Langen Müller Sarrazin Wir schaffen das

 

Ganz oben angekommen

Ich gehe davon aus, daß es in jedem Fall möglich ist, mittelfristig eine mehrheitsfähige Alternative zur schwarz-blauen Koalition in Österreich zu etablieren“, prophezeite vor sieben Jahren SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer im Interview mit der JUNGEN FREIHEIT (JF 7/00). Seit vergangener Woche ist der 46jährige am Ziel – und österreichischer Bundeskanzler. Doch der Preis dafür ist hoch, vielleicht zu hoch. Schon am Tag der Angelobung riefen der Verbund sozialistischer Studenten (VSStÖ), die SPÖ-Jugend und sogar hochkarätige Sozialdemokraten wie Franz Voves (steirischer Landeshauptmann) zum Protest gegen den neuen Regierungschef. Am Wiener Ballhausplatz versammelten sich etwa 2.000 enttäuschte SPÖ-Anhänger, sie riefen „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“ oder „Gusenbauer, Bildungsklauer“. Doch nicht nur die Beibehaltung der Studiengebühren war der Preis für die Große Koalition mit der ÖVP – die bisherige Kanzlerpartei erhält mit Finanz-, Außen-, Innen- und Wirtschaftsministerium alle Schlüsselressorts. Die von SPÖ-Wählern ersehnte soziale „Wende“ bleibt aus. Dabei hatte sich Gusenbauer als waschechter Sozialdemokraten aus einfachen Verhältnissen verkauft. Seine Mutter arbeitete in einer Fabrik, sein Vater auf dem Bau. Alfred schaffte es dennoch von der Volksschule in Ybbs an der Donau bis zur Promotion an der Universität Wien. Der Vorzeigesozialist, der emsig die Schriften von Marx, Engels und Otto Bauer studiert hatte, machte über die SPÖ-Jugendorganisation (SJ) schnell Karriere. Als SJ-Funktionär sorgte „Mr. Tlapa“ (so genannt nach seiner bevorzugten Nobel-Jeansmarke), daß die Blauhemden, die aus DDR für die SJ importiert wurden, abbestellt wurden: „Der Wille, sich durch das Aussehen vom Bürgertum zu unterscheiden, ist kleinbürgerlicher Linksradikalismus.“ Gleichzeitig entblödete er sich nicht, bei einem offiziellen Moskau-Besuch 1983 im Papst-Stil den dortigen Flughafenboden zu küssen. Dennoch gelang ihm zehn Jahre später der Sprung in den Nationalrat. In den Jahren der Großen Koalition (1987 bis 1999) wurde es still um „Gruselbauer“ (Ex-SPÖ-Kanzler Fred Sinowatz). Seine große Stunde war zugleich die bitterste der SPÖ. Die verlorene Nationalratswahl 1999 hievte ihn zunächst auf den Platz des Bundesgeschäftsführers. Anfang 2000 siegte er im parteiinternen Machtkampf über den favorisierten „rechten“ Ex-Innenminister Karl Schlögl. Die Oppositionsjahre überstand Gusenbauer eher schlecht als recht. Als er 2002 die versprochene rot-grüne Wende nicht schaffte und ÖVP-Chef Schüssel einen triumphalen Wahlsieg einfuhr, rumorte es in der SPÖ. Doch mangels Alternative blieb er an der Spitze – und am 1. Oktober 2006 schaffte er das Unerwartete: Die SPÖ wurde trotz Verlusten mit 35,34 Prozent stärkste Fraktion. Doch Gusenbauers Kanzlerschaft mit ÖVP-Programm könnte zum Pyrrhussieg für die SPÖ und zum Konjunkturprogramm für FPÖ/BZÖ, Grüne und auch KPÖ werden.

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