Joachim Kuhs

 

Herzlos

Als Alexandra Hildebrandt im September 2004 am ehemaligen Grenzübergangspunkt Checkpoint Charlie 1.067 Holzkreuze aufstellen ließ, tat sie dies nicht nur, um die Aufmerksamkeit auf einen brachliegenden Kulminationspunkt der deutschen Teilung zu lenken. Viel wichtiger war ihr, die öffentliche Debatte über eine angemessene Darstellung der Verbrechen kommunistischer Gewaltherrschaft in der Hauptstadt zu fördern. Nicht zuletzt wollte sie statt der Täter endlich die Opfer in den Mittelpunkt rücken. Viel wurde damals darüber diskutiert, ob das Denkmal den historischen Gesamtkomplex nicht fahrlässig vereinfache und zu sehr mit Emotionen spiele. Doch auch die größten Kritiker vermochten nicht zu bestreiten, daß die Installation täglich bei Tausenden in- und ausländischen Besuchern nicht nur auf reges Interesse stieß, sondern sie auch zu zahlreichen Fragen und zum Nachdenken aufforderte. Ein gutes Jahr nach dem Abriß der Holzkreuze verkörpern die vom Berliner Senat verantworteten Informationstafeln zur Geschichte des Checkpoint Charlie das diametrale Gegenstück. Die optische Darstellung erinnert eher an ein trockenes Geschichtslehrbuch – nicht an eine lebendige, lebensnahe Gedenkstätte, welche geeignet wäre, den Zugang zum Herzen der Menschen zu finden. Die Tafeln bieten mitunter höchst fragwürdige Erklärungen, aber kaum Raum für Fragen. Und die Opfer der SED-Diktatur stehen erneut im Schatten: Kein einziges Bild erinnert an das schlimme Schicksal derjenigen, die an dem „antifaschistischen Schutzwall“ ihr Leben ließen.

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