Joachim Kuhs

 

Der Salon-Rechte

Derzeit liest Wolfram Weimer mit Vorliebe der CDU per Medienauftritt die konservativen Leviten. Kein gutes Haar läßt er dann an ihrem geistig-weltanschaulichen Niveau. Kein Wunder, sieht sich Weimer doch sonst intellektuell in einem „gedruckten Salon“ zu Hause, als den er sein „Magazin für politische Kultur“ Cicero betrachtet. Seit fast eineinhalb Jahren erscheint das Heft nun monatlich. Über ein mangelndes Interesse seitens des Publikums oder prominenter Gastautoren kann Weimer nicht klagen. Am Namenspatron gefiel ihm dessen leidenschaftlicher Kampf für die res publica, sein beharrliches Infragestellen der Verhältnisse, die von ihm verkörperte „Macht des Wortes“. Nicht gerade bescheiden, aber auch das historische Vorbild mußte sich schließlich als homo novus – als Emporkömmling – mit donnernden Worten die Achtung der bereits Etablierten erringen. Erleichtert wurde dies Weimers Neuling auf dem hart umkämpften Pressemarkt durch den gewissen Hauch des Elitären: Die Namen der Autoren, Hochglanz und die aufwendige Bebilderung kennzeichnen Cicero als Premiumprodukt; weniger oberflächlich als andere Politillustrierte, aber auch ohne allzuviel intellektuellen Ballast. Und was den Inhalt angeht, so hat der 1964 im hessischen Gelnhausen geborene Weimer offensichtlich eine gute Nase gehabt, um aufzuspüren, was bisher gefehlt hat: Cicero kokettiert mit einer gewissen Unbefangenheit im Umgang mit rechten und linken Meinungen, läßt sie – ganz liberal – alle zu Wort kommen, ohne daß jedoch der Rahmen des common sense verlassen wird. Darf’s ein bißchen politisch unkorrekt sein? Gerne, aber mit Stil. Salon eben, nicht Stammtisch, schließlich ist man unter sich. Und wie sagte schon der (echte) Cicero: „Litterae non erubescunt“ – „Briefe erröten nicht“, oder: Papier ist geduldig. Weimer gehört zweifelsohne zur Creme de la Creme des deutschen Journalismus: Von 1990 bis 1998 schreibt der promovierte Wirtschaftshistoriker für die FAZ, zunächst in Frankfurt, dann als Korrespondent in Madrid. Anschließend wechselt er nach Berlin zur Welt, wird 2001 deren Chefredakteur und übernimmt im selben Jahr auch noch den gleichen Posten bei der Berliner Morgenpost. Gerüchten zufolge soll ihm im Hause Springer die zunehmende Linkslastigkeit der ihn umgebenden Redakteure nicht behagt haben, jedenfalls legte er seine Ämter dort 2002 nieder. Schließlich konnte der maßgeblich nach seinen Vorstellungen zugeschnittene und vom Schweizer Michael Ringier verlegte Cicero im April 2004 Premiere feiern. Wünschenswert wäre, daß Weimer seinem Cicero analog zum historischen Vorbild noch ein bißchen mehr Schärfe gegen die Mächtigen im Staate verliehe, anstatt ihnen reihum ein Forum zur Selbstdarstellung zu bieten. „Videant Consules …!“ heißt es in der 2. Rede Ciceros gegen Catilina: „Mögen die Konsuln zusehen, daß der Staat keinen Schaden nimmt!“

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