Conservare Communication „Grüner Mist“ – nein danke! #GrünerMist 2021

 

Der Rentner-General

Würde man den im vergangen Jahr vielzitierten „Krieg der Generationen“ wörtlich nehmen, dann wäre Walter Hirrlinger so etwas wie der Mackensen der deutschen Rentner: ein charismatischer Patriarch, fürsorglich gegen die Seinen, unerbittlich gegen die anderen. Einer, der seine Gegner das Fürchten lehrt. Mit einer präzise organisierten Kampagne macht der Präsident des Sozialverbands VdK derzeit gegen „Rentenklau und Sozialabbau“ mobil. „Zwanzig Millionen Rentner sind zwanzig Millionen Wähler“, droht der 77jährige Hirrlinger in einem Brief an den Bundeskanzler. Schröder, hör die Signale! Walter Hirrlinger hat viele Divisionen: 1,1 Millionen Mitglieder zählt der VdK heute – so viele wie CDU und SPD zusammen. Seit vierzehn Jahren führt Hirrlinger – Mitglied seit 1951 – den Verband. Aus dem fast schon in Vergessenheit geratenen Kriegerwitwenverein wurde in dieser Zeit ein straff geführter und modern organisierter Lobbyverband mit umfassendem Serviceangebot von der eigenen Kurklinik bis zur Kreditkarte. Hirrlinger war der rechte Mann am rechten Platz: Er kennt das Geschäft. Der in Ess- lingen am Neckar geborene Schwabe ist gelernter Journalist und Sozialdemokrat mit Stallgeruch. Politisch brachte er es vom Stadtrat in Esslingen bis zum SPD-Landesvorsitzenden und Fraktionschef im Ländle-Landtag – und von 1968 bis 1972 zum Arbeits- und Sozialminister in Filbingers Großer Koalition. „Deutschlands mächtigster Rentnerlobbyist“ (Der Spiegel) ist auch der ehrlichste. Niemand könnte den Zorn der Alten, die das Land wieder aufgebaut haben und sich jetzt als „Sparschweine“ mißbraucht fühlen, weil die Generation der Wohlstandskinder schlecht gewirtschaftet hat, glaubwürdiger verkörpern als der unbeugsame Kämpe mit den Kassen-Krückstöcken. Die sind sein „Markenzeichen“, seit ihn vor 59 Jahren beim Abwehrkampf am Plattensee eine russische Kugel am Brustwirbel traf. Walter Hirrlinger steht auch noch für den ursprünglichen Sinn des Kürzels VdK: „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“. Im oberflächlichen Politikbetrieb ist ein Mann wie Hirrlinger ein Unikum. Er spielt keine aufgesetzte Rolle – er lebt seine Botschaft. Er rennt nicht jeder Sau nach, die durchs Dorf getrieben wird, sondern hat ein Themengebiet, das er von der Pike auf kennt und stur beackert, das unterscheidet ihn von den politischen Opportunisten aller Lager und macht ihn – bei aller Einseitigkeit des Lobbyisten – zum notwendigen Widerpart der Polit-Dilettanten. Ans Aufhören denkt Hirrlinger, der immerhin zwei Herzinfarkte und einen Bypass hinter sich hat, daher noch lange nicht: Sein letztes Gefecht kommt noch. Kanzler Schröder, der ihm – anders als Amtsvorgänger Helmut Kohl – den gebührenden Respekt verweigert, kann sich zur nächsten Wahl schon mal warm anziehen.

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