Zwang zur Heuchelei

Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) hat am 19. November in der FAZ einen Gastkommentar zum Thema „Deutsche Muslime und der Holocaust“ veröffentlicht. Bereits die Überschrift ist unpräzise. Denn in der Realität und in Laschets Text geht es um „Muslime in Deutschland“. Ob sie tatsächlich zu „deutschen Muslimen“ werden, die ihre Bindung an Deutschland über andere Bindungen stellen, das ist erst die Frage, der auch Laschet nachgeht — und an der er scheitert. Zwei große Sorgen treiben den Minister um: Erstens, ob die Holocaust-zentrierte „Erinnerungskultur“ der BRD, die ihm eine unantastbare, dogmatische Größe ist, sich nach dem Abtritt der letzten Zeitzeugen erhalten läßt. „Für uns alle ist das Erinnern an die Reichspogromnacht und den Holocaust Teil unserer gemeinsamen Leitkultur. Und das muß auch so bleiben, gleich wie sich das Land ändert.“ Und das Land ändert sich rasant, womit wir bei Laschets zweiter Sorge wären. Mittlerweile haben 35 Prozent der Kinder in Deutschland ausländische Wurzeln, vor allem muslimische. Der Minister möchte, daß auch die muslimischen Zuwanderer „Teil dieser Erinnerungsgemeinschaft“ werden, um dann als Deutsche „ihrer besonderen Verantwortung für Israel und das jüdische Volk gerecht (zu) werden“. Er lobt Wolfgang Schäuble, weil dieser 2006 den Islam als einen Teil der deutschen Gesellschaft bezeichnet und damit „das Ende einer über 40 Jahre dauernden Realitätsverweigerung“ beendet habe. Doch Schäubles Aussage zeugt eher vom Wunschdenken, denn herausgebildet haben sich muslimische Parallelgesellschaften. Und sogenannte Realisten wie Laschet haben über drei Jahrzehnte mit dem Holocaust als Totschlagargument eine rationale Ausländerpolitik verhindert und eine unqualifizierte Zuwanderung ermöglicht, die zum spürbaren Anwachsen der Judenfeindschaft geführt hat. Sogar Ralph Giordano, langjähriger Vortänzer im deutschen Narrenzug, ahnt heute etwas von diesem Teufelskreis. Prompt attestierte Laschet dem NS-Verfolgten wegen dessen Kritik am Moscheenbau eine bedenkliche Rechtslastigkeit. Es geht um mehr als um Erinnerungspolitik. Laschet schreibt: „Sie (die Zuwandererkinder) werden in Zukunft unsere Gesellschaft tragen.“ Werden sie das wirklich? Nordrhein-Westfalen liegt im Pisa-Bericht weit hinter Sachsen, Thüringen und sogar hinter Brandenburg, obwohl aus der Ex-DDR ein großer Exodus der Klugen und Tüchtigen samt Kindern stattfand. Trotz dieses Intelligenztransfers, den auch NRW empfing, liegt dort der Bildungsdurchschnitt niedriger als im Osten aufgrund einer ungünstigen Bevölkerungsstruktur, die durch wilde Zuwanderung entstanden ist. Kulturelle Integration und geistiger Aufschwung sollen über die Verinnerlichung des Satzes führen: „Deutsche Geschichte ist auch Auschwitz und Majdanek.“ Gar keine Frage: Auch! Doch Laschet knüpft — trotz gegenteiliger Beteuerung — an Joschka Fischers Rede von Auschwitz als dem Gründungsmythos der Bundesrepublik an und meint eine Kollektivschuld- und Erbsündengemeinschaft mit dem Holocaust-Gedenken als Initiationsritus! Selbst unter deutschen Jugendlichen läßt sich das Bewußtsein schamvoller Negativ-Identität nur durch permanenten Druck und Indoktrination aufrechterhalten. Ein vergleichbarer Druck auf Zuwanderer ist unmöglich, vielmehr werden sie die deutschen Psychopathologien für ihre Gruppeninteressen zu nutzen wissen. Und vielleicht steigt die Zahl der deutschen Konvertiten auch deswegen an, weil der islamische Kulturkreis die Erbsünde weder in religiöser noch in säkularisierter Form kennt und die Konversion die Erlösung von der deutschen „Erinnerungskultur“ verspricht. Zuletzt, um Laschets Irrsinn durchzubuchstabieren, denken wir uns idealerweise einen jungen Palästinenser, der neben dem formalen Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft eine hohe Bildung besitzt, der seine Religion moderat handhabt, Deutschland und seine Kultur mag und hier seine Zukunft gestalten will. Der, kurzum, tatsächlich das Zeug dazu hat, zu einer Zierde dieses Landes zu werden. Natürlich trägt er eine Familiengeschichte mit sich, die vom palästinensisch-israelischen Konflikt geprägt ist. Auch er soll gegenüber Israel jene „besondere Verpflichtung“ übernehmen, die aus einer immerwährenden deutschen Schuld abgeleitet wird. Mag sein, daß er aus taktischen Gründen zunächst Zustimmung heuchelt. Auf jeden Fall wird er die BRD für den Zwang zur Heuchelei verachten und sich eine Leitkultur aneignen, die auf dieser Verachtung gründet. Die Entwicklung wird so oder so über Politiker wie Armin Laschet hinweggehen, ungewiß ist nur, in welcher Weise. Bis dahin freilich werden sie noch reichlich Schaden anrichten. Nach dem Ende der DDR, als die Macht der SED und die Furcht vor ihr sich verflüchtigt hatten und von den Amtsinhabern nichts mehr übrig war als der Eindruck nackter Erbärmlichkeit, da sagte der Bürgerrechtler Jens Reich: „Von diesen Pfeifen haben wir Pfeifen uns mal regieren lassen!“ So um das Jahr 2025 werden die vereinigten Bundesbürger, falls dann noch Gelegenheit besteht, sich über Laschet & Co. — und über sich selber — ganz ähnlich äußern.

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