Respektabbau

Die Rürup-Kommission hat mit ihrem Vorschlag, das Renteneintrittsalter von 65 auf 67 Jahre heraufzusetzen, offenbar eine längst überfällige Diskussion angestoßen. Da die Gedanken frei sind, kann sich in ihr auch Philipp Mißfelder (23), der Chef der Jungen Union, zu Wort melden: Er meint, daß sogar „Rente ab 70“ kein Tabu sein darf. Weitere Reformkonzepte aus allen Lagern sind, zumal es sich hier um eines der letzten noch verbliebenen Zukunftsthemen handelt, zu erwarten. Warum sollte man zum Beispiel nicht auch einmal darüber nachdenken, ein Rentenaustrittsalter einzuführen? Hier wäre nicht nur eine starre Regelung – „Rente bis 80“ etwa – vorstellbar, sondern auch eine variable, die der jeweiligen Kassenlage gerecht wird: Die Ansprüche junger Rentner sind bevorrechtigt. Die Leistungen werden in der Reihenfolge des Alters ausgezahlt. Ist der Etat ausgeschöpft, gehen alle, die älter als der letzte Rentenempfänger sind, leer aus. Dieser Lösung, welche die ersehnte Beitragsstabilität garantieren könnte, dürfte ihre gesellschaftliche Anerkennung nicht versagt bleiben: Wer bereits durch ein hohes Alter gesegnet ist, muß nicht auch noch zusätzlich finanziell belohnt werden. Denkbar sind natürlich auch Lösungen, die die inflexible Scheidung zwischen Erwerbsleben und Rentnerdasein aufheben. Ein positiver Nebeneffekt wäre dabei unter anderem die Erhöhung der Sicherheit im Alltag. Alte Menschen zeichnen sich nämlich zum Beispiel, dies beweisen Unfallstatistiken, als behutsamere Verkehrsteilnehmer aus. Warum sollte man für sie daher nicht Anreize schaffen, ihre Erfahrungen als Bus- oder Taxifahrer über das 65. oder eventuell auch 70.Lebensjahr hinaus den Mitmenschen zur Verfügung zu stellen? In einer Gesellschaft, in der moderne Kommunikationsmittel längst eine Selbstverständlichkeit geworden sind, sollte es zudem nicht unmöglich sein, auch Alten, die körperlich nicht mehr ganz auf der Höhe sind, eine Chance zu bieten. Warum werden Genehmigungen für Wohnstifte nicht davon abhängig gemacht, daß sie nicht nur Versorgungs- und Gesundheitsleistungen, sondern auch die Infrastruktur für die Einrichtung von Telearbeitsplätzen anbieten? Ganz gleich, welche Richtung die Diskussion nehmen wird: Wir dürfen optimistisch sein, daß unsere Gesellschaft zu einer konstruktiven Lösung des Problems findet. Es ist heute einfach leichter, unvoreingenommen über Seniorinnen und Senioren zu sprechen und zu entscheiden. Früher schwang immer der Respekt mit, es mit Menschen zu tun zu haben, die mindestens einen Krieg und das damit verbundene Elend erlebt haben. Man sah ihnen nach, wenn sie sich im Alter ein wenig für die möglicherweise entgangene Jugend entschädigen wollten. Wer demnächst in Rente geht, hat in jungen Jahren keine Bombergeräusche, sondern Beatles gehört, keine Greuel, sondern Mainzelmännchen gesehen. Mit ihm können die Beitragszahler endlich auf gleicher Augenhöhe verhandeln.

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