Substanzverfall

Fast zwei Fünftel der Brücken unserer Bundesfernstraßen befinden sich, so soll das Verkehrsministerium festgestellt haben, in einem ungenügenden, kritischen oder gerade noch ausreichenden Zustand. Eine Aussicht auf Besserung dürfte es vor dem Hintergrund der Haushaltslage kaum geben. Unter Umständen wird man aber einen weiteren dramatischen Substanzverfall der Verkehrswege abwenden können. Für manche mag damit die einst so populäre Maxime, daß Deutschlands Platz an der Seite der Dritten Welt wäre, hinsichtlich der Infrastruktur unserer Republik unverhofft eine Tatsache geworden sein. Dennoch wäre es völlig verkehrt, dies als ein Problem anzusehen, das möglicherweise sogar Handlungsbedarf hervorriefe. Die Situation in den USA, denen niemand einen Mangel an Prosperität unterstellen wird, ist nicht wesentlich anders. In Florida beispielsweise gelten 20 Prozent der Straßen und Brücken als äußerst reparaturbedürftig. Der Attraktivität dieses Bundesstaates gerade für alte Menschen, die doch vor allem Komfort suchen, scheint dies keinen Abbruch zu tun. Vielleicht sollten wir, statt immer nur zu lamentieren, doch lieber unsere so vertraute wie fragwürdige Anspruchshaltung überprüfen. Wie kommen wir eigentlich auf die Idee, es gehöre zu den Kernaufgaben des Staates, überall für intakte Verkehrswege zu sorgen? Ist der öffentlichen Hand wirklich vorzuwerfen, daß sie hier zu wenig Geld ausgibt, wo sie doch bekanntermaßen gar keines hat, sondern dieses erst von jenen Privaten nehmen müßte, die über es verfügen? Sollte man nicht statt dessen viel eher darauf drängen, daß auch auf diesem Gebiet endlich die Voraussetzungen für mehr Eigenverantwortung der Bürger geschaffen werden? Wenn die Autofahrer selber entscheiden dürften, was ihnen ihre Straßen wert sind, würden sie unschwer erkennen können, daß Perfektionismus nur der Wahn von Bürokraten ist, die Qualitäts- und Sicherheitsstandards hoch setzen, weil sie vom Markt nichts begriffen haben. Manche Schlaglöcher oder ein gewisses Risiko bei der Überquerung von Brücken nimmt der Steuerzahler nämlich bereitwillig in Kauf, wenn er dadurch seinen Anteil an den Instandsetzungskosten spart. Zöge sich der Staat aus seiner überkommenen Verantwortung für die Verkehrswege zurück, hätte dies zudem makroökonomisch positive Effekte. Bislang nimmt er dem Bürger das Geld, um mit viel Verwaltungsaufwand in der Straßenbaubranche eine Scheinkonjunktur zu finanzieren. Bliebe dieses Geld bei denen, die es verdient haben, würden sie es nicht etwa sparen, sondern es, ohne daß die staatliche Bürokratie einen Teil davon verschlänge, für Autoreparaturen ausgeben, die durch den Zustand der Straßen erforderlich werden. In Florida veranschlagt man dafür jährlich über fünfzig Dollar pro Fahrzeug, in Deutschland könnten es schnell deutlich mehr werden. Jede Autoreparatur aber fließt in unser Bruttosozialprodukt ein. Es ist also nicht verwegen, wieder auf Wachstum zu hoffen.

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