Joachim Kuhs

 

Notversorgung

Die Hartz IV-Reform wird Langzeitarbeitslosen nicht allein einen neuen Motivationsschub vermitteln, sich endlich nach einer Beschäftigung umzusehen, sondern ihnen auch die Gelegenheit bieten, bisher als selbstverständlich empfundene Ansprüche an den Lebensstandard auf den Prüfstand zu stellen. Davon sind auch die Wohnverhältnisse nicht länger ausgenommen. Der Staat zahlt ihnen fortan den Mietzuschuß gegen Nachweis nur noch in einer Höhe, die als angemessen anzusehen ist. Viele werden dank dieser Regelung ihre Bereitschaft zu Mobilität und Verzicht dadurch unter Beweis stellen können, daß sie in preiswertere und weniger komfortable Unterkünfte umziehen. Insbesondere die betroffenen Menschen in den „neuen Bundesländern“ haben beste Chancen, die neuen Auflagen ohne größere Probleme zu erfüllen. Da diese Regionen nämlich auch nach dem Ende der Unfreiheit eine schleichende Massenflucht gen Westen erlebten, verzeichnet die Wohnungswirtschaft eine Leerstandsquote von 16 Prozent. Vor allem die in DDR-Zeiten beliebten Plattenbauten, die man in einem Anflug von zivilisatorischem Hochmut schon aus dem Stadtbild der Kommunen ausradieren wollte, erfahren eine neuerliche Wertschätzung, da sich in ihnen Kaltmieten von etwa drei Euro je Quadratmeter realisieren lassen. „Wir sind“, kommentiert Christoph Beck, der Geschäftsführer der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft, „ganz froh, daß wir nicht alles saniert oder abgerissen haben, sondern den Leuten auch in diesen Preislagen etwas anbieten können. Daß Hartz IV eine Ghettoisierung der Armen auf den Weg bringen wird, ist nicht zu befürchten.“ „Die soziale Entmischung“, so beschwichtigt Torsten Prusseit als Sprecher der Wohnungsbaugesellschaft Magdeburg, „hat schon stattgefunden.“ Für die Armen unseres Landes ist es aber sowieso nicht von Nachteil, wenn sie in bestimmten abgeschiedenen Vierteln zusammenleben. Ihnen bleibt die tagtägliche Konfrontation mit dem gesellschaftlichen Wohlstand erspart, die Versuchung, Neid und Ressentiments gegen die Reichen zu entwickeln und der biographischen Deformation auch noch eine charakterliche hinzuzufügen, ist geringer. Für Nachbarschaftshilfe von gleich zu gleich wird ein fruchtbarer Boden geschaffen. Wenn die Armen räumlich besser lokalisierbar sind, lassen sich zudem auch andere, ähnlich konstruierte Regelungen zu ihrer Notversorgung diskreter installieren. Warum sollte man ihnen nicht die Chance bieten, sich im Sinne einer ihrer Leistung und damit ihren finanziellen Möglichkeiten angemessenen Lebensführung in speziellen Geschäften mit Lebensmitteln oder Medikamenten auszustatten, deren Verfallsdatum abgelaufen ist, oder aus dem Fundus der Altkleider- und Sperrmüllsammlungen Gegenstände für den täglichen Bedarf zu erwerben? Trotz Globalisierung sollten wir nicht allein die Armen in aller Welt, sondern auch unsere eigenen bedenken – zudem sie ja immer zahlreicher werden.

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