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„Patriot bis in den Tod“

Frau Dr. Meyer-Krahmer, Ihr Vater, der als Leipziger Oberbürgermeister und Präsident des deutschen Städtetages in den dreißiger Jahren in ganz Deutschland bekannte deutschnationale Politiker Carl Goerdeler, gilt als der wichtigste Zivilist im Kreise des militärischen Widerstandes vom 20. Juli 1944. Doch während Graf Stauffenberg ebenso wie zum Beispiel die Geschwister Scholl zunächst noch an den Nationalsozialismus glaubten, führte der Konservatismus Ihres Vaters diesen schon in den dreißiger Jahren in die Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten. Meyer-Krahmer: Als Konservativer beharrte mein Vater unbedingt auf den Traditionen der Rechtsstaatlichkeit, ebenso wie auf dem Prinzip von Sitte und Anstand gegenüber jedermann. Als zum Beispiel die SA in Leipzig auf offener Straße Juden verprügelte, erschien mein Vater mit Polizei und ging dazwischen. Es war seine Stadt, das waren seine Bürger, und er fühlte sich für alle verantwortlich. Heute wird ihrem Vater – im Zuge der immer wieder versuchten Diskreditierung des nationalkonservativen Widerstandes – gern seine autoritäre politische Haltung vorgeworfen. Meyer-Krahmer: Mein Vater kam aus der Verwaltungslaufbahn und dachte als Kommunalpolitiker in den Kategorien einer effizienten Verwaltung. Im Chaos der Weimarer Republik setzte er auf eine autoritäre Lösung durch das Präsidialkabinett des Zentrum-Politikers Heinrich Brüning, für dessen Unterstützung er sogar mit seiner Partei, der DNVP, brach. Aus heutiger Sicht führte die Praxis der Präsidialkabinette scheinbar direkt zu Hitler – aus damaliger Sicht hätte sie auch ein Weg sein können, ihn zu verhindern. Seinen autoritären Ansatz verstand mein Vater nicht als Privilegierung, sondern als Form der Verantwortung gegenüber anderen. Wie haben Sie Ihren Vater privat erlebt? Meyer-Krahmer: Meine Geschwister und ich hatten einen liebevollen, zärtlichen Vater, einen, der uns in den Arm nahm, und zur Guten-Nacht küßte. Er war alles andere als kalt, weder war er ein familiärer Autokrat noch ein unnahbarer Märtyrer-Vater. Ich würde sagen, er hatte ein unmittelbares Gefühl für Gerechtigkeit. Über die Deportation der Leipziger Juden sagte er beispielsweise: „Wie kann ein deutscher Mann dem nur zuschauen, ohne zu weinen?“ Und die Behandlung der Polen im besetzten Generalgouvernement nannte er in einem Memorandum an damalige Generäle „teuflisch“. Das ist für mich das Entscheidende: Die Leute des 20. Juli sind dem Glanz des Nationalsozialismus nicht erlegen, sondern fragten, um welchen Preis dieser erkauft worden war, während sich das Volk – wenn ich es böswillig formuliere – fast „besoffen“ von den NS-Erfolgen zeigte. Andererseits setzte auch Ihr Vater schließlich darauf, die revolutionäre Dynamik der Nationalsozialisten mit ihrer Fähigkeit zur Massenmobilisierung für die konservativ-autoritäre Stabilisierung des Staates nutzen zu können. So hat er als Oberbürgermeister und schließlich als Reichspreiskommissar nach eigenem Bekunden zunächst „vertrauensvoll“ mit der NSDAP zusammengearbeitet. Meyer-Krahmer: Mein Vater war ein ganz praktischer Mensch. Sein Herkommen aus der Kommunalpolitik ließ ihn die Dinge weniger unter ideologischen als unter praktischen Gesichtspunkten betrachten. Unter diesem pragmatischen Aspekt sah er auch die Kooperation mit der NSDAP. Und in den ersten zwei Jahren nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten bestätigten erste Erfolge seine Annahme, er könne auch unter den neuen Machthabern etwas bewirken. Die tiefgreifenden Absichten der Nazis hat er damals noch nicht durchschaut. Ihr Urteil über die Deutschen unter Hitler ist streng, gegenüber Ihrem Vater zeigen Sie jedoch viel Verständnis. Muß, was für den Bildungsbürger und gewandten Politiker Carl Goerdeler gültig ist, nicht erst recht für die einfachen Deutschen gelten? Meyer-Krahmer: Das ist richtig. Aber es gab schließlich bei meinem Vater und den anderen Männern des 20. Juli einen stringenten Weg in den Widerstand. Heute wissen wir, daß jeder, der mit den Nationalsozialisten kooperierte, ihnen letztlich diente, auch wenn das nicht seine Absicht war. Damals aber war das ganz und gar nicht so klar. Quellen belegen zum Beispiel, daß sogar in den Reihen der SPD im Untergrund große Hoffnungen in die Regierungstätigkeit meines Vaters gesetzt wurden und auch die große Enttäuschung, als er schließlich resigniert aufgab. Oder denken sie an Carlo Schmid, der schrieb, man hätte im Prager Exil auf gepackten Koffern gesessen, weil man davon ausgegangen sei, Hitler halte sich sowieso nicht lange. Also nicht einmal bei der damals verfolgten SPD war man sich über die wahren Zustände im klaren. Wir Nachgeborenen haben heute leicht reden. Einerseits hat Ihr Vater immer wieder gegen ungesetzliche Willkürmaßnahmen der Nationalsozialisten gekämpft, Juden, Sozialdemokraten und anderen geholfen, andererseits erklärte er sich grundsätzlich mit einer Segregation der Juden, also einer Art „Apartheid“, einverstanden, wenn diese nur nach rechtsstaatlichen Grundsätzen vor sich ginge. Meyer-Krahmer: Ich gebe zu, daß mein Vater leider zu sehr einer rechtspositivistischen Einstellung verhaftet war, aber ich möchte die Kritiker fragen, welches andere Mittel, als das reine, formale Beharren auf Rechtsnormen mein Vater denn hatte, um sich gegenüber den Nazis für verfolgte Menschen einzusetzen? Seine rechtspositivistische Position hat wahrscheinlich weit mehr Menschen geholfen, als es mit einem moralischen Standpunkt, vor dem die Nationalsozialisten gewiß gar keinen Respekt gehabt hätten, möglich gewesen wäre. Man sollte zudem nicht vergessen, daß mein Vater ohne Not alles riskiert und schließlich sogar seinen Tod in Kauf genommen hat, obwohl er über lange Zeit, als alles danach aussah, als ob die Nazis wirklich tausend Jahre regieren würden, mit nur einer kleinen Geste Frieden mit den Machthabern schließen und Karriere hätte machen können. In der Tat hätte es Ihr Vater mit gutem Gewissen bei seinem Engagement für die Verfolgten des Regimes bis zu seiner Amtsenthebung 1936 belassen können. Warum tat er den Schritt aus der Resistenz in den lebensgefährlichen aktiven Widerstand? Meyer-Krahmer: Mein Vater war im Grunde – anders als ich – ein guter Patriot, so wie alle Beteiligten des 20. Juli 1944. Und zwar ein Patriot, bereit dazu für seines eigenes Volk zu leiden. Eine Bereitschaft, die wir heutzutage gar nicht mehr kennen. Ich glaube, meine Enkel würden in einer Situation wie damals eher sagen: „Laß uns nach London auswandern“, als hierzubleiben und unter Einsatz des eigenen Lebens etwas für Deutschland zu tun. Das klingt wie ein Vorwurf – gleichzeitig betonen Sie selbst keine Patriotin zu sein? Meyer-Krahmer: Nein, ich hänge nicht so an dem Land, in dem ich lebe, und erst recht verehre ich es nicht, wie das mein Vater tat. Was meinen Sie mit verehren? Meyer-Krahmer: Er glaubte daran, daß das deutsche Volk eine ihm eigene Würde besaß, die in den Werten zum Ausdruck käme, die er als typisch deutsche Tugenden bezeichnet hätte, wie zum Beispiel Ritterlichkeit oder Aufrichtigkeit. Er war furchtbar enttäuscht, als sich herausstellte, daß viel zu wenige bereit waren, für diese deutschen Tugenden einzustehen. Statt dessen richteten die Deutschen ihn und seinen Bruder Fritz hin und steckten seine Familie ins KZ. Hätte Ihr Vater auch „die Deutschen“ formuliert, oder hätte er „die