Cyrano mal zwei

Bei der stets nach Neuem und vernachlässigten Raritäten suchenden CD Firma cpo sind jetzt kurz nacheinander Einspielungen zweier Opern erschienen, die beide das gleiche Sujet behandeln: die Geschichte vom geistreichen, aber rauflustigen Gascogner Kadetten Cyrano de Bergerac mit der häßlichen langen Nase. Diese hinreißende heroische Komödie aus dem Jahr 1897 stammt von Edmond Rostand und ist mit Gérard Depardieu auch erfolgreich verfilmt worden. Uns beschäftigen aber die beiden Komponisten, die, wenn auch aus unterschiedlichen Kulturkreisen, eine ideale Umsetzung des historischen Stoffes geschaffen haben. Der ältere ist der Italiener Franco Alfano, jener Komponist, der nach Puccinis Tod die „Turandot“ nach den hinterlassenen Notenskizzen vollendet hat und mit dem Toscanini so unfreundlich umging. 1876 in Posillipo bei Neapel geboren, schrieb Alfano die erste von zehn Opern 1896, doch erst 1936 gelang ihm mit dem „Cyrano de Bergerac“ der Durchbruch. Seine Musik besticht in dieser Oper durch die geniale Verschmelzung von romantischer, geradezu melancholischer Zartheit mit veristischen Errungenschaften der modernen Musik. Es gelingen ihm wunderbare Schilderungen von poetischer Schönheit, von impressionistischer Klangmalerei und in den Liebesduetten echte Italianita. Nicht als Leitmotiv, aber als grundlegend für den Geist, den Stil und den Charakter des Werkes wollte Alfano das feurige Lied der Gascogner Kadetten sehen: „Voici les cadets de Gascogne!“ Dem Dirigenten Markus Frank am Pult des Kieler Philharmonischen Orchesters gelingt es hervorragend, die reiche Fülle der Partitur und die musikalische Originalität der Oper hervorzuheben. Roman Sadnik singt den Cyrano mit kraftvoll virilem Tenor. Den hitzköpfigen Draufgänger bringt der Wiener Sänger ebenso überzeugend wie den großmütig verzichtenden Liebenden. Der schöne, aber tumbe Christian wird mit jugendlich hellem Tenor von Paul McNamara gesungen. Manuela Uhl läßt als von beiden Männern geliebte Roxane ihren leuchtenden Sopran glänzen. Auch die vielen kleineren Partien sind typgerecht besetzt. Der Name des Komponisten Eino Tamberg wird in Deutschland auf Unkenntnis stoßen. In seiner Heimat Estland ist der 1930 geborene Tamberg dagegen wohlbekannt; dort werden seine Sinfonien und Konzerte häufig aufgeführt. 1976 erlebte seine Oper „Cyrano de Bergerac“ in Tallinn die Uraufführung; im Herbst letzten Jahres wurde sie auf CD eingespielt. Kein Zuhörer muß befürchten mit modernistischen, atonalen Klängen erschreckt zu werden. Tamberg nennt seinen „Cyrano“ eine romantische Oper, und im Vergleich mit der vierzig Jahre älteren Oper Alfanos wirkt die nordische Version bezaubernd „altmodisch“, von reiner Harmonie, als hätte es keinen Verismo gegeben. Die Arien und Duette Roxanes und Cyranos sind von großem melodischen Reiz. Der Finne Sauli Tiilikainen, der die Figur des Cyrano mit prallem Leben füllt, ist ein edler Bariton, klangschön und mit farbigem Stimmvolumen. Mia Huhta ist die perfekte Besetzung für die Roxane mit ihrem zart silbrigen Sopran. Mati Körts schlanker lyrischer Tenor gefällt als Christian. Jassi Zahharow als Conte de Guiche und Rauno Elp als Kommandant der Gascogner Kadetten sowie die kleineren Partien sind bestens besetzt. Paul Mägi versteht es mit Chor und Orchester der estnischen National Oper die reichen Valeurs von Tambergs Partitur schwelgerisch herauszuarbeiten. Ein beeindruckendes Dokument und ein Zeichen, daß man auch an einer modernen Oper Freude haben kann. Bezugsquelle: Beide Opern sind über cpo, Lübecker Str. 9, 49124 Georgsmarienhütte, zu beziehen.

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