Lichtblicke

Arbeiten, wo andere bloß Urlaub machen: Dieser Traum wird für Jens Wehmann (34) und Maik Köppe (30) wohl in Kürze wahr werden. Nach langen Monaten erfolgloser Jobsuche liegt ihnen nun das Angebot vor, an der italienischen Adriaküste im Eisenbahnbau eine neue Beschäftigung zu finden. Die 1.400 Euro zuzüglich freier Kost und Logis, die sie erwarten, sind, verglichen mit 500 Euro Stütze daheim, zu verlockend, als daß sie diese Chance ausschlagen dürften. Vielleicht werden sie ja sogar etwas davon auf die hohe Kante legen können, um sich dann, wenn sie zurückkehren, in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. In gewisser Hinsicht sind Jens Wehmann und Maik Köppe natürlich noch Sonderfälle. Beide stammen aus Sachsen-Anhalt und haben vielleicht anfänglich gedacht, daß bloß dort, wo der Aufbau Ost seine Spuren hinterlassen hat, den Menschen jegliche Perspektive genommen wäre. Unterdessen mußten sie aber feststellen, daß die Aussichtslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt heute eine gesamtdeutsche ist – immerhin auf diesem Feld wurde die innere Einheit erfolgreich hergestellt. So bitter diese Erfahrungen auch gewesen sein mögen: Auf diese Weise haben die beiden Bald-Italiener einen Wissensvorsprung gegenüber dem Gros der Erwerbslosen und Noch-Beschäftigten in West und Ost aufgebaut. Viel zu viele von ihnen wiegen sich in dem Glauben, daß die Situation nur in ihrer näheren Umgebung so fatal ist und es schon kurz hinter der Zumutbarkeitsgrenze ganz anders aussähe. Wenn sie dann merken, daß es mit ein bißchen mehr Mobilität – etwas längere tägliche Wege zum Arbeitsplatz vielleicht oder notfalls auch ein Pendeln am Wochenende – nicht getan sein kann, ist es für die meisten schon zu spät. Allerdings mehren sich die Lichtblicke wie Jens Wehmann und Maik Köppe. Im vergangenen Jahr hat die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung schon nahezu 4.500 Jobs im Ausland vermittelt – die Mehrzahl davon in Westeuropa. Je ungezügelter die Repressalien der Arbeitslosenverwaltung gegen die ihr zur Last fallenden Menschen werden, desto häufiger dürften diese in Zukunft davon überzeugt werden können, sich auch in weniger attraktiven Ländern als Gastarbeiter zu verdingen. Warum sollten sie dabei nicht den Kapitalströmen folgen und ihre daheim abgebauten Arbeitsplätze im Ausland, wo sie neu errichtet werden, wieder einnehmen? Über der allseits akzeptierten Tatsache, daß unsere Republik ein Einwanderungsland ist und diesem Phänomen in nicht unerheblichem Maße ihren Wohlstand verdankt, wurde zu oft vergessen, daß auch die Auswanderung aus Deutschland Wertschätzung verdient. Wir beobachten sie in unserer Geschichte immer dann, wenn die Menschen die Aufbruchsstimmung einer Gründerzeit erfaßt – gegen Ende des 19. Jahrhunderts und nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine neuerliche Auswanderungswelle könnte also Vorbote, vielleicht sogar Voraussetzung eines zweiten Wirtschaftswunders sein.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles