Russisch gezaubert

Jahrhundertelang ist die musikalische Begabung des russischen Volkes, soweit es sich nicht um kirchlichen Gesang handelte, unterdrückt worden. So mußten einmal auf Befehl des Moskauer Patriarchen fünfzig Wagenladungen mit Musikinstrumenten verbrannt werden. Zar Peter der Große importierte westliche Kunst und Sitten, was dann im 18. Jahrhundert zur völligen Italianisierung in der Musik führte. Locatelli, Galuppi, Paisiello, Cimarosa und andere Italiener beherrschten die Opernhäuser Moskaus und St. Petersburgs, während auf die russische Folklore als „Kutschermusik“ herabgesehen wurde. Ein patriotisches Gefühl für die eigenen Werte erwachte erst im Krieg gegen Napoleon. Im Jahr 1820 schrieb der 21jährige russische Dichter Alexander Puschkin das geniale Verspoem „Ruslan und Ludmilla“, ein märchenhaftes Werk aus Rußlands mythischer Vergangenheit, das ihn über Nacht zum gefeierten Helden machte. Sein Freund, der 1804 geborene Komponist Michail Glinka, suchte nach dem großen Erfolg seiner ersten Oper „Iwan Sussani“ — auch „Ein Leben für den Zaren“ genannt — erneut nach einem Stoff aus Rußlands ruhmreicher Vergangenheit. Er bat Puschkin, sein Verspoem zu einem Opernlibretto umzuarbeiten. Der frühe Duelltod des Dichters vereitelte jedoch diesen Plan. Es war Glinkas Ziel, “ westliche und russische Musik durch die heiligen Bande der Ehe zu vereinigen“. Er unternahm lange Studienreisen nach Italien, Frankreich und Deutschland und traf mit Bellini, Donizetti und Mendelssohn zusammen. In Berlin lernte er die Musik Bachs und Beethovens schätzen. Von seiner russischen Amme hatte Glinka als Kind alte Volksweisen und Märchen gehört. Diese Lieder vereinigten sich harmonisch mit seiner an westlicher Technik geschulten Musik. Durch die Verbindung italienischer Gesangskultur und seiner genialen Instrumentation mit Anklängen an kaukasische, finnische und arabische Folklore erreichte er eine bis dahin unerreichte Klangwelt. Voll Bewunderung wurde ihm der Titel „Vater der russischen Musik“ verliehen. Als erste in Europa erkannten Berlioz und Liszt sein großes Talent und lobten die Kraft, Schönheit und Exotik seiner Oper „Ruslan und Ludmilla“. Die Uraufführung 1842 in St. Petersburg war jedoch wegen ungenügender Proben ein Mißerfolg. Aber schon bald verhalfen die wahren Opernfreunde „Ruslan und Ludmilla“ zum großen Erfolg mit über neunzig Aufführungen. Im slawischen Kulturbereich ist heute diese märchenhafte Zauberoper ein ebenso beliebtes und viel gespieltes Volksstück wie unsere „Zauberflöte“. In Deutschland ist leider nur die zündende Ouvertüre bekannt. Die deutsche Erstaufführung fand sogar erst 1950 in der Lindenoper im sowjetisch besetzten Berlin statt. Es ist das große Verdienst des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, diese so farbenreiche Oper nach mehr als einem halben Jahrhundert wieder auf die Bühne gebracht zu haben. Darin geht es um Ludmilla, eine Fürstentochter, die bei ihrer Hochzeit mit dem Ritter Ruslan von dem bösen Zwerg Tschernomor entführt wird. Ruslan und zwei andere Bewerber um Ludmillas Hand machen sich auf, die Schöne zu suchen. Nach manchen Heldentaten und mit Hilfe des guten Magiers Finn werden Ruslan und Ludmilla am Ende glücklich vereint. Musikalisch geriet die Aufführung unter der Leitung von Johannes Willig wie aus einem Guß. Auch die vorzüglichen Sänger trugen zum Erfolg des Abends bei. Vitalij Kowaljow als Ruslan begeisterte mit klangvoll lyrischem Bariton und heldisch metallischem Kern. In seiner großen Arie „Ist ewige Nacht auch mir schon nah?“ drückte der Sänger bewegend Ruslans Sorge wie auch die Hoffnung auf Ludmillas Rettung aus. Ljudmila Slepneva bewies mit strahlendem Sopran ihr Können in italienischen Belcanto-Koloraturen als Ludmilla. Mit herrlich weichem Alt sang Ewa Wolak die Hosenrolle des Chasarenfürsten Ratmir. Eine große Leistung zeigte auch der Tenor Hans-Jörg Weinschenk als Magier Finn. Selbst die kleineren Partien waren hervorragend besetzt, schönstimmig der Chor. Besonders beeindruckte der Männerchor, der unsichtbar aus dem abgeschlagenen Haupt eines Riesen tönte. Die Inszenierung von Tobias Lenel und vor allem die Kostüme von Kristine Upesleja zeigten einen gewissen Stilbruch. Es mutet schon befremdlich an, wenn die Hochzeitsgäste in Frack und Roben der Jahrhundertwende vorchristliche Götter wie Perun, Lel, Lalo anrufen. Auch die fesche weiße Operettenuniform des Ruslan wollte nicht so recht zur „mythischen Vorzeit“ passen. In anderen Bildern wie auf dem Schlachtfeld, bei der Hexe Naina oder im Zaubergarten des Zwerges Tschernomor — großartig Peter Luppa in einer stummen Rolle — waren die Kostüme eher altrussisch angehaucht. Insgesamt überwog jedoch die Freude, diese phantasievolle Musik mit ihren Anklängen an Mozart und Rossini und gepaart mit russischem Melos zu erleben.

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