Joachim Kuhs

 

Die Rettung des verfemten Stammtischs

Verschwörungstheorien können manchmal spannend und überraschend sein – und zu völlig neuen historischen Betrachtungsweisen führen. Wir kennen alle die sich hartnäckig haltende These, das alte Rom sei nicht unter den anstürmenden Germanen zerbrochen, sondern dessen Staatselite sei durch bleihaltige Trinkbecher nach und nach vergiftet worden. Ralf Küttelwesch präsentiert in seiner Anthologie „Der konservative Rausch“ rund um den Alkoholgenuß gleich mehrere solcher Kostbarkeiten: etwa die Theorie, Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg sei nicht zuletzt durch den zügellosen Alkoholismus der deutschen Soldaten herbeigeführt worden. So zitiert der Autor aus einem Regimentsbefehl vom 11. Juni 1918: „Ganz besonders warne ich vor dem übermäßigen Genuß an vorgefundenem Alkohol. Nach Einnahme von Albert, Moreuil und Soissons stockte die gut fortschreitende Offensive, da sich die Truppen sinnlos betrunken hatten und nicht zum Vorgehen zu bewegen waren.“ Doch Küttelweschs Thema sind nicht Saufgelage militärischer Einheiten, er versucht – entsprechend dem Buchtitel – auf originelle und belesene Art und Weise das Trinken an sich weltanschaulich zu betrachten. Zugegebenermaßen erfordert das in Zeiten von Drogenbeauftragten, Alkopops und Billigschnaps die Bereitschaft, sich auf Küttelweschs Herangehensweise überhaupt einzulassen. Es geht beim „konservativen Rausch“ allerdings keineswegs um den asozialen Exzeß, der in der Selbstverlorenheit in der Droge endet – Küttelwesch beschreibt das Trinken in gemeinschaftsstiftendem Rahmen. Es geht um Brauchtum, Initiation und das gepflegte Gelage, wie man es heute kaum mehr kennt. Das, was man gemeinhin als „Feuchtfröhlichkeit“ bezeichnet, versucht Küttelwesch herauszuarbeiten. Den Weg der Zecherrunde säumen zahlreiche große Namen aus der deutschen Geschichte. Selbst Karl der Große äußert sich zum Alkohol, wenn auch gleich mit einer heiligen Trinkerregel: „Niemand darf einen anderen zum Trinken zwingen.“ Von Otto von Bismarck hingegen ist bekannt, daß er seine Jugend „versprühend, vertrinkend, verstreitend“ als Corpsstudent verbrachte. Selbstverständlich fehlen auch Ernst Jüngers Annäherungen nicht in Küttelweschs Anthologie. „Ich sah die Kameraden jetzt besser“, stellt der Literat im Rückblick auf ein berauschendes Erlebnis während seiner Wandervogelzeit fest. Das Buch beinhaltet eine Fülle solcher Geschichten und Anekdoten um das Trinkerlebnis – kommt aber immer wieder zum zentralen Punkt, dem darin innewohnenden „Konservativen“ zurück. So gewinnt der Autor dem Trinken an sich durchaus etwas Positives ab – in Zeiten, in denen vor der „Volksdroge Alkohol“ gewarnt wird, alles andere als en vogue. Am Ende beschwört der Autor, dem die Rettung des vielverfemten „Stammtischs“ Ehrensache ist, den Geist der leeren Flasche: „Eine leere Flasche als Flaschenpost, geworfen in das Meer der Gedanken, könnte Rettung bringen aus dem Land der Bodenständigkeit und der Hoffnung.“ Prost. Ralf Küttelwesch: Der konservative Rausch – Abenteuer Alkohol und andere Geschichten. Verlag Factum Coloniae, Köln 2005, 284 Seiten, gebunden, 24,95 Euro

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