekt spielt hier eine große Rolle. Wir haben es mit einer falsch verstandenen Emanzipation zu tun, die sich gegen die Frauen wendet.

Statt die Probleme der Frauen zu lösen – was ihrem wirklichen, emanzipierten Willen entspräche, weil sie ihre Kinder eigentlich bekommen möchten –, werden sie instrumentalisiert, um eine feministische Ideologie durchzusetzen. Besonders deutlich wird das in der sogenannten Dritten Welt: Kinder werden mit Armut und Diskriminierung durch den Mann gleichgesetzt, ergo sind künstliche Verhütung und Abtreibung die Rettung.

Statt also Armut und Unterdrückung zu bekämpfen, den Frauen aus ihrer Lage zu helfen, nutzt man sie für bestimmte Zwecke aus. Inzwischen hat diese Ideologie den Uno-Apparat sehr durchdrungen. Organisationen wie die UNFPA, der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, zielen darauf, weltweit Verhütung und Abtreibung als Lösung für fast alle Probleme durchzusetzen. Unter dem Deckmantel der Familienplanung betreibt man knallharte Bevölkerungspolitik.>>

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Welcher Zusammenhang besteht nun zum „Geschäft Abtreibung“?

Linder: Im Gefolge der UNFPA-Politik kommt das Geschäft unweigerlich ins Spiel. Wenn in den sogenannten Dritt-Welt-Ländern die Strategie umgesetzt wird, bedarf es dazu moderner pharmakologischer und anderer Mittel, und die müssen die armen Länder aus den reichen westlichen Staaten importieren. Die Gelder dafür kommen vornehmlich von Organisationen, die über die Uno finanziert werden. Auch von uns: Jährlich fließen aus Deutschland 19,5 Millionen US-Dollar Steuergelder in die UNFPA.

Die Pharmaindustrie stellt bereit, was benötigt wird. Das mag Geschäft sein, aber ist es nicht ein ehrliches?

Linder: Natürliche Familienplanung ist genauso sicher wie zum Beispiel die Pille. Das belegt etwa eine gerade erschienene wissenschaftliche Studie der Universität Heidelberg. Die Pille hat für die Frauen zahlreiche Nebenwirkungen und bringt den Konzernen das Geld. In Deutschland gibt es etwa 6,6 Millionen regelmäßige Nutzerinnen der Pille, allein in Nigeria mehr als dreißig Millionen potentielle Kundinnen.

So kann man sich vorstellen, um welches Gewinnvolumen es geht. Geld übrigens, das in armen Ländern in Entwicklung oder medizinische Versorgung investiert werden könnte. In Kenia sind Spiralen und Kondome fast immer und überall verfügbar, an Antibiotika oder sterilem Verbandszeug dagegen mangelt es.

„Abtreibungen, die in keiner Statistik auftauchen“

Verhütung ist noch keine Abtreibung.

Linder: Wir können bei uns im Westen bereits beobachten, daß Abtreibung von immer mehr Leuten als Form der Verhütung betrachtet wird. Unser Gesetz des rechtswidrigen, aber straffreien Abbruchs trägt faktisch dazu bei. Die Ideologen haben außerdem Schwangerschaft umdefiniert von „Zeugung eines Kindes“ in „Einnistung des befruchteten Eis in die Gebärmutter“. Nach dieser Diktion gilt alles, was vorher eingreift, als Verhütung und nicht als Abtreibung.

Die „Pille danach“, die Kupferspirale und auch die normale Pille bewirken auch oder ausschließlich Frühabtreibungen vor der Einnistung. Ob jemand verhüten will, muß er mit sich selbst ausmachen, aber er muß wissen, was er da tut. An diesem Wissen mangelt es auch bei uns. Und diese ideologische Verquerung wird über die Uno seit Jahrzehnten in den Dritt-Welt-Ländern implementiert: Am Ende läuft es auf die Abtreibung als „Sicherung“ hinaus, weil es kein wirklich sicheres künstliches Verhütungsmittel gibt.

Es kommen auch manuelle Vakuum-Aspiratoren zum Einsatz, das sind Geräte, die von elektrischer Energie unabhängig sind. Sie ermöglichen es, im frühen Stadium der Schwangerschaft eine Abtreibung vorzunehmen. Den Frauen in Ländern der Dritten Welt werden sie allerdings oft als Apparat vorgestellt, der den Menstruationszyklus regelt: Deine Regel bleibt aus? Wir machen, daß sie wiederkommt! Und so werden mit den Aspiratoren ganz nebenbei millionenfach Kinder abgetrieben, ohne daß die Mütter das wissen, denn so früh weiß man oft gar nicht, daß man schwanger ist. Diese Abtreibungen tauchen in keiner Statistik auf.

Auch in den entwickelten Ländern floriert das Geschäft mit der Abtreibung.

Linder: Bekannt ist, daß große Einrichtungen ausschließlich vom Geschäft mit der Abtreibung leben. Und wenn man sich den Lebensstil der betreffenden Abtreiber anschaut, offenbar nicht schlecht. Kaum bekannt ist dagegen, daß viel Geld mit dem Handel von „Material“ gemacht wird, das aus toten Kindern gewonnen wird, zum Beispiel für Transplantation von Geweben oder ganzen Organen und für medizinische Behandlungsversuche. In Baden-Württemberg etwa gibt es einen Forscher, der Chorea-Huntington-Patienten mit den Gehirnzellen abgetriebener Kinder behandelt. Die Frage ist, woher diese Kinder stammen.

Wie lautet die Antwort?

Linder: In Deutschland müssen vor der Geburt getötete Kinder zusammen mit bestimmten anderen klinischen Resten verbrannt werden. In anderen Ländern dagegen, etwa in der Ukraine, wo Abtreibung bis zur Geburt möglich ist, werden abgetriebene Kinder bereits in großem Stile verwertet. Und nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Ländern wie China oder Rußland können Kinder nach ihrer Abtreibung restlos ausgeschlachtet werden. Auch in Westeuropa, etwa in Spanien oder England, ist inzwischen vieles erlaubt, vor allem in der embryonalen Stammzellforschung.>>

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Wie ist die Situation in Deutschland?

Linder: Immerhin haben wir in Deutschland noch vergleichsweise strenge Gesetze und die bereits erwähnte Vorschrift der Verbrennung. Ob das allerdings auch geschieht, ist sehr die Frage, denn es gibt keine staatliche oder sonstige Stelle, die das kontrolliert. Was wirklich mit den Kindern passiert, wissen wir nicht.

Wenn Sie jetzt überlegen, was wäre, wenn es die Möglichkeit gäbe, alle Alzheimer- oder Parkinson-Patienten in Deutschland mit den Zellen getöteter Kinder zu behandeln – jährlich kommen in Deutschland ungefähr 200.000 Patienten mit Demenz-Erkrankungen hinzu –, dann können Sie sich ausmalen, welche Märkte sich auftun, vor allem im Hinblick auf den demographischen Wandel.

Man könnte aber auch sagen: wieviel Gutes dann getan werden könnte.

Linder: Wenn wir von Medikamenten sprechen: Hier gibt es Alternativen. Die Forschung mit adulten Stammzellen etwa, also Stammzellen, die Menschen mit deren Zustimmung entnommen werden, hat große Fortschritte gemacht und trägt heute schon vielfach zur Heilung bei, während die Forschung mit embryonalen Stammzellen, also Stammzellen, die aus zu diesem Zweck getöteten Embryonen gewonnen werden, auf der Stelle tritt. Aber selbst wenn es nur über die Verwertung von Kleinstkindern möglich wäre, Fortschritte zu erzielen, was wäre die Konsequenz?

Der nächste Schritt wäre, Menschen generell ohne deren Einwilligung zu verwerten, um nach ihrem Tod etwas Gutes zu bewirken. Irgendwann würde jeder Tote ausgeschlachtet. Und es stellt sich die ethische Frage: Darf ein Mensch getötet werden, um einen anderen zu retten? Es werden Menschen nicht nur getötet und dann zur Forschung verwendet, sondern die Forschung ist das Motiv des Tötens, was das ethische Problem vergrößert.

„Das ist der Anfang – irgendwann wird jeder Tote ausgeschlachtet“

Ihre Kritiker könnten einwenden, Sie klagen das „Geschäft Abtreibung“ nicht an, um den Mißbrauch zu verhindern, sondern die Abtreibung an sich.

Linder: Erstens ist Abtreibung an sich schon ein Mißbrauch, und zweitens kann man die Folgewirkungen nicht verhindern, denn wo ein Markt ist, ist auch immer eine Nachfrage. Wir müssen also das Übel an der Wurzel packen. Und man sieht, wie die Akzeptanz der Abtreibung offenbar dazu führt, daß die Frage nach deren Mißbrauch gar nicht gestellt wird. Wenn man die Würde des Menschen ernst nimmt, muß man Abtreibung verbieten.

Das heißt nicht, Frauen zu kriminalisieren und allein zu lassen, sondern ihnen bei Problemen zu helfen, statt die Probleme durch Tötung des Kindes zu „lösen“. Bestraft werden müßten die Leute, die damit Geld verdienen. Als Sofortmaßnahme könnte man auf jedem Friedhof ein Sammelgrab für die Kinder als Trauerstätte für die Eltern einrichten und eine Bestattungspflicht einführen.

Selbst wenn es in Deutschland zu einer Änderung käme, da das Problem vor allem weltweit existiert, würde dies kaum etwas ändern.

Linder: Politische Veränderungen, auch weltweit, kommen oft zustande, wenn es Vorreiter gibt, die Normen international durchsetzen. Deutschland müßte auch außenpolitisch aktiv werden, zum Beispiel die UN-Bevölkerungsprogramme in der jetzigen Form nicht mehr unterstützen. Die USA haben unter Präsident Bush solche Gelder gesperrt. Leider hat Präsident Obama wenige Tage nach seiner Amtseinführung – es war eine seiner ersten Amtshandlungen – diese Gelder wieder freigegeben.

Was kann Ihr Buch realistisch gesehen bewirken?

Linder: Ich betrachtete es als Anfang. Es muß gelingen, eine sachliche, nicht emotionale und nicht von Ideologie geprägte Debatte in Gang zu bekommen und das Thema von seinem Tabu zu befreien. Wir sind da auf einem guten Weg: In Österreich ist die Debatte bereits sehr offen. Oder die große Lebensrechtsdemonstration letzte Woche in Madrid mit über einer Million Teilnehmern. Das waren so viele, daß auch die Medien sie nicht mehr ignorieren konnten. Auf diesem Weg müssen wir weitergehen.

Alexandra M. Linder ist Vize-Bundesvorsitzende des Lebensschutzverbandes „Alfa – Aktion Lebensrecht für alle“. In ihrem neuen Buch „Geschäft Abtreibung“ enthüllt die Journalistin, Jahrgang 1966, das Milliardengeschäft hinter der Abtreibung.

JF 44/09

Lesen Sie in der aktuellen JUNGEN FREIHEIT auf Seite 10 auch einen Hintergrundartikel zu dem Thema „Das Geschäft mit der Abtreibung”

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