Nationalsozialisten“ gesagt? Meyer-Krahmer: Ja, mein Vater wäre nicht so streng gewesen. Bis zum Schluß sagte er sich nicht von den Deutschen los, sondern fühlte sich ihnen – obgleich viele ihn für einen Verräter hielten – verbunden. Er war Patriot bis in den Tod. Spüren Sie Verbitterung über die Deutschen wegen der Hinrichtung Ihres Vaters und Ihres Onkels sowie Ihrer KZ-Haft? Meyer-Krahmer: Nein, aber es ist nun einmal Tatsache, daß uns die Amerikaner und nicht die Deutschen daraus befreit haben. Heute wird in der offiziellen Erinnerung an den 20. Juli der Patriotismus der Widerständler nur allzu gern hinter der Formel „Aufstand des Gewissens“ versteckt. Meyer-Krahmer: Es trifft zu, daß heute bei weitem unterschätzt wird, welche Rolle der Patriotismus für das Zustandekommen des Widerstandes spielte. Aber dieser Patriotismus existiert nun einmal heute nicht mehr. Schauen Sie sich doch nur die jungen Leute von heute an! Einer meiner Enkel arbeitet zum Beispiel in London, der andere würde gerne nach New York ziehen. Und diese Ungebundenheit ist doch auch schön! Warum sollen sie da noch eine besondere Bindung an ihr Land verspüren? Das kann man den jungen Leuten von heute nicht mehr abverlangen. Also sollen die Männer des 20. Juli lieber nicht Helden der Deutschen sein? Meyer-Krahmer: Ich halte es da mit Bertolt Brecht, der im „Galilei“ gesagt hat: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Und wer soll uns vor solchem Unglück bewahren? Meyer-Krahmer: Wir müssen unsere Demokratie hüten, alle müssen mitarbeiten, alle passen auf! Schließlich haben wir heute eine freie Presse. Die gab es vor 1933 auch. Meyer-Krahmer: Und diesmal muß sie erhalten bleiben. Wenn Sie keine Helden wollen, bedeutet das, daß Sie gegen überschwengliche Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag des 20. Juli sind? Meyer-Krahmer: Überschwenglich sollten die Feiern in der Tat nicht sein, aber ich bedauere, daß eigentlich nur zu runden Jahrestagen ein wirkliches öffentliches Interesse vorhanden ist und nicht in jedem Jahr. Das zeigt, daß den Deutschen der 20. Juli nicht wirklich wichtig ist, auch wenn heutzutage laut Umfrage die große Mehrzahl das Datum positiv bewertet, anders als in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik, wo die Feiern ohne innere Überzeugung zur politischen Imageaufbesserung instrumentalisiert wurden. Könnte der Grund für dieses Desinteresse der Deutschen nicht sein, daß die Widerstandskämpfer eben eher als kühle unnahbare Moralphilosophen – erneut Stichwort „Aufstand des Gewissens“ -, denn als warmblütige deutsche Patrioten dargestellt werden. Da mag Bewunderung, wie aber soll Zuneigung und Begeisterung entstehen? Meyer-Krahmer: In der Tat zeigt die Formel „Aufstand des Gewissens“ in mancher Hinsicht Abnutzungserscheinungen. Ich habe als Lehrerin meinen Schülern immer beizubringen versucht, sich auch um ihre Mitschüler zu kümmern – nicht als abstraktes moralisches Prinzip, sondern aus gefühlter und gelebter Solidarität heraus. Sie sprachen von einer Instrumentalisierung des 20. Juli zur Imageaufbesserung der jungen Bundesrepublik. Gibt es auch heute eine Instrumentalisierung? Meyer-Krahmer: Sehen Sie denn eine? Sie haben selbst festgestellt, daß der historische Patriotismus der Männer des 20. Juli heute gerne unterschlagen wird – offensichtlich stört er einen Zweck. Meyer-Krahmer: Der historische Widerstand muß eben für die heutigen Menschen auch verständlich formuliert werden. Außer wegen seiner innenpolitischen Vorstellungen wird Ihr Vater auch wegen seiner außenpolitischen Konzepte heute gern kritisiert. Meyer-Krahmer: Mein Vater wollte Krieg in Europa für alle Zeit verhindern und trat für die Europäische Union ein. Allerdings unter deutscher Hegemonie. Meyer-Krahmer: Eine Ansicht, die ich nicht teile. Allerdings meinte mein Vater diese Dominanz nicht imperialistisch, sondern sah in Deutschland ein europäisches Kraftzentrum, das sein natürliches Gewicht als Ordnungsmacht zum Wohle Europas in die Waagschale werfen sollte. Seine außenpolitischen Gedanken werden heute gerne als dem Denken der Nationalsozialisten wesensverwandt dargestellt. Meyer-Krahmer: Solche Kurzschlüsse sind leider nur allzu beliebt. Mein Vater dachte in den Kategorien historischer Tradition und politischer Verantwortung, das hat nicht das Geringste mit dem Blut- und Rassedenken der Nazis zu tun! Konservatismus und Deutschnationalismus waren etwas völlig anderes als der Nationalsozialismus. Heute werden wir von seiten des Auslands immer wieder gefragt: „Wo steht Deutschland?“ Da sehen Sie das andere Extrem. Deutschland kann eben seine Bedeutung nicht verleugnen, wie das heutzutage manchmal leisetreterisch versucht wird. Am 12. August 1944 wurde Ihr Vater auf der Flucht gefaßt und verhaftet, am 2. Februar 1945 hingerichtet. Der Historiker Hans-Adolf Jacobsen behauptete 1961, er habe sich in Haft von seinen Kameraden mit den Worten „Wir haben den 20. Juli als Gottesurteil zu achten … (und nunmehr die Pflicht) … hinter den von Gott geretteten Führer zu treten“ losgesagt. Meyer-Krahmer: Bitte? Diese Äußerung ist mir völlig unbekannt. In Hans Mommsens Edition „Politische Schriften und Briefe Carl Goerdelers“ (Saur-Verlag, 2003), kommt dieser Satz, geschweige denn solch ein Denkansatz, nicht vor. Angesichts der Gotteszweifel, die meinen Vater im Gefängnis plagten, halte ich zudem eine Formulierung wie „Gottesurteil“ und „von Gott gerettet“ für nicht plausibel. Für Diskussionen sorgte vielmehr die Kritik meines Vaters am Attentat auf Hitler, weil er die neue Zeit nicht mit einem Mord beginnen wollte. Er setzte auf einen Staatsstreich durch Verhaftung des Diktators. Allerdings stellte er sich trotz der Vorbehalte immer unbedingt vor Oberst Graf Stauffenberg und dessen Kameraden: „Sie sind alle keine Verräter! Sie wollten ihr Vaterland retten!“ Foto: Carl-Friedrich Goerdeler vor dem Volksgerichtshof: Der populäre deutschnationale Politiker der Weimarer Republik gilt als Kopf des konservativ-bürgerlichen Widerstandes und wichtigster Zivilist in den Reihen der Männer des 20. Juli. Geboren 1884 im Westpreußen, wuchs er in konservativem Beamtenmilieu auf. 1920 wurde der Jurist zweiter Bürgermeister in Königsberg, 1930 Oberbürgermeister von Leipzig, 1931 und 1934 zudem Reichspreiskommissar. Er saß im Vorstand der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und war 1932 als Reichskanzler im Gespräch – ein Ministeramt in der Regierung von Papen schlug er aus -, ebenso wie später für die Zeit nach dem Sturz Hitlers. 1936 trat er aus Protest gegen die Judendiskriminierung zurück, ab etwa 1940 plante er den Staatsstreich. Am 12. August 1944 wurde er verhaftet, am 2. Februar 1945 in Berlin hingerichtet. Dr. Marianne Meyer-Krahmer: Die Tochter des Widerstandskämpfers und Leipziger Oberbürgermeisters Carl Goerdeler wurde 1919 in Königsberg geboren. Auf Abitur und Arbeitsdienst folgte ein Studium der Geschichte. Nach dem 20. Juli 1944 kam die Familie in Sippenhaft und saß – zeitweilig zusammen mit dem überlebenden Stauffenberg-Bruder Alexander – in den KZ Stutthof, Buchenwald und Dachau. Nach 1945 wurde sie Lehrerin in Baden-Württemberg, schließlich Schulleiterin. Heute lebt sie in Heidelberg. 1989 veröffentlichte sie ihre Erinnerungen an ihren Vater: „Carl Goerdeler und sein Weg in den Widerstand. Eine Reise in die Welt meines Vaters“ (Herder-Verlag) weitere Interview-Partner der JF

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