Er warf den ersten Stein

„Er hat in unerträglicher Weise die geschichtliche Wahrheit verfälscht.“ Wer so etwas tue, „hat in der CDU nichts verloren“. Mit derartig markigen Worten stellte sich der stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, Jürgen Rüttgers, an die Spitze derjenigen in der Parteiführung, die von Anbeginn der „Affäre“ den Rausschmiß Martin Hohmanns aus Fraktion und Partei betrieben. Auf ein genaues Quellenstudium kann sich der studierte Jurist und Historiker bei diesem Urteil nicht berufen haben, eher auf das, was sekundär über Hohmanns Rede verbreitet wurde. Dabei hätte es gerade Rüttgers jedoch in den Ohren klingeln müssen, als sein (noch) Parteifreund Hohmann ins Visier der selbsternannten „Anständigen“ geriet. Man erinnere sich an den nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf im Jahre 2000 und seinen CDU-Spitzenkandidaten Rüttgers: Der „Mann, der in der Vergangenheit Zukunftsminister war“ (so der selige Jürgen Möllemann über den damaligen Konkurrenten) wollte die Ablehnung der sogenannten „Green Card“ für kurzfristig angeworbene ausländische Arbeitskräfte zum Wahlkampfthema machen. Doch anstelle des offiziellen Mottos „Ausbildung statt Zuwanderung“ geriet der ungleich flottere, politisch aber höchst unkorrekte Spruch „Kinder statt Inder“ in die Mühlen der veröffentlichten Meinung und drohte den Vorsitzenden des stärksten CDU-Landesverbandes zum „Rechtspopulisten“ zu stempeln. Trotz dieser Erfahrung war es Rüttgers, der nun den ersten Stein warf. Weder davor noch danach war Rüttgers mit einem betont „rechten“ Profil in der Union hervorgetreten, vielmehr bilden seine Biographie und Karriere ein geradezu ideales Schnittmuster für einen Spitzenmann der (West-)CDU: Geboren 1951 in Köln, begann er seine politische Laufbahn in der Kommunalpolitik, 1987 zog er dann in den Bundestag ein. Dort wurde der Fraktionsvorsitzende Alfred Dregger auf ihn aufmerksam und machte den Neuling nach zwei Jahren in Bonn bereits zum Parlamentarischen Geschäftsführer. Unter Wolfgang Schäuble stieg Rüttgers 1990 dann zum Ersten Geschäftsführer auf, bevor ihn Helmut Kohl ins Bundeskabinett holte und ihm das Forschungsressort übertrug. Seine politische Zukunft sah Rüttgers dann aber doch eher in Düsseldorf als in Berlin, so ließ er sich 1999 zum Landesvorsitzenden der CDU wählen und als Spitzenkandidat aufstellen. Nach verlorener Wahl kümmert er sich als einer der Stellvertreter Merkels nun auch wieder um das Thema Zukunft: Als Resümee des Hohmann-Rauswurfs wünscht sich Rüttgers die Beantwortung der Frage, was Konservativismus im 21. Jahrhundert bedeutet. Er fordert, daß sich diejenigen, „die sich als Konservative oder Patrioten verstehen, als Leute, die stolz sind auf die deutsche Nation, daß diese Leute eine politische Heimat haben und sich in unserer Partei wohlfühlen“. Man darf gespannt sein, wie das noch gelingen soll.

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