Der Preisträger

Orhan Pamuk, der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ist irritiert: „Ich bin kein Politiker, sondern ein Schriftsteller.“ – Was ist geschehen? Am 5. Februar 2005 hatte der international erfolgreiche türkische Romancier gegenüber dem Zürcher Tagesanzeiger formuliert: „Man hat hier 30.000 Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also mache ich es. Und dafür hassen sie mich.“ Der Haß seiner – so Pamuk – „ultra-rechten“ Feinde brodelte, und der 53jährige folgte dem dringenden Rat seiner Verleger und flüchtete an die Columbia-Universität in New York. Nach einigen Monaten kehrte er in die Türkei zurück: „Ich habe Glück gehabt, mir ist nichts passiert.“ Die haßerfüllten Reaktionen auf seine Äußerungen verstehe er „als Teil der türkischen Realität“. Diese Realität ließ dann auch nicht lange auf sich warten: Just zu dem Zeitpunkt, als der Türkei auf ihrem Weg nach Europa die vermeintlich vorletzte Tür geöffnet wurde, erhob der Staatsanwalt des Istanbuler Bezirks Sisli Anklage. Herabsetzung der „türkischen Identität“ und des „Türkentums“, lautet der Vorwurf, und von einer Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren ist die Rede. Der in Istanbul geborene und heute auf einer Insel 60 km vor der Stadt lebende Pamuk ist gewarnt und kam aus seiner literarischen Deckung. Er habe nicht explizit von Völkermord gesprochen, habe sich im Februar zudem sehr spontan geäußert und erkenne an, daß gegen Ende des Osmanischen Reiches auch viele türkische Soldaten in den Kämpfen umgekommen seien und den Respekt der Nation verdienten. Was unter anderem auch für die blutigen Auseinandersetzungen mit den Kurden in der neueren Zeit gelte. Der umstrittene Schriftsteller bewegt sich auf dünnem Eis. Dafür wird er von den europäischen Feuilletons gefeiert und den Institutionen geehrt. Denn der Stiftungsrat des Friedenspreises honorierte nicht nur Pamuks literarische Mittlerrolle zwischen europäischer und türkischer Kultur, sondern ebenso dessen Unerschrockenheit im Aufgreifen der „brennenden Gegenwart“ in der Türkei. „Man weiß nie, wofür man einen Preis bekommt. Für dieses Buch? Oder jenes?“ rätselt Pamuk im Tagesspiegel. Vielleicht für seinen jüngsten Roman „Schnee“ (2005), in dem viel von den politischen west-östlichen Konfliktlinien in Anatolien die Rede ist? Von diesem Werk sagt der Autor nun resignierend: vielleicht habe er den „Fehler gemacht, ausnahmsweise einen politischen Roman zu verfassen“. Dieser Tage wird Orhan Pamuk ob seines Mutes und seiner Kreativität gefeiert. Nur dem deutschen Leser ist er immer noch kein Begriff. Doch dafür hat Pamuk eine Erklärung: „Die Deutschen lassen sich leider nicht durch die türkische Kultur beeindrucken. Und die meisten Türken in Deutschland haben sich in ihren Ghettos des Türkischseins abgeschottet.“

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