Von Schrot und Korn

Charlotte Knobloch ist ein politischer Mensch, deshalb läßt sie sich in die Pflicht nehmen. In einem Alter, in dem andere ihr Privatleben genießen, tritt die 73jährige die Nachfolge des verstorbenen Paul Spiegel an. Für das Amt der Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland bringt sie eine Lebenserfahrung mit, welche die Metamorphose zur Verbandsfunktionärin gewöhnlichen Zuschnitts nicht zuläßt. Geboren 1932 in München als Tochter eines Rechtsanwalts, fiel ihre Kindheit in die NS-Zeit, die Erinnerungen daran sind schrecklich. In der Nähe der elterlichen Wohnung befand sich das Büro der NSDAP-Ortsgruppe. In aller Herrgottsfrühe klingelten Parteigenossen an der Wohnungstür, um mal das Radio, ein andermal das Silberzeug zu beschlagnahmen. Kurz bevor ihr Vater inhaftiert wurde, nahm die Haushälterin das Kind mit auf den Bauernhof ihrer Eltern und gab sie – in einem katholischen Umfeld – als uneheliche Tochter aus. So überlebte das Mädchen. Charlotte Knobloch hat also beides erfahren: die tiefste Niedertracht und die hingebungsvollste Menschlichkeit. Die resolute, freundliche Dame zeigt sich nicht verbittert. Ihre praktische Bodenständigkeit hat sie vor diesem Schicksal vieler intellektuell geprägter Menschen, die über die Erfahrung der Ausgrenzung und des Ausgeliefertseins zu grübeln beginnen, bewahrt. Das Verstörende der Verfolgung ist jedoch auch ihr eingeprägt geblieben. Daher ihre emphatische Begeisterung über Edmund Stoiber, als der an die Adresse der Juden in Bayern erklärte: „Wir gehören zusammen!“ Das hier einer nicht seine Treue erklärte, sondern Politik machte, blieb ihr in ihrer durchaus sympathischen unmittelbaren Rührung verborgen. Seit 1984 Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in München, wurde sie 1999 Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden. Sie legt Wert darauf, deutsche Bürgerin, keine „Mitbürgerin“ zu sein. Die Juden in Deutschland müßten ihre Wurzeln kennen, meint sie, aber eine Selbstdefinition über den Holocaust wäre „schrecklich“. Daß ihre nicht-jüdische Umwelt unterschwellig genau das betreibt, ahnt Knobloch nur – oder: immerhin -, wenn sie zum Beispiel mahnt, der Philosemitismus sei kaum weniger abzulehnen als der Antisemitismus. Ihre Kandidatur für das neue Amt ergab sich, weil der als Vordenker geltende Vize Salomon Korn sich nicht weiter exponieren wollte, Michel Friedman noch als Paolo Pinkel in Erinnerung ist. Wer Knobloch nun als Platzhalterin sieht, unterschätzt ihr Selbstbewußtsein. In einem JF-Interview im Jahr 2000 zu komplexen gesellschaftlichen Probleme zeigte sich ihre Argumentation auf verblüffende Weise unkompliziert. Um durch das Geflecht aus unvermeidlichen Widersprüchen und Vereinfachungen zur moralischen Kernbotschaft vorzudringen, auf die es schließlich ankommt, brauchte man viel guten Willen. Den Anspruch darauf kann Charlotte Knobloch im neuen Amt erst recht geltend machen.

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