Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Lesekultur

Obwohl die Bewohner Deutschlands das Medium Fernsehen immer intensiver nutzen, ist das gedruckte Wort noch nicht ganz aus ihrem Alltag verschwunden. Täglich verbrachten sie im Jahr 2003 durchschnittlich 203 Minuten vor dem Bildschirm, immerhin noch 45 Minuten ihrer Freizeit investierten sie in Lektüre der unterschiedlichsten Art: 22 Minuten lasen sie in Zeitungen, 8 in Büchern, 5 in Zeitschriften und den verbleibenden Rest in Beipackzetteln, Gebrauchsanweisungen, Katalogen und ähnlichem. Ein Faible für die traditionellen Printmedien lassen dabei vor allem alte Menschen erkennen. Wer über 65 ist, wendet ganze 75 Minuten am Tag für das Lesen auf, weniger als die Hälfte, nämlich gerade einmal 30 Minuten sind es bei den unter 24jährigen. Sicherlich ist es nicht vollkommen abwegig, zu behaupten, daß die Jungen von heute mit zunehmendem Alter sich auch mehr Zeit für Lektüre nehmen dürften. Schließlich sind auch sie irgendwann einmal Rentner und werden dann in den Wartezimmern ihrer Ärzte in Ermangelung eines dort installierten Fernsehers schon zu den ausliegenden Angeboten des Lesezirkels greifen. Man kann aber nicht davon ausgehen, daß Drucksachen jemals eine solche Rolle in ihrem Leben spielen werden, wie sie es in dem der heute Alten getan haben. Wer in unserer Zeit heranwächst, weiß sich die vielfältigen Angebote, die in den vergangenen Jahren die Medienwelt revolutioniert haben, schon früh vollständig und mit Leichtigkeit zu erschließen. Er muß nicht aus Rückständigkeit oder Ignoranz zu Zeitungen, Zeitschriften oder gar Büchern greifen, sondern weiß, daß diese nur noch als Nischenphänomene eine Zukunft haben. Um so grotesker ist der Druck, der heute immer noch von der Lese-Lobby und einer willfährigen Politik auf junge Menschen ausgeübt wird. Anstatt zu honorieren, daß diese sich voller Enthusiasmus neuen, innovativen Technologien zuwenden, kanzelt man sie von oben herab ab, bloß weil sie dem, was schwarz auf weiß gedruckt ist, nicht mehr in ehrfürchtiger Andacht begegnen. Oft übersehen wird dabei, daß elektronische Medien die viel beschworene Lesekultur gar nicht unterminieren, sondern eher stärken – dies beweist nicht zuletzt der Siegeszug der SMS. Unabhängig davon ist die Legitimation derjenigen, die auf diesem Gebiet anderen Ratschläge erteilen oder gar Vorschriften machen wollen, in Frage zu stellen. In einer Demokratie steht es sich als gemeinnützig aufspielenden Institutionen und vor allem dem Staat nicht zu, das Freizeitverhalten der Bürgerinnen und Bürger zu kritisieren oder gar manipulieren zu wollen. Wenn sie in ihrer Mehrheit nicht mehr lesen möchten, ist dies zu respektieren, solange die Minderheit ihrer Lektüre ungehindert nachgehen kann. Die Menschen haben ein Recht darauf, von der Politik zu erfahren, was sie tun können, damit unser Land wieder eine Zukunft hat. Die Antwort wird ja wohl kaum lauten, daß sie sich bedrucktem Papier zuwenden sollen.

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