Linkspopulismus

Vier Jahre nach seinem genießerischen Rückzug aus der aktiven Politik könnte Oskar Lafontaine eigentlich zufrieden sein. Trotz aller Verantwortung, die er einst in Staat und Partei getragen hat, ist es ihm gelungen, öffentliches Ansehen zurückzugewinnen. Mit seiner Bild-Kolumne und zahlreichen anderen Medienauftritten hat er es verstanden, sich als jemand zu positionieren, der ohne Rücksicht auf taktische Erfordernisse des niederen Alltagsgeschäfts das ausspricht, was die Menschen hören wollen. So etwas hat man in unserem Land von einem Linken schon lange nicht mehr erlebt. Den guten Ruf, sein Charisma unterdessen in den Dienst respektabler Ziele zu stellen, setzt Oskar Lafontaine nun durch sein neuerliches Anbandeln mit der SPD leichtfertig aufs Spiel. Er steht vor einer unlösbar erscheinenden Aufgabe: Sagt er über die Sozialdemokraten das, was die Menschen von ihren denken, wird er bei seiner Partei auf Ablehnung stoßen. Verschweigt er die Wahrheit, ruiniert er sein neues Image und bringt den Oskar Lafontaine, der wider besseres Wissen Gerhard Schröder in sein derzeitiges Amt verhalf, in Erinnerung. Als Entschuldigung für das Bemühen, es dennoch wieder zu wagen, mag aber durchgehen, daß die Versuchung groß ist. Der Kanzler hat die SPD auf einen Weg geführt, auf dem ihr jetzt nur noch die Neubesinnung bleibt. Ihre Wähler wußten zwar schon seit dem Godesberger Programm, daß ihr an einer grundlegenden Umgestaltung der Bundesrepublik hin zu einer gleichmäßigeren Wohlstandsverteilung nicht gelegen ist. Man durfte aber annehmen, daß sie aus dem pragmatischen Grund der Stimmenmaximierung immerhin noch so etwas wie eine Versicherung gegen einen allzu unverschämten Sozialabbau wäre. Diese Vorstellung ist in den letzten Monaten irreparabel erschüttert worden. Glaubwürdig ist die SPD nur noch als Instrument für die gesellschaftlich Mächtigen: Sie hat breites Verständnis dafür zu wecken, daß sehr viele ihre Ansprüche zurückschrauben müssen, damit einigen wenigen der Spaß am Geldverdienen nicht vergeht. Die SPD wird ihre Aufgabe im Parteiengefüge unseres Landes aber nur erfüllen können, wenn sie ein wenig zur sozialen Demagogie zurückfindet. Oskar Lafontaines Erfahrungen mit einem neuen linken Populismus könnten hier von großem Nutzen sein, auch wenn sie bislang nur publizistischer Natur sind. Er profitiert aus dem Debakel, das der europäische Rechtspopulismus derzeit verdientermaßen erlebt, da er meinte, seinen eigentlich nach Sicherheit und Stabilität strebenden Wählern mehr Marktwirtschaft verordnen zu dürfen. Diesen Fehler wird Oskar Lafontaine nicht wiederholen. Der rechte Populismus ist als grobschlächtiger Neoliberalismus desavouiert, nun können sich die Hoffnungen bis auf weiteres auf einen linken richten. Oskar Lafontaine kann manchmal rechts klingen und doch links bleiben. Das Schicksal, ein Mussolini von der Saar werden zu müssen, bleibt ihm erspart.

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