Bravehearts Erbe

Die Parlamentswahlen im Großbritannien werden John Swinneys Feuertaufe als Parteichef der Schottischen Nationalisten (SNP) sein. Er hat allen Grund, sie gelassen und mit einem gewissen Optimismus anzugehen. Die vergangenen zehn Jahre, in denen Swinneys Vorgänger Alex Salmond die Geschicke der SNP lenkte, waren die bislang erfolgreichsten in der Geschichte der 1934 gegründeten Partei. Die SNP konnte einen stetigen Mitgliederzuwachs verzeichnen und bei den letzten Wahlen mit 22 Prozent der Stimmen sechs Sitze im Londoner Westminster-Parlament gewinnen, doppelt so viele wie je zuvor. Swinney ist sich sicher, dieses Ergebnis noch verbessern zu können. Der neue Parteivorsitzende ist ein völlig anderer Typ als Salmond. Während man letzterem nachsagte, sein mangelndes Einfühlungsvermögen durch eine um so brüskere Art wettzumachen, gilt Swinney als diplomatisch und taktvoll. Swinney kam 1964 in Edinburgh zur Welt. Nach Abschluß eines Politologiestudiums arbeitete er für eine Versicherung, bevor er 1997 für die SNP ins Parlament einzog. Swinney steht für eine Abkehr der SNP von ihrem Konfrontationskurs zugunsten von Verhandlungen mit der Londoner Regierung; er kümmert sich vor allem um Bildung, innere Sicherheit und Steuern. „Wir treten für Schottland an“, lautet der einfache und etwas einfallslose Wahlspruch der SNP. Obwohl die Partei sich offiziell als „links der Mitte“ bezeichnet, schwingt in Swinneys Sprache eine Prise schottischer Puritanismus mit: Neben anderen konservativ anmutenden Anliegen will er sich dafür einsetzen, daß Eltern persönlich für Schäden haften müssen, die ihre Kinder angerichtet haben, und daß „die Opfer von Verbrechen nicht auch noch zu Opfern der Justiz werden“. In außenpolitischen Fragen hält Swinney an der anti-amerikanischen Linie der SNP fest. Der britische Außenminister Robin Cook kritisierte ihn für seine Verurteilung der Bombardierungen Iraks und Serbiens. Swinneys Ansehen unter den Schotten, die die Militäraktionen der USA mehrheitlich ablehnen, dürften solche Kommentare nicht geschadet haben. Wahlforscher prognostizieren der SNP derzeit ein Ergebnis von 28 Prozent der schottischen Wählerstimmen. Damit könnte es ihr fast gelingen, die Hürde zu überwinden, die das in Großbritannien praktizierte Mehrheitswahlrecht kleinen Parteien in den Weg stellt. Im neu eingerichteten schottischen Parlament ist die SNP mit 35 von 129 Sitzen die offizielle Opposition. Wie nicht anders zu erwarten war, bemüht sich die SNP, die Machtbefugnisse des schottischen Parlaments weiter auszubauen. Swinney ist bestens positioniert, seine Partei einen großen Schritt vorwärtszubringen. Sollte die SNP aber wider Erwarten unter die 20-Prozent-Marke zurückfallen, dann kreisten die Aasfresser schon am Himmel. Nicht wenige Beobachter sind der Meinung, daß die Wahlen nördlich des Hadrianswalls sich in diesem Jahr spannender gestalten als in Großbritannien insgesamt.

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