Krimi-Quote

Die Zahl der polizeilich registrierten Straftaten ist zwischen 1993 und 2003 nahezu konstant geblieben. Bei Delikten wie Wohnungseinbruch, Bankraub, Autodiebstahl und vollendetem Mord sind sogar deutliche Rückgänge zu verzeichnen. Kriminologische Experten wie der ehemalige niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer führen dieses Phänomen in erster Linie auf die zunehmende Überalterung unserer Gesellschaft zurück. „Die gefährlichste Altersgruppe sind nun einmal die jungen Männer von 18 bis 30 Jahren.“ Knapp 50 Prozent der Gewalttaten in unserem Land werden von ihnen begangen. Da ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung trotz aller Immigrantenströme in dem vergangenen Jahrzehnt von 9,4 auf 7,0 Prozent gesunken ist, zeigten auch die von ihnen traditionell präferierten Delikte eine abnehmende Tendenz. Gleichzeitig wuchs das Gewicht der Altersgruppe, die in markanter Weise die wenigsten Straftäter stellt: Die über 60jährigen machen nach erst 20,4 Prozent im Jahr 1993 heute immerhin schon 24,4 Prozent der Einwohner aus. Da sich dieser Trend weiter beschleunigt, scheint Deutschland also einer friedlicher werdenden Zukunft entgegenzugehen. Selbst das Szenario einer vollends vergreisten Bundesrepublik sollte vor diesem Hintergrund folglich niemanden schockieren. Je mehr Menschen aufgrund ihres hohen Alters davon absehen, allzu viel außerhalb der eigenen vier Wände zu unternehmen, desto weniger werden die wenigen noch aktiven Delinquenten auch Gelegenheit haben, im öffentlichen Raum auf potentielle Opfer zu stoßen. Allerdings ist eine älter und immobiler werdende Gesellschaft der Gefahr ausgesetzt, daß immer mehr Bürger ihr Bild von der sozialen Realität nicht mehr durch eigene Erfahrung, sondern durch die Medien, insbesondere das Fernsehen formen. Daß sie dabei kaum einen Unterschied zwischen fiktionalen und dokumentarischen Sendungen machen, bleibt nicht ohne Folgen: In den letzten zwanzig Jahren hat sich der Anteil der reale oder erfundene Straftaten thematisierenden TV-Formate am Gesamtprogramm verdreifacht. Entsprechend gewachsen ist in der Öffentlichkeit, so Pfeiffer, das Gefühl, von einer ausufernden Kriminalität bedroht zu werden – obwohl die nackten Zahlen eine andere Sprache sprechen. Die politischen und fiskalischen Konsequenzen dieser verzerrten Wahrnehmung sind unverkennbar: Der Druck der Wähler auf Politik und Justiz hat dazu geführt, daß Gesetze verschärft wurden und immer mehr Straftäter für immer längere Zeiträume in die Gefängnisse wandern. Dies dürfte den Steuerzahler in dem zurückliegenden Jahrzehnt gut und gerne vier Milliarden Euro gekostet haben. Wenn unser Staat also wirklich sparen will, wird er um eine aktive Medienpolitik nicht umhinkommen: Die Krimiquote muß radikal gesenkt werden. Einen „Tatort“ ohne Dauereinblendung, daß dies nicht die deutsche Wirklichkeit ist, darf es künftig nicht mehr geben.

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