Der Laue

Der CDU empfahl er 2002, das „C“ aus ihrem Namen zu streichen. Ein Jahr später predigte Seine Eminenz Kardinal Meisner über die Entkoppelung der Werte von Gott, die „gleichsam auf natürliche Weise giftige Stoffe (freisetze), die langsam das lebendige Gewebe unseres christlichen Abendlandes verseuchen und vergiften und schließlich zerstören“. Erwartungsgemäß gab es einen Aufschrei, vor allem von seiten der Homosexuellenlobby, die sich als „Todeskeim“ der christlichen Gesellschaft identifiziert sah. Er gilt gemeinhin als einer der konservativsten Theologen in Deutschland, und immer wieder vernimmt man markige Sprüche aus seinem Munde. Wie ein „Sturm“, so Meisner zum Beispiel, müsse der „Gottesgeist hineinfahren und alles wegblasen, was die Stimme der Kirche, was ihr prophetisches Wort relativiert, was die Leuchtkraft ihrer Botschaft vernebelt“. Von dem großen Sturm war allerdings nur ein laues Lüftchen übrig, als Paul Spiegel am vergangenen Freitag genau dies bezüglich der jüngsten Äußerungen des Kardinals zum Verbrechen der Abtreibung tat (siehe Seite 1): Seine Eminenz knickte ein und entschuldigte sich umgehend. Deutlicher hätte der Kardinal nicht zeigen können, daß er zu den „typisch deutschen“ Konservativen gehört, die immer dann kehrtmachen, wenn es brenzlig wird. Dabei berief ihn Johannes Paul II. 1988 zur Schaffung einer „neokonservativen“ Achse zum Erzbischof von Köln. Als Weihbischof von Erfurt/Meiningen – seit 1975 – hatte ihn der damalige Krakauer Kardinal kennen- und schätzen gelernt. Geboren 1933 in Breslau, wurde Meisner 1962 in Erfurt zum Priester geweiht. Seit 1980 Bischof von Berlin, leitete er unter anderem das Ost-Hilfswerk „Renovabis“ und kümmerte sich um die Beziehungen zu Ost- und Mitteleuropa. Der antikommunistische Kampf der Kirche war allerdings inzwischen zu „beiderseitigem Respekt“ verkommen, nachdem schon eine Verurteilung durch das II. Vatikanische Konzil von liberalen Kirchenkreisen verhindert worden war. Daran änderte dann auch Papst Johannes Paul II nichts. Gestützt auf die verhängnisvolle „Nouvelle Théologie“ eines Henri de Lubac wurden weitere „Fronten begradigt“. Wer dieser Richtung nicht folgen wollte, hatte keine Chance. Meisner ging konform, und das trug Früchte. Zwar wurden viele Glaubenswahrheiten aufgeweicht, aber in einem Punkt bleibt sich die Kirche bis heute treu: in Fragen der „Familienpolitik“. Danach ist Abtreibung ebenso wie Ehescheidung eine schwere Sünde. Dieser Minimalkonsens reicht aus, um heute als „erzkonservativ“ zu gelten. Immerhin profilierte Meisner sich aber als Förderer der Personalprälatur Opus Dei. Und im Vergleich zu dem Mainzer Kardinal Lehmann, den man nur noch mit gutem Willen „katholisch“ nennen kann, ist Meisner tatsächlich „erzkonservativ“. Wie fest er allerdings zu seinen Überzeugungen steht, konnte man jüngst „eindrucksvoll“ erleben.

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