„Angriff auf unser Menschenbild“

Herr Steeb, „Christen sind feige“ – drängt sich Ihnen auch manchmal dieser Eindruck auf? Steeb: Den Eindruck kann man in der Tat manchmal gewinnen. Sie widersprechen nicht? Steeb: Nein. Ich glaube auch, daß Christen im Zeitalter sogenannter Toleranz lernen müssen, ihren Standpunkt wieder offensiv und wo nötig pointiert zu vertreten. Ist es nicht ein wenig absurd, daß man das ausgerechnet Christen sagen muß? Steeb: Ja, schon. Wir haben uns vielleicht in den vergangenen Jahrzehnten der Freiheit und des Friedens und des Wohlstands zu sehr lähmen lassen. Aber wir müssen natürlich fair sein. Zum Glück treffen die Eigenschaften „faul“ und „feige“ nicht auf alle Christen zu. Wenn man dies pauschal behauptet, tut man vielen Tausenden lebendigen Christen Unrecht, die sich täglich nicht nur öffentlich zu ihrem Glauben bekennen, sondern sich auch politisch im Sinne der Werte der Bibel einsetzen und deshalb nicht nur oft Hohn und Spott, sondern auch Anfeindungen erfahren müssen. Dennoch aber haben Sie recht: Es ist schon erstaunlich, wie „leisetreterisch“ mitunter gerade jene sind, die für sich persönlich das Glaubensbekenntnis der Christen unzweifelhaft bejahen. Was sind denn die Gründe dafür? Steeb: Wir sind mit der falschen Maxime aufgetreten, Glauben sei Privatsache und jeder solle nach seiner eigenen Façon selig werden. Darum haben wir die Botschaft von Jesus, daß er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, als universal geltende Wahrheit zu sehr nur hinter den Kirchenmauern verhandelt. Und dann kommt hinzu, daß viele Christen zu wenig die Mechanismen und Regeln der Demokratie verstehen und ernst nehmen. Wenn Jesus zu seinen Lebzeiten gesagt hat: „Gebt des Kaisers, was des Kaisers ist“, dann heißt das heute: Gebt der Demokratie, was der Demokratie zusteht. Und dies bedeutet aktive Mitwirkung an der Gestaltung des Gemeinwesens und der öffentlichen Meinung. Wir müssen uns einmischen! Oft sind Christen zu still, weil sie keinen Anstoß erregen möchten. Sie sind natürlich geprägt von der Tugend der Nächstenliebe. Die gehört zum Christsein dazu. Außerdem wollen Christen andere Menschen gewinnen und nicht vor den Kopf stoßen. Allerdings ist die Liebe zum Nächsten ein, aber keineswegs der einzige christliche Wert. Und Liebe üben heißt ja auch, das Beste für den anderen zu wollen, nämlich ihm den Glauben aufzuschließen und ihn daran zu erinnern, daß das Leben nach den Geboten Gottes das Beste für ihn selbst und das ganze Volk ist. Das erregt auch Anstoß. Und das ist gut so. Steeb: Auch Bischöfe müssen es sich gefallen lassen, daß man ihre Taten an ihren Worten mißt. Aber natürlich muß uns klar sein: Auch in den Kirchen ist es von der Einsicht bis zur Umsetzung ein weiter Weg. Darum kommt es gewiß nicht nur auf die Bischöfe, sondern auf jeden Einzelnen an. Wir brauchen ein grundsätzliches Umdenken in unseren Gemeinden. Mission und Evangelisation dürfen nicht mehr länger nur als eine unter vielen Aufgaben der Kirchen angesehen werden nach dem Motto: „Gehört auch irgendwie dazu.“ Sondern sie müssen wieder ins Zentrum gestellt werden. Gerade deshalb freue ich mich auch über die Klarheit bei Bischof Huber, daß er die missionarische Zielsetzung der Kirchen als Kernkompetenz und Kernaufgabe betont. Der jüngste Fall von „nett sein“, statt seinen Standpunkt zu vertreten, ist der des „Christival“ in Bremen Ende April. Der Grünen-Politiker Volker Beck echauffierte sich über ein Seminar, das Homosexuellen helfen sollte, diesen Weg zu verlassen. Ergebnis: Der bayerische Landesbischof Friedrich schlug sich auf die Seite Becks, und das Seminar wurde abgesagt. Steeb: Alle Wahrheit beginnt mit Differenzierung. Darum nehmen Sie bitte folgende Präzisierung zur Kenntnis: Nicht die „Christival“-Leitung hat das Seminar abgesagt, sondern die Gruppe, die das Seminar angeboten hat, hat es mit der Begründung zurückgezogen, daß das wichtige Thema Homosexualität nicht zum Hauptthema der Berichterstattung über das Christival werden sollte. Denn das werde dem Gesamtanliegen des „Christival“ nicht gerecht. Und was Bischof Friedrich angeht: Der hat Volker Beck in einem persönlichen Brief zwar geschrieben, daß er ein Seminar nicht als geeigneten Ort für die Seelsorge an Homosexuelle erachte – was auch gar nicht vorgesehen war. Volker Beck hat diese Sätze aber aus dem Zusammenhang gerissen und ohne die Zustimmung