Lektion gelernt

In der vergangenen Woche vertrat der CSU-Außenpolitiker und ehemalige Bundesminister Carl-Dieter Spranger in seinem Beitrag „Verhärtete Lage“ an dieser Stelle die Ansicht, im Libanon habe Israel „keines seiner Ziele erreicht“. Nun antwortet ihm der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld. Israels jüngste Offensive im Libanon hat einen Sturm der Kritik ausgelöst wie nur wenige Kriege in der Neuzeit. Zum Teil war diese Kritik bösartig und grenzte an Antisemitismus. In vielen europäischen Staaten war die Rede von einem „ungerechten“ Krieg und einer „unverhältnismäßigen“ Reaktion auf den Vorfall vom 11. Juli, bei dem zwei israelische Soldaten getötet und acht weitere gefangengenommen wurden. In Israel selber werden der Regierung und dem Generalstab Zaghaftigkeit, fehlerhafte Vorbereitung, Tolpatschigkeit und schiere Ineffizienz vorgeworfen, die allesamt den Krieg verlängert und unnötige Todesopfer gefordert hätten. In Wirklichkeit trifft keiner dieser Vorwürfe zu. Sollen liberale Gutmenschen ruhig debattieren, ob dieser Krieg moralisch gerechtfertigt war; der Stratege wird sagen: Er war absolut notwendig. Libanon ist kein besetztes Land. Seit eine Uno-Kommission 2000 den genauen Verlauf seiner Grenze zu Israel markierte, hat kein einziger israelischer Soldat libanesisches Territorium betreten. Dennoch ist es zu zahlreichen Vorfällen gekommen. Sie wurden sämtlich von der Hisbollah provoziert und zielten auf die Gefangennahme israelischer Soldaten als Geiseln. Feige wie sie sind, betrachten viele europäische Regierungen derartige Provokationen als akzeptabel und verhandeln im In- und Ausland mit Terroristen. Die israelische Öffentlichkeit sieht das anders, und zwar mit gutem Grund. Hätte Ministerpräsident Ehud Olmert nicht so reagiert, wie er es tat, hätte es das Aus für seine Regierung bedeutet. Seine Kadima-Partei hätte sich aufgelöst, und eine Rechtsaußen-Koalition wäre an die Macht gelangt – mit unkalkulierbaren Konsequenzen für Israel wie für die Zukunft des Nahen Ostens. Die Kritik aus den Reihen der eigenen Bevölkerung ist ebenfalls unberechtigt. Es stimmt, daß an der Kriegführung der israelischen Armee einiges auszusetzen wäre – insbesondere am Vorgehen des Heeres beim Hinterlandschutz und der Zivilverteidigung. Die Luftwaffe hingegen erbrachte Glanzleistungen. Sie traf und zerstörte das Hauptquartier der Hisbollah sowie mehrere wichtige Kommunikationszentren. Zudem gelang es ihr – was bei weitem schwieriger war -, sämtliche Hisbollah-Abschußrampen für Kurzstreckenraketen zu zerstören, so daß keine Ziele südlich von Haifa getroffen wurden. Zwar konnte sie die Salven von Katjuscha-Raketen, die auf Galiläa herabregneten, nicht stoppen oder auch nur merklich vermindern. Bedenkt man jedoch, daß die Hisbollah Tausende und Abertausende von Katjuschas hatte, die aufgrund ihrer geringen Größe einfach zu verbergen und zu transportieren sind, war dies kaum zu erwarten gewesen. Vor allem gibt es durchaus Gründe für die Annahme, daß die Offensive erreichte, was sie erreichen sollte. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hat zu Protokoll gegeben, er sei von der Wucht der israelischen Reaktion überrascht worden; bei anderer Gelegenheit sagte er, seine Organisation werde sich zwar so schnell wie möglich neue Waffen verschaffen, beabsichtige aber nicht, sie in naher Zukunft gegen Israel einzusetzen. Die Geschichte lehrt, daß Waffenstillstandsabkommen mit Guerilleros und Terroristen selten lange halten. Daß es in diesem Fall zu einem Waffenstillstand kam, der nunmehr seit über einem Monat gehalten hat, ist allein schon eine bemerkenswerte Leistung. Mögen Israelis die Offensive als „ungeschickt“ und Europäer sie als „unverhältnismäßig“ kritisieren – für viele Araber im und außerhalb des Libanons bedeutete sie einen unerwarteten Schock. Hielten sie Israel seit jeher für unsäglich böse, so sind sie nun überzeugt, es sei zudem majnun, völlig verrückt. Um die Entführung von zwei Soldaten zu rächen, mobilisierte das zionistische Gemeinwesen drei Divisionen mit insgesamt fünf- bis sechshundert Panzern. Es kämpfte einen Monat lang, verwüstete den Libanon mit einer Invasion, tötete über tausend Menschen, vertrieb Hunderttausende und beklagt seinerseits um die hundert Gefallene. Indes ließen weltpolitische Entscheidungsträger, die sich in der Vergangenheit zumeist um eine schnelle Beendigung der Feindseligkeiten bemühten, die Israelis unbehindert wüten. Viele Araber halten Israel nun offenbar für unberechenbar. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte man besser stillhalten und weitere Provokationen vermeiden – zumal die Hisbollah keines ihrer ausdrücklichen Ziele durchsetzen konnte (die Freilassung von Häftlingen in israelischen Gefängnissen und die Rückgabe eines kleinen Gebietes namens Schaba Farm). Mit der Konsolidierung des Waffenstillstands wird immer deutlicher, daß die Hisbollah, das libanesische Volk und zumindest einige andere Araber diese Lektion gelernt haben. Israel, dem Libanon und auch dem Rest der Welt zuliebe kann man nur hoffen, daß sie ihnen lange im Gedächtnis bleibt. Prof. Dr. Martin van Creveld ist Militärhistoriker

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