Weltwährungsträume

China, der größte Gläubiger der USA – und als Besitzer der größten Dollar-Reserven zugleich Hauptgeschädigter des Greenback-Verfalls –, entdeckt einen Plan, den John Maynard Keynes für die Neuordnung der Weltwirtschaft entworfen hatte. Nach 1945 wurde er – stark verwässert – die Grundlage des Bretton-Woods-Systems, benannt nach dem Ort der Gründerkonferenz, die 1944 im US-Bundesstaat New Hampshire stattfand. Es sah einen Verbund der westlichen Währungen auf der Grundlage fester, nur im akuten Bedarfsfalle abänderbarer Wechselkurse vor. Erweitert um den Yen bestand er bis zur Ölkrise 1973. Berechnungsgrundlage der Wechselkurse war der US-Dollar, der dadurch zur offiziellen Weltwährung aufstieg.

Die grundlegende Schwäche des Systems lag darin, daß seine Gesundheit vom Dollar abhing. Wurde er schwach, begann das System zu kränkeln. Denn welches Land und welche Zentralbank wäre auf Dauer so töricht, Währungsreserven in einem Geld anzulegen, das von Wertverfall und Abwertung bedroht war? Deswegen hatte sich Keynes für eine nicht von staatlichem Mißbrauch und kommerziellen Spekulationsattacken bedrohte Weltreservewährung entschieden. Gold wie vor dem Ersten Weltkrieg kam nicht in Frage, denn seine ungleiche Lagerstättenverbreitung und Zufallsfunde ließen weder eine gerechte Verteilung der Weltwährungsreserven noch eine rationale Weltgeldversorgung erwarten. Und der US-Dollar, obwohl damals noch in Gold gedeckt, war genausowenig gegen Inflation, Abwertung und Zusammenbruch gefeit wie früher das Pfund Sterling, das zuvor die Rolle der Weltwährung gespielt hatte.

Keynes schlug eine staatlich neutrale und spekulationssichere Geld- und Recheneinheit vor: den Bancor. Er sollte an keiner Börse gehandelt werden, der Währungsfonds (IWF) sollte ihn den Nationen als Währungsdeckung anbieten, den Zentralbanken sollte er als Abrechnungseinheit dienen. Die USA lehnten den Bancor als zu „künstlich“ ab – in Wahrheit wollten sie jede Konkurrenz zum Dollar ausschalten. Als sich die Dollarkrisen häuften und der Vietnamkrieg die US-Leistungsbilanz ins Defizit drückte, erhielt die Bancor-Idee Auftrieb. Die USA mußten seiner Einführung unter dem neuen Namen „Sonderziehungsrechte“ (SZR) zustimmen. (Der Verfasser erläuterte dies 1969 den Bundestagsabgeordneten, die der Ergänzung des IWF-Vertrags zustimmen mußten.) Berechnet wurde die SZR-Einheit auf der Grundlage von zunächst 16, inzwischen nur noch vier der wichtigsten Weltwährungen: Dollar, Euro, Pfund und Yen.

Dank SZR bekam der IWF sein eigenes Geld. Eigentlich sollte es ihn von Dollar-Einzahlungen der USA und seiner anderen Großgläubiger (EWG/EU, Opec) unabhängig machen; aus dem Fonds sollte eine Bank werden: die erste Weltzentralbank der Geschichte. Doch dazu kam es nicht. Der IWF durfte sein neues Geld zwar haben, aber nicht vermehren. Wie Oskar Matzerath in Günter Grass’ „Blechtrommel“ blieb das neue Wunderkind wachstumsbehindert und konnte – trotz weiterer Dollar-Krisen – nicht erwachsen werden. Die USA und anderen IWF-Großaktionäre lehnten jede Vermehrung der SZR über ihren Anfangsbestand hinaus ab – der IWF sollte ihnen nicht vom Zügel gehen.

Jetzt will China den monetären Liliputaner adoptieren. Durch Umtausch seiner Dollarreserven in SZR will es deren Wertverfall stoppen und die Währungsbasis verbreitern. Nach den letzten Beschlüssen besteht ein SZR aus 0,6 Dollar, 0,4 Euro, 0,09 Pfund Sterling und 18 Yen, er ist etwa 1,30 Euro wert. Doch die Frage ist: Werden die USA und auch die übrigen Welthandelsnationen der Neuauflage des alten Keynes-Plans zustimmen?

Die jetzt in London tagende Weltwährungskonferenz wird einen ersten Aufschluß darüber geben. Für die USA ginge mit der Ablösung des Dollar als noch immer dominierender Welt-Reservewährung durch die SZR eine Ära zu Ende. Sie müßten fortan jeden einem anderen Land geschuldeten Dollar in SZR decken (so wie vor 1971 in Gold) – einer Währung, die sie selber nicht drucken können! Die geräuschlose Finanzierung ihrer beträchtlichen Leistungsbilanzdefizite, das jahrzehntelange Über-die-Verhältnisse-Leben einer ganzen Nation – all das wäre nicht mehr möglich. Denn die für ihre Defizite und Schulden aufzubringenden SZR müßten die USA „echt“ verdienen: durch Exportüberschüsse und zusätzliche Inlandsersparnisse.

So stabilitätsgerecht das auch wäre: Betroffen wären nicht nur die USA, sondern alle führenden Exportnationen. Gerade jetzt, da sie dringender denn je auf ihre Exporte angewiesen sind, verlören sie Marktanteile an die neue Konkurrenz. Sowohl der Weltmarkt wie der US-Binnenmarkt würden spürbar enger, der Leidensweg der Krise noch sehr viel länger. China, nach Deutschland Vize-Exportweltmeister, hätte sich für seinen Vorschlag keinen ungünstigeren Zeitpunkt aussuchen können. Es muß sich zwischen der Vermeidung von Währungs- oder Exportverlusten entscheiden. Man wird bald sehen, wie ernst die Drohgebärde gegenüber der neuen US-Regierung zu nehmen ist.

Prof. Dr. Wilhelm Hankel war unter Karl Schiller Chef der Bank- und Versicherungsaufsicht. Er veröffentlichte zuletzt das Buch „Die Euro-Lüge und andere volkswirtschaftliche Märchen“.

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