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In Tabu-Gewittern

Lange geht das nicht mehr gut: Während die Welt und Europa sich neu sortieren, in Deutschland Wirtschaft, Sozialsysteme und politische Institutionen auf Verschleiß gefahren werden und die Naturwissenschaft uns mit der Frage konfrontiert, ob ethisches Handeln künftig noch als Bewährung in der Freiheit oder bald als Folge der richtigen genetischen Programmierung zu verstehen ist, wird das Nachdenken in und über Deutschland nur lebhaft und umfassend, wenn es um die Jahre zwischen 1933 und 1945 geht. Alle acht Wochen schenkt das Titelblatt des Spiegel dem Volk ein Führerbild, und die bestimmenden Diskussionen der letzