„Wir führen sie an ihre Grenzen“

Herr Campanella, die amerikanischen Bewährungsstraflager – die sogenannten „Boot Camps“ – sind in Deutschland fast so verrufen wie die Todesstrafe. Campanella: Wie soll ich das verstehen? Wir bringen Menschen nicht um, sondern resozialisieren sie. Differenziert man in Deutschland überhaupt nicht? Diverse US-Strafvollzugspraktiken – weitere Beispiele wären das Anketten in sogenannten „Chain Gangs“, Zwangsarbeit oder lebenslange Freiheitsstrafe für wiederholten Diebstahl – würden in Deutschland mehr oder weniger als Ausweis „rechtsextremer“ Gesinnung gelten. Campanella: Betrachten die Deutschen die USA etwa als rechtsextrem? Worauf wollen Sie hinaus? Darauf, daß nach dem gefilmten Überfall zweier Ausländer auf einen deutschen Rentner in einer Münchner U-Bahn der CDU-Wahlkämpfer Roland Koch plötzlich Erziehungslager für kriminelle Jugendliche fordert. Seitdem ist die Debatte um die „Boot Camps“ in Deutschland entbrannt. Campanella: Es zwingt die Deutschen ja niemand, unsere Lager zu übernehmen. Wir fahren jedenfalls gut damit. Es gibt sie schon seit fast 25 Jahren in den USA. Wenn Sie das Konzept nicht für richtig halten, bitte. Jeder muß selbst sehen, wie er mit seinen Problemen fertigwird. Worin sehen Sie den Vorteil der Lager gegenüber regulären Gefängnissen? Campanella: In den Gefängnissen können die Insassen viele ihrer alten – schlechten – Gewohnheiten beibehalten. Und sie sind dort negativen Einflüssen ausgesetzt, die sich bei uns wegen der strengen Aufsicht nicht ausbreiten können. Vor allem aber halten wir unsere Insassen stets auf Trab: Der gesamte Alltag ist streng reglementiert. Von 5.30 Uhr, wenn der Hahn kräht, bis zum Zapfenstreich um 21 Uhr abends sind die oft jugendlichen Straftäter in eine feste Struktur gepreßt. Jeden einzelnen Moment des Tages stehen sie unter Anspannung. Das klingt, mit Verlaub, etwas totalitär. Campanella: Finden Sie? Bedenken Sie bitte, daß diese Leute enormen Nachholbedarf haben. Sie kommen in der Regel aus völlig unstrukturierten Verhältnissen, was meist nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, daß sie vor Gericht gelandet sind. Die alten Muster müssen durchbrochen werden, das geht nun mal nicht mit leisen Tönen. Sport, Arbeit, Entbehrungen, Gehorsam und ständiger Drill sind die Leitlinien der Lager. Campanella: Para- oder semimilitärisch würde ich es nennen. Es ist nicht der originale Exerzierdienst, sondern eher ein vom Militär inspirierter Drill. Wir lassen die Jugendlichen strammstehen, in Reih und Glied antreten und marschieren. Wir erteilen in militärischem Ton Befehle und erwarten strengen Gehorsam. Kritiker monieren, diese Techniken seien sinnlos. Der Kriminologe Christian Pfeiffer etwa spricht von „extrem hohen Rückfallquoten“. Campanella: Ich muß zugeben, daß ich die jüngsten Zahlen nicht parat habe. Die, die ich Ihnen jetzt nenne, sind drei bis vier Jahre alt: Während die Rückfallrate für Kriminelle in den USA im Schnitt bei etwa 75 Prozent liegt, beträgt sie bei uns 28 Prozent. Presseberichte sprechen für Illinois lediglich von „Anzeichen für einen positiven Effekt“. Campanella: Ich beziehe mich auf eine Studie, die 28 Prozent nachweist. Die Bilanz fällt allerdings sehr unterschiedlich aus. Während Staaten wie Illinois, Louisiana oder New York tatsächlich positive Ergebnisse attestiert werden, können etwa Texas, Oklahoma oder Florida keine verminderten Rückfallquoten verzeichen. Was ist Ihr Geheimnis? Campanella: Vermutlich die Struktur unseres Programms: Drill und Härte einerseits, rehabilitative Maßnahmen andererseits. Während in Illinois nur Freiwillige ins Lager kommen, können Delinquenten in Texas oder Oklahoma auch dazu gezwungen werden. Spielt das eine Rolle? Campanella: Das denke ich schon. In Illinois wollen wir nur Leute, die ein ehrliches Interesse daran haben, sich zu ändern. Wenn man die Leute durchs Programm peitschen muß, braucht man sich nicht zu wundern, wenn man sie bald wieder begrüßen kann. In Deutschland betrachtet man die US-Jugendstraflager überwiegend als Verletzung der Menschenwürde. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries sprach jüngst gar von einem „Verstoß gegen die Menschrechte“. Campanella: Ich verstehe die Reaktion Ihrer Ministerin und auch die vieler Deutscher. Denn schließlich verfolgen wir ja gegenüber den Jugendlichen eine gewisse Schockstrategie. Es ist nachvollziehbar, daß viele Menschen, wenn sie Bilder vom Alltag hier sehen, ebenfalls schockiert reagieren. Aber sie verkennen die Situation. Sie machen sich nicht klar, um was es hier geht, mit welchen inneren Problemen unsere Insassen zu kämpfen haben und wozu unsere Maßnahmen dienen: Es mag auf den ersten Blick so aussehen, aber sie dienen ganz bestimmt nicht dazu, Menschen zu demütigen. Es geht vielmehr darum, sie aufzuwecken, darum sie zu beeindrucken – und zwar letztlich von sich selbst! Auch wenn Tränen fließen, am Ende des Tages sind die meisten in der Regel stolz auf sich, durchgehalten zu haben. Wenn es so schrecklich wäre, wie Sie in Deutschland offenbar glauben, würden doch viel mehr Jugendliche aufgeben. Wir haben in DeQuoin 200 Plätze, ein reguläres Programm läuft 120 Tage, und wir nehmen etwa fünfzig neue Insassen pro Monat auf. Nur drei bis vier pro Monat geben auf! Noch weniger wäre mir natürlich lieber, aber das halte ich für eine so niedrige Zahl, daß wir sie als Bestätigung unserer Arbeit auffassen können. Warum geben diese Leute auf? Campanella: Manche machen sich leider keine Gedanken darüber, was hier von ihnen gefordert wird. Schockiert werfen sie dann das Handtuch. Es liegt an ihrer Einstellung. Man muß innerlich bereit sein, sich auf das Lager einzulassen. Man muß den Erfolg wollen. Wir führen die Leute bewußt an ihre Grenzen. Wer mit der falschen Einstellung kommt, zum Beispiel nur im Sinn hat, seine Gefängnisstrafe abzukürzen, der scheitert – und das zu Recht. Das Lager ist eine Bewährungsprobe, und wer es durchsteht, der soll später stolz darauf sein. Wer ohne jeden Anspruch an sich selbst, ohne jede Selbstachtung und ohne jeden Biß hierherkommt, der hat natürlich keine Chance. Es gibt aber auch andere Gründe, zum Beispiel Leute, die zu dick sind und die körperliche Anstrengung einfach nicht durchhalten. Obwohl wir wirklich versuchen, darauf Rücksicht zu nehmen. Wenn wir etwa merken, einer kann die zwei Meilen morgens und abends tatsächlich nicht laufen, dann laufen wir mit ihm eben erst einmal eine halbe Meile, notfalls gehen wir mit ihm sogar die Strecke. Wir haben hier Leute gehabt, die bei ihrer Ankunft über 400 Pfund gewogen haben und mit weniger als 300 entlassen wurden. Das ist toll! 2006 erschien in Deutschland der Roman „Boot Camp“ des US-Schriftstellers Morton Rhue – hierzulande wegen seines Buchs „Die Welle“ bekannt -, das Institutionen wie die Ihre einer harschen Kritik aussetzt. Campanella: Die Öffentlichkeit in den USA steht ganz überwiegend hinter dem Konzept der Bewährungsstraflager. Welche Bedeutung die Kritiker hierzulande haben, sehen Sie vielleicht daran, daß ich eben zum ersten Mal von Rhues Kritik höre. Ich muß Ihnen aber sagen, daß ich diese Kritik nicht ganz verstehe. Denn wie gesagt, alle unsere Insassen sind freiwillig hier. Und jeder kann gehen, wenn er will. Also: Wenn unsere Teilnehmer offensichtlich unser Programm wollen, warum kommen dann ständig Dritte und erzählen, daß das alles nicht gut für uns ist und wir das Ganze vielleicht auch gar nicht wirklich wollen? Finden Sie das nicht auch etwas anmaßend? Wenn zwei sich einig sind, dann ist doch alles bestens. Warum mischen sich dann Dritte ein? Lassen wir die beiden doch einfach in Ruhe. Das Konzept des Bewährungsstraflagers basiert immerhin darauf, das Selbstwertgefühl der Insassen zunächst zu brechen. Campanella: Nein, nicht das Selbstwertgefühl, die alten Gewohnheiten wollen wir brechen. Würden Sie Ihre Gewohnheiten mit Ihrer Persönlichkeit gleichsetzen? Filmdokumentationen über US-Jugendstraflager zeigen drakonische Strafen wie markerschütterndes Anschreien, Nahrungsentzug oder Aussetzen extremer Witterung. Campanella: Nein, ein ganz entschiedenes Nein! Es mag ja sein, daß das deutsche Fernsehen solche Bilder sendet – aber gewiß nicht aus dem Staate Illinois. Bestrafung durch Essensentzug oder Kälte gibt es bei uns nicht. Haben Sie schon einmal daran gedacht, daß Sie in Deutschland vielleicht die Debatte auf Grundlage von Bildern führen, die möglicherweise gar nicht repräsentativ sind? Es gibt in den USA zahllose Jugendstraflager, und das Fernsehen neigt bekanntlich dazu, nicht das Allgemeingültige, sondern die Ausnahme, das Spektakuläre zu zeigen. Möglicherweise sagt das schlimme Bild, das auf diese Weise bei Ihnen in dieser Sache über uns Amerikaner entsteht, in Wirklichkeit mehr über Ihre Medien als über unsere Realität aus? Wie also bestrafen Sie im Lager DeQuoin? Campanella: Es gibt viele Abstufungen. Zu den gebräuchlichsten Maßnahmen zählen sportliche Übungen. Körperliche Züchtigung ist dagegen bei uns nicht zulässig. Seit Einführung der Bewährungsstraflager in den USA sind laut „New York Times“ bereits dreißig Insassen ums Leben gekommen. Einige davon wurden von ihren Aufsehern beim Sport zu Tode gehetzt, andere starben durch Mißhandlungen durch das Aufsichtspersonal. Campanella: Sprechen Sie von Lagern in den USA? Ja, laut „Time-Magazin“ soll es 2005 über 1.600 Mißbrauchsfälle in den Lagern gegeben haben. Ein Untersuchungsbericht des US-Kongreß zum Thema spricht davon, daß „Kinder getreten, geschlagen und zu Boden geworfen und gezwungen wurden, Erbrochenes zu essen oder in Urin und Kot zu liegen“. Campanella: Erstens: Das ist nie und nimmer in Illinois geschehen. Zweitens: Wenn das anderswo in den USA passiert ist, so ist das eine Schande! Allerdings – auch wenn ich so etwas nicht entschuldigen will -, bedenken Sie bitte auch, was zur gleichen Zeit in regulären Gefängnissen vor sich geht. Gab es 2006 nicht in einer deutschen Justizvollzugsanstalt den Fall eines grausam getöteten Jungen: Stundenlang wurde er von seinen Zellengenossen vergewaltigt und aufs schlimmste gemartert. Schließlich zwangen sie ihn gar, sich selbst zu erhängen. Und das alles, ohne daß das deutsche Gefängnispersonal, das zu alarmieren dem Opfer noch gelungen war, eingeschritten wäre. Die Bewährungsstraflager stehen bei Kritikern schnell am Pranger, weil sie manchen politisch nicht genehm sind, aber was derweil in den Gefängnissen abläuft, davor verschließen sie gnädig die Augen. Ich bin überzeugt, daß es in den Lagern weitaus weniger Gewalt gibt als in den regulären US-Gefängnissen. Warum gibt es dann im ganzen Staat Illinois mit seinen immerhin zwölf Millionen Einwohnern nur zwei staatliche Bewährungsstraflager? Campanella: Weil die Lager nicht für jeden geeignet sind. Wir nehmen grundsätzlich niemanden auf, der sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht hat: Mörder oder Sexualstraftäter lassen wir gar nicht erst zu. Hier bekommen Leute eine Chance, die auf die schiefe Bahn geraten, aber nicht solche, die bereits schwerstkriminell sind. Uns geht es um Menschen, die sonst vielleicht im Gefängnis erst richtig mit Verbrechertum in Berührung gekommen wären. Die Alternative zum Bewährungsstraflager sind durchschnittlich zwei bis vier Jahre Gefängnis – nicht mehr. In Deutschland setzt man statt auf Disziplinierung auf Einsicht: Pädagogisches Ziel ist es, Einfühlungsvermögen in die Situation des Opfers und in die eigenen Probleme, die zu kriminellem Verhalten geführt haben, zu wecken. Campanella: Sie dürfen sich unsere Bewährungsstrafanstalten nicht als reine Drill-Anstalten vorstellen. Wir widmen uns durchaus auch der Persönlichkeit unserer Insassen. Dazu haben wir spezielle Betreuer, sogenannte „Counselors“, die sich um das „Seelenleben“ unserer Schützlinge kümmern. Tatsächlich macht der Anteil dieser Kräfte fast zehn Prozent unseres Personals aus: Unser Stab besteht aus 64 Mitarbeitern und sechs Counselors. Und was halten Sie vom deutschen Konzept? Campanella: Mir scheint, Ihre Methode konfrontiert die Strafgefangenen lediglich mit ihren negativen Seiten, mit ihren alten Fehlern. Welches Bild gewinnen sie dadurch von sich selbst? Woher soll eine konstruktive Einstellung zu sich selbst, woher sollen Stolz und Selbstvertrauen kommen, wenn man ihnen nur ihre dunkle Seite vorführt? Wir setzen dagegen darauf, den Menschen ihre positiven Seiten vorzuführen, ihnen unter Anleitung ihre eigene Stärke zu entdecken, auf die sie für die Zukunft in ihrem wiedererlangten bürgerlichen Leben vertrauen können. Funktioniert unser Konzept immer? Nein, nicht immer. Funktioniert es in der Mehrzahl der Fälle? Ja, ich bin überzeugt, das tut es. Clement C. Campanella ist Leiter des „DeQuoin Boot Camp“, eines von zwei Jugendstraflagern des US-Bundesstaates Illinois. Geboren 1953 in DeQuoin, studierte er Verwaltungs- und Justizwesen und arbeitet seit 19 Jahren im Strafvollzug. Boot Camp heißen die in Deutschland heftig umstrittenen Bewährungsstraflager in den USA. Das System funktioniert dezentral und variiert je nach Bundesstaat und Verwaltungsebene: So gibt es bundesstaatliche, Bezirks- und private Lager. Während manche nur Freiwillige aufnehmen, können Straftäter in andere auch eingewiesen werden. Aufgenommen werden grundsätzlich keine Schwerstverbrecher, sondern Delinquenten mit höchstens vier Jahren Gefängnisstrafe. Diese wird durch ein mehrmonatiges intensives, halbmilitärisches Disziplintraining ersetzt, womit die Bereitschaft und Fähigkeit, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern, unter Beweis gestellt werden soll. 1983 entstanden in den USA die ersten dieser Lager. Jährlich nehmen über 10.000 Jugendliche und Erwachsene teil. Der Name stammt von den gleichnamigen Rekrutenausbildungsstätten der Armee. Inzwischen gibt es sogar Boot Camps für schlechte bzw. besonders ambitionierte Schüler. weitere Interview-Partner der JF

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