des Bischofs zitiert. Hätte der Bischof sich nicht vor die gesamte Veranstaltung stellen müssen? Steeb: Bischof Friedrich hat zusammen mit anderen Bischöfen evangelischer Landeskirche dem „Christival“ öffentlich das Vertrauen ausgesprochen und dazu ermutigt, daß Christen an diesem Kongreß teilnehmen. Dennoch erweckt der Verzicht auf das Seminar den Eindruck, Volker Beck habe recht – sonst hätte er sich nicht durchgesetzt. Die Christen dagegen stehen in der öffentlichen Wahrnehmung da, als hätten sie etwas Unziemliches versucht und seien dabei erwischt worden. Steeb: Ich nehme den Eindruck in der Öffentlichkeit anders wahr. Es ist legitim, wenn die Veranstalter das große Ziel im Auge behalten und keine Nebenkriegsschauplätze wollen. Aber dem Ansinnen der Einschüchterung muß man natürlich hart entgegentreten. Deshalb haben wir als Deutsche Evangelische Allianz in der Sache klar Position bezogen: Wir halten Homosexualität nicht für eine erstrebenswerte Lebensnorm. Und es kann erst recht nicht sein, daß in unserer demokratischen Gesellschaft die Meinungs- oder gar die Therapiefreiheit eingeschränkt werden! Fügen sich die Vorstöße gegen das „Christival“ möglicherweise in eine Strategie, in eine Phalanx von Angriffen gegen das konservative Christentum und seine Vertreter ein? Steeb: Das könnte sein. Denn Volker Beck geht es augenscheinlich nicht nur um dieses eine Seminar. Inzwischen hat er ein weiteres aufs Korn genommen, ausgerechnet wo es um die Auseinandersetzung mit Kindesmißbrauch geht. Und die Anfrage in einem Seminartitel, ob Abtreibung wirklich im Sinne Gottes sein könne, hat Pro Familia aufgeregt, so als ob sich nicht auch unsere Verfassungs- und Rechtslage klar gegen die Tötung ungeborener Kinder ausspreche. Also: Handelt es sich vielleicht nicht eigentlich um einen Generalangriff auf christliche Positionen, die anscheinend nicht mehr offen in unserer Gesellschaft vertreten werden können sollen? Wie lautet Ihre Antwort? Steeb: Die Kritik richtet sich nach meinem Eindruck gegen das christliche Menschenbild insgesamt. Offenbar gibt es Personen und Organisationen, die unsere Gesellschaft in ihrem Sinne umbauen wollen. Und ich bin erschrocken darüber, daß die Sicht, die die Kritiker des „Christival“ einnehmen, inzwischen von vielen unkritisch übernommen wird. Wir möchten dagegen, daß unsere Gesellschaft auch in Zukunft auf den Grundlagen beruht, die die Verfassungsväter sehr deutlich in der Präambel des Grundgesetzes formuliert haben, wo der „Verantwortung vor Gott“ eine zentrale Rolle zukommt. Und wir achten Artikel 1 hoch mit der „Würde des Menschen“, die alle zu achten haben. Diese Würde beinhaltet auch, daß Menschen das Recht haben, sich zu ändern. Auch darf der Vorrang und besondere Schutz für Ehe und Familie nicht übersehen werden. Das Christentum steht also nicht gerade eben noch so geduldet nur irgendwo am Rande der Gesellschaft, sondern zentral in ihrer Mitte. Man hat nicht den Eindruck, daß die Landeskirchen sich dieser Herausforderung bewußt sind, im Gegenteil, wenn man nur etwa an all die Gender-Beauftragen in der EKD denkt, muß man zu dem Schluß kommen, sie treibt den von Ihnen kritisierten Umbau unserer Gesellschaft sogar mit voran. Steeb: Auch ich würde mir natürlich wünschen, daß die Evangelische Kirche in Deutschland mit ihren Landeskirchen in elementaren ethischen Sachfragen eindeutiger und geschlossener öffentlich Stellung nehmen und dem Zeitgeist weniger Raum geben würde. Das gilt auch für die wirklich große vor uns stehende Herausforderung des Gender Mainstreaming, das unter dem Deckmantel anscheinender Gleichstellung die schöpfungsgemäße Polarität der Geschlechter negieren will. Hier braucht es dringend einen kirchlichen Weckruf. Sie sind Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, die als konservative widerständige Größe im christlichen Spektrum verstanden werden kann. Steeb: Ja, wir sind konservativ insofern, als die biblischen Inhalte für uns nicht zur Disposition stehen. Nicht wir haben die Bibel zu kritisieren, sondern die Bibel uns. Wir sind aber auch progressiv, weil wir in der Sprache von heute, in modernen Formen und in der kreativen Gestaltung den Herausforderungen unserer Gesellschaft begegnen. Und wir bemühen uns kräftig, das Evangelium für die Menschen unserer Zeit so zu kommunizieren, daß es für sie verständlich ist. Deshalb würde ich die Evangelische Allianz als progressiv-konservativ bezeichnen. Genau die biblisch-christlichen Werte, die konstitutiv für unsere Gesellschaft sind, sind es zugleich auch, die uns überhaupt erst Zukunft ermöglichen. Wir bekennen mit der ganzen Christenheit, daß Gott die Welt geschaffen hat. Deshalb weiß er am besten, wie Menschen ihr Leben optimal gestalten können. Wegen dieses konservativen Ansatzes steht die Evangelische Allianz bei vielen Landeskirchen nicht hoch im Kurs. Steeb: Ich habe den Eindruck, daß wir insbesondere auf der Leitungsebene inzwischen wieder durchaus geschätzt werden. Manche in den Landeskirchen verharren freilich noch im alten Denken, die Evangelikalen stünden immer in Konfrontation zu den Kirchen. Wir suchen den Konflikt aber nicht. Wir suchen nicht mit Lust die Konfrontation, sondern bestimmen mit Überzeugung unsere Position. Diese lassen wir uns aber nicht um eines falschen Friedens willen nehmen. Insofern sind wir in der Tat immer wieder anstoßerregend für jene, die ein stromlinienförmiges Christentum vorziehen. Welches sind denn die Kräfte, die Kirche und Christentum heute unter Druck setzen? Steeb: Diese sind vielfältig. Zweifellos haben wir es mit einem immer stärkeren und offensiveren Atheismus zu tun. Denken Sie etwa an das Allgemeine Gleichstellungsgesetz, mit dem solche Kräfte gerne unterbinden würden, daß Kirchen ihre Mitarbeiter nach glaubensrelevanten Gesichtspunkten aussuchen. Des weiteren wird die Political Correctness gern zum Instrument gegen christliche Positionen gemacht. Man darf dann keine abweichende Meinungen mehr äußern, ohne verfemt zu werden. Und es gibt eine Respektlosigkeit gegenüber christlichen Grundwerten und Grundüberzeugungen. Heute muß man sich fast schon entschuldigen, wenn man etwa als Ort für die geschlechtliche Gemeinschaft ausschließlich die Ehe als richtig ansieht, sich nicht der Verhütungsgesellschaft anschließt, sondern Kinder als Gabe Gottes gerne und vorbehaltlos annimmt, sich gegen die Pornographisierung unserer Gesellschaft einsetzt und Abtreibung als die Tötung ungeborener Kinder bezeichnet und sich nicht damit abfindet, daß weltweit täglich doppelt so viele Menschen im Mutterleib ihr Lebensende finden als durch Hunger, Armut, Naturkatastrophen, Seuchen und seuchenartige Erkrankungen. Und wir dürfen schließlich auch die Tatsache einer möglichen schleichenden Islamisierung nicht übersehen. Aber unser größtes Problem ist hausgemacht: Wir Christen leben nicht offensiv unseren Glauben. Daß Kirchen mangels Masse geschlossen werden, darf man ja nicht anderen Religionen und Ideologien in die Schuhe schieben. Alle anderen Probleme wären doch zu meistern, wenn die Kirchen voll und die Menschen fröhliche und beigeisterte Christen wären. Das ist die eigentliche Herausforderung: Wir müssen endlich wieder Christen werden! Hartmut Steeb ist Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, der größten theologisch konservativen christlichen Sammlungsbewegung in Deutschland, die mit anderen zu dem inzwischen heftig befehdeten Jugendkongreß „Christival“ Ende April in Bremen einlädt. Steeb gilt als deutlicher Kritiker der Preisgabe christlicher Inhalte in unserer Gesellschaft und der Tendenz, konservative Christen als Fundamentalisten zu verunglimpfen. Der 1953 in Stuttgart geborene Diplom-Verwaltungswirt ist Vater von zehn Kindern. Deutsche Evangelische Allianz: Die DEA gehört zur 1846 in London gegründeten weltweiten Bewegung der Evangelischen Allianz. Ziel ist es, der Säkularisierung Europas und der Zersplitterung der christlichen Gemeinden entgegenzuwirken. Theologisch gilt sie als konservativ, der Wahrheit der Bibel streng verpflichtet. Da „evangelisch“ sich nicht auf die Konfession, sondern auf das Evangelium bezieht, gehören dem Netzwerk der DEA auch Katholiken an. Die Zahl der zugehörigen Christen wird auf 1,3 Millionen geschätzt, sie kommen aus Landes- wie aus Freikirchen und freien christlichen Initiativgruppen. Kontakt und Informationen: Esplanade 5-10a, 07422 Bad Blankenburg, Telefon: 036741 / 24 24, im Internet: www.ead.de 5. Christival: Der missionarische Jugendkongreß findet vom 30. April bis 4. Mai 2008 in Bremen statt. Beim letzten Christival 2002 in Kassel kamen rund 22.000 Besucher. Veranstalter ist der „Verein Christival“, der in Kooperation mit der DEA arbeitet. weitere Interview-Partner der JF

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