Bombenstimmung im Bunker

NS-Gedenkstätten sind nicht gerade Zentren eines entspannten Umgangs mit der Geschichte. Vielmehr liegt oft eine bleierne Betroffenheit auf diesen Orten, was sie für gewöhnliches Publikum nicht eben niedrigschwellig macht. Da erscheint eine Pressemitteilung vom Informationszentrum Gedenkhalle der Stadt Oberhausen geradezu frivol: Am 16. August lädt das Bunkermuseum am Gasometer zu einer „Luftkriegsrevue“ ein, die von der Leitung der Gedenkhalle organisiert wird. Das musikalische Unterhaltungsprogramm des Vokalduos Elke Lingemann und Thomas Weiß findet im Rahmen der Oberhausener Kulturnacht statt und beinhaltet Schlager der 1940er Jahre wie „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“, „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ oder „Flieger, grüß‘ mir die Sonne“. Der Pressetext wirbt: „Bombenstimmung im Bunker! Die Stimmungskanonen starten einen Großangriff auf Ihr Zwerchfell! Das Programm mit den Knallbonbons aus Rundfunk und Film wird einschlagen wie eine Granate! Lachsalven lassen die Stimmung an der Spaßfront explodieren!“ Die Ankündigung verrät nicht, daß die makaber-heitere Atmosphäre der Lieder aus Goebbels‘ Schlagerfabrik durch Einschübe kritischer Texte zum Krieg unter anderem von Bertolt Brecht bewußt gebrochen wird. Daß die Möglichkeit des Mißverständnisses darum ziemlich groß ist, weiß die Gedenkstättenleitung. Darum ist man vorsorglich auf Proteste politisch korrekter Meinungsführer eingestellt. Daß man nicht vor dem provokanten Programm zurückschreckt, zeugt immerhin von Charakter.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles