Allein gegen alles

Als „höchst erfreulich“, eine „mutige Entscheidung“, und schlicht „super“ (Peter Handke) wurde die Verleihung des diesjährigen Literaturnobelpreises an Elfriede Jelinek von Dolly Buster bis Marcel Reich-Ranicki gefeiert – wenn auch letztgenannter später relativierte, daß das literarische Talent der Geehrten „eher bescheiden“, ihre Dramen gar unles- und unaufführbar seien. Die hochdotierte Würdigung, das Preisgeld beträgt 1,1 Millionen Euro, ist symbolisch zu verstehen und als Politikum. Die 57jährige gebürtige Steiermärkerin gleiche als Vorkämpferin des Feminismus einer „Kassandra“ und schreibe als „Vertreterin einer unterdrückten Kaste (nämlich als Frau) für alle mit“, jubelte es in den Huldigungen der großen Feuilletons. Dabei gelang der dauerleidenden, stets anklagenden Schriftstellerin der literarische Durchbruch erst 1975 mit dem marxistisch unterfütterten Roman „Liebhaberinnen“- da war der Feminismus beinahe etabliert. Das Leiden am eigenen Geschlecht und der als faschistisch empfundenen Gesellschaft ist seit jeher einzige Motivation ihres Schaffens. Jelinek, Mitglied der KPÖ von 1974 bis 1991, ist vor allem dagegen: Gegen Volk und Heimat sowieso („Ich werde mein Nest beschmutzen, wo immer sich eine Gelegenheit bietet“), gegen Schule und Sport (ein Instrument „nationalistischer Verketzerung“), Liebe allgemein („Sie ist immer ein Gewaltverhältnis“) und Sexualität im besonderen. Ihre Texte sind hermetisch und abwechslungsarm. Selbstbezogene Bandwurmsätze dominieren neben dümmlichen Kalauern („Statt den Verkehr zu regeln, übte er ihn aus“), Sprache gilt ihr als „Dreckhaufen“, aus dem sie reichlich schöpft. Ihre Landschaft sind die Regionen unterhalb der Gürtellinie, und genau dies ist neben gelegentlichen politischen Ausfällen wie ihrem Kampf gegen Haider und ihrer frühen literarischen Gleichsetzung der idealistischen Philosophie mit dem „Idealismus der RAF“ („Wolken. Heim“, 1988) das bevorzugte, mager variierte Thema: die Frau, die begattet wird, bis nichts mehr von ihr übrigbleibt. Die Autorin streckenweise pornographischer Romane wie „Die Klavierspielerin“ (1983), „Lust“ (1989) und „Gier“ (2000) wurde nach dem Tod des Vaters von ihrer fordernd- strengen Mutter allein erzogen. Ihr Studium der Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte brach sie ab, weil sie sich als „intellektuell ungenügend“ empfand, später studierte sie Kompositionslehre am Wiener Konservatorium. 1974 heiratete sie den Theatermann Gottfreid Hüngsberg. Jelinek, die ihre konsequente Verweigerung schon vor Jahren ankündigte und nur selten – stark geschminkt, mit rot bemalten Augenhöhlen und gern mit geflochtenen Girlie-Zöpfen – öffentlich auftritt, nennt eine „Sozialphobie“ als den Grund, weshalb sie den Nobelpreis im Dezember nicht persönlich entgegennehmen wird. Gnädig, erfährt die Farce damit doch wenigstens nicht auch noch einen Bühnenauftritt.

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