Joachim Kuhs

 

Soll die Schule morgens später anfangen?

Nur wenn Kinder und Jugendliche gut und genug schlafen, entwickeln sie sich körperlich und seelisch richtig und können auch die Schulleistungen erbringen, die man zu Recht von ihnen erwartet. Vor der Pubertät brauchen Kinder meistens neun Stunden Schlaf, während der Pubertät mindestens acht. Und das jeden Tag. Vom Wach-und-fit-Standpunkt gibt es für diese Altersgruppe ein objektives Problem. Die Forschungsergebnisse zeigen, zu welcher Uhrzeit sie wie leistungsfähig sind. Die Resultate bezeugen, daß sich die Kinder um acht Uhr morgens noch im Nachttief befinden. Um diese Zeit können sie sich noch nicht konzentrieren, geistig nichts aufnehmen und sich folgerichtig auch nichts merken. Die Schule beginnt also bei uns zu früh. Gleichzeitig ist ein großer Teil von ihnen ab der fünften Klasse bis zu einer Stunde unterwegs. Zwangsläufig müssen sie dafür um sechs Uhr aufstehen. Das ist für sie biologisch nicht früh, sondern mitten in der Nacht. Der Schulbeginn um acht ist typisch deutsch. Teilweise mag er darauf zurückgehen, daß frühes Aufstehen hierzulande als moralisch höherwertig gilt; auch die erwachsenen Deutschen sind da Europameister: Aufstehen um viertel nach sechs, tagsüber sind sie dafür am müdesten. Doch der wesentliche Grund dafür, daß wir die Kinder zur Unzeit aus dem Schlaf reißen, ist die Ideologie der Halbtagsschule. Bisher „muß“ unsere Schule dringend mittags enden, damit der Stoff zu „schaffen“ ist. Aus diesem Grund muß sie bereits um acht beginnen. Das zieht dann auch oft genug den Paukstil nach sich, der die geistigen Möglichkeiten der Kinder niemals ausschöpfen kann. Gegen die Halbtagsschule und den frühen Schulbeginn können Eltern bislang kaum etwas unternehmen. Vor diesem Hintergrund ist die Forderung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten nach späterem Schulbeginn zu begrüßen. Prof. Dr. Jürgen Zulley ist Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Universität Regensburg. Der Vorschlag des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger, den täglichen Schulbeginn auf 9 Uhr zu verschieben, ist nicht zu Ende gedacht. Er wäre nur umsetzbar, wenn die Schulträger deutschlandweit mindestens 30 Milliarden Euro für schulische Mittagsbetreuung investierten. Soviel Geld kostet es, alle Schulen zur mittäglichen Essensausgabe zu befähigen; letztere wäre an 42.000 deutschen Schulen notwendig, denn ein am Morgen um eine Stunde verzögerter Unterrichtsbeginn verlängert den Schultag der Kinder um zwei Stunden in den Nachmittag hinein. Was darüber hinaus mit den Schülern geschehen soll, die an einem G8-Gymnasium oder an einer berufsbildenden Schule ohnehin schon jede Menge Nachmittagsunterricht haben, scheint Oettinger ebenfalls nicht zu interessieren. Es ist naive Familienromantik, zu glauben, daß mit einem späteren Schulbeginn mehr Eltern als zuvor mit ihren Kindern frühstücken würden. Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder mit nichts als Cola im Bauch in die Schule schicken, wird sich nicht verringern. Im übrigen gibt es genug Eltern, die sich selbst um 6 oder 7 Uhr auf den Weg zur Arbeit machen müssen und deshalb ihre Kinder gerne ab 7 Uhr auf dem Schulweg wissen. Angesichts einzelner am Morgen gähnender Schülergesichter sollte man doch die Frage stellen dürfen, ob diese Kinder von ihren Eltern rechtzeitig ins Bett geschickt wurden. In Ostasien und in Osteuropa kennt man diese Sorgen nicht, denn dort sind die jungen Leute geistig hungrig; sie haben kein Problem, sich am sehr frühen Morgen auf das Fahrrad zu setzen, um eine Stunde in die Schule zu radeln. Nur wir kerkern unsere Kinder in einen Elfenbeinturm ein und packen sie obendrein in Watte. Bei soviel Wohlfühlpädagogik brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir eines Tages in der zweiten Liga spielen und der Osten in der ersten. Josef Kraus ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes mit Sitz in Bonn. Internet: www.lehrerverband.de

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