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Dreiste Vereinnahmung

Mit dem Wort „Streik“ assoziiert man im allgemeinen etwas Aggressives, einen Aufstand gegen einen mächtigen Feind. Insofern paßt der Begriff ganz und gar nicht zum derzeitigen „Bildungsstreik“ an über zwanzig deutschen Universitäten, denn quer durch alle Parteien und politischen Kräfte hört man allenthalben Zustimmung für die Proteste: nur zu verständlich angesichts oft überfüllter Hörsäle und mangelnder Betreuung.

Doch gerade die pauschale Abwehrhaltung gegenüber Studiengebühren verhindert eine Besserung der Situation. Nicht mehr staatliche Alimentation, sondern eine – notfalls wie eine Steuer für finanziell schlechter gestellte Studenten verminderte – Studiengebühr und eine starke Verringerung der BAföG-Leistungen wären angebracht. Dies würde nicht, wie ständig suggeriert wird, Bildung vom Einkommen abhängig machen. Es würde dazu führen, daß jene studieren, für die das Studium auch eine höhere Priorität besitzt als ihre Wohlstandswahrung. Ferner würde es mehr Studenten in eine Arbeit parallel zum Studium drängen, was sich nur positiv auf deren persönliche Entwicklung und Realitätsbezug auswirken kann.

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt des Streiks ist die Bologna-Erklärung von 1999, die Hochschulabschlüsse europaweit vergleichbar machen und somit den Studenten einen Uni-Wechsel erleichtern sollte. Das ist gründlich mißglückt und mit erheblichen Problemen verbunden. Denn alleine in Deutschland existieren diesbezüglich verschiedenste Regelungen, so daß teilweise nicht einmal innerhalb eines Bundeslandes problemlos der Bachelor-Studienort gewechselt werden kann.

 Berechtigt ist hier auch die Kritik an Prüfungswahn und zuweilen überzogenem Vorlesungspensum, und zwar nicht weil – wie es bei den Streikenden durchklingt – das Studium nicht als Vorbereitung zur Arbeitswelt gesehen werden sollte. Sondern weil der sehr schulmäßige Aufbau des Studiums mit all seinen Pflichtveranstaltungen jenen schadet, die selbständig und mit selbst organisiertem Zeitplan lernen wollen. Diese Kritik an der Bologna-Reform kann man anbringen, doch muß man deshalb nicht gleich wie die Streikenden „die Abkehr vom Bachelor als Regelabschluß“ fordern. Es war richtig, für eine kürzere und vor allem praxisnähere Studiumsmöglichkeit einzutreten.

Doch dominiert wird der Streik jenseits der Berichterstattung von der linken Brille der Organisatoren, die vor allem zwei Dinge wollen: noch mehr Niveauverfall und Gleichmacherei. So wird trotz längst sinnlos aufgeblähten Akademikerapparats der „Abbau von Zulassungsbeschränkungen durch den Ausbau von Studienplätzen“ sowie die „Förderung aller Studierenden statt einseitiger Elitenbildung“ (die nicht existiert) gefordert.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, äußerte denn auch neben Sympathien für den Streik einige Vorbehalte: „Was uns nicht behagt, sind die Attacken gegen das gegliederte Schulsystem und die Forderung nach der Einführung einer Gemeinschaftsschule für alle.“

Dem liegt ein unausgesprochenes Gleichheitsdogma zugrunde, welches sich verheerend auswirkte und auswirkt: Wenn jemand einen Bildungsabschluß nicht erreichen kann, so liegt dies nicht an mangelnden Fähigkeiten oder fehlender Intelligenz, da ja alle gleich intelligent sind – es kann also nur an der „sozialen Benachteiligung“ liegen. Um also diese Benachteiligungen auszugleichen, müssen die Benachteiligten nur genug staatlich alimentiert und gefördert werden, bis alle den gewünschten Abschluß erreichen.

„Recht auf Bildung“, fordert ein Transparent an der vom Streik betroffenen Uni Potsdam. Eine demagogische Irreführung – als ob jemand Grundschulkinder mit Polizeisperren vom Unterricht abhalten würde. In Wahrheit geht es den Köpfen des Streiks nicht um „Recht auf Bildung“, sondern um schulische Vollversorgung vom Mamastaat, und das heißt vom Kindergarten bis möglichst zur Habilitation.

Wohin dieses Denken in letzter Konsequenz eines Tages einmal führen könnte, konnte man im Februar dieses Jahres erahnen, als die immerhin am regierenden Senat der deutschen Hauptstadt beteiligte Linkspartei forderte, daß dreißig Prozent der Schüler an Berliner Gymnasien aus „sozial benachteiligten“ Kindern bestehen sollten – wohlgemerkt unabhängig von deren Noten.

Neben dem Inhalt ist als zweiter Aspekt des Streiks auch der Stil zu betrachten, und hier muß massive Bauchschmerzen bekommen, wer überhaupt noch ein Gespür für politische Kultur und Umgangsformen hat. Man hat sich gesellschaftlich daran gewöhnt, daß Universitäten von der Ausbildungsstätte zur politischen Arena für die sogenannte „soziale Gerechtigkeit“ geworden sind. Zuweilen können sich politisch neutrale oder andersdenkende Studenten kaum der penetranten ideologischen Indoktrination entziehen.

Der Präsident des Hamburger Weltwirtschaftsinstitus, Thomas Straubhaar, nannte die Studentenproteste „inhaltsleer, banal und rückwärtsgewandt“. Angesichts von in Österreich gerufenen Parolen wie „Bildung für alle, und zwar umsonst!“ oder „Uni brennt“ auf Plakaten kann man auch sagen: politisch und geistig vulgär.

Lion Edler (22) studiert in Potsdam.

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