Meister der Ironie

Critilo“ heißt der Held von Baltasar Graciáns monumentalem Roman „El criticón“, einer der großen Welt-Dichtungen des spanischen Barock. Critilo ist ein philosophischer Abenteurer, der nach seiner Geliebten sowie nach Erkenntnis die großen Kulturnationen Europas durchstreift, um am Ende zu erkennen, das alles eitel und die Welt nur Wahn und Täuschung sei. Nicht ganz so pessimistisch, aber doch ziemlich ernüchternd sind die geistigen Lehren, die aus „Critilos Reisen in den freiesten Staat der deutschen Geschichte“ gezogen werden können, einer Sammlung von Editorialen und Kommentaren, die Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing im Laufe zweier Jahrzehnte unter dem Pseudonym „Critilo“ für die 1970 von ihm gegründete Zeitschrift Criticón schrieb. Mit seinem wahlverwandten Namensvetter und dessen Schöpfer Gracián teilt der am 23. Juni 1927 in München geborene Schriftsteller und Publizist nicht nur die aus dem philosophischen Staunen erwachsende geistige Distanz zu den herrschenden Normen und Normalitäten, sondern auch das Schicksal der Ausgrenzung vom öffentlichen Diskurs. Seit rund vier Jahrzehnten reibt sich Schrenck-Notzing wissenschaftlich und journalistisch an den Tabus der Nachkriegsgeschichte. Nachdem der Historiker und Soziologe 1961 mit seinem Buch „Hundert Jahre Indien – Die politische Entwicklung von 1857 bis 1966′“ zunächst als Asienkenner hervorgetreten war, begann er, sich der eigenen, immer fremder werdenden Heimat zuzuwenden. Das Ergebnis war sein Bestseller von 1965, „Charakerwäsche“, ein „provozierendes nonkonformistisches Werk“ (Bayerischer Rundfunk), das erstmals in Deutschland das „heiße Eisen“ (FAZ) der Umerziehung anpackte und insbesondere die ideen- und mentalitätsgeschichtlichen Voraussetzungen der amerikanischen Besatzungspolitik untersuchte. Es folgten weitere Bücher, darunter „Zukunftsmacher – Die neue Linke in Deutschland und ihre Folgen“, das genau in dem Jahr erschien, in dem die 68er ihr erfolgreiches Zerstörungswerk begannen. Als Herausgeber des Criticón verfolgte er das Konzept einer parteiunabhängigen, nonkonformen Publizistik, bis er 1998 die Verantwortung für die Zeitschrift an Gunnar Sohn abgab, der nicht nur das vertraute Layout modernisierte, sondern auch einige neue inhaltliche Akzente setzte, die von langjährigen Criticón-Lesern mit einer gewissen Irritation aufgenommen wurden. In den letzten Jahren wandte sich Schrenck-Notzing wieder vermehrt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zu: 1996 gab er mit dem „Lexikon des Konservatismus“ ein geistesgeschichtliches Standardwerk heraus, und im Jahr 2000 gründete er in München die „Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung“. Am vergangenen Sonntag konnte Caspar von Schrenck-Notzing, ein nimmermüder Vordenker des intellektuellen Konservatismus und Meister einer in Deutschland sonst eher unüblichen Ironie, seinen 75. Geburtstag feiern.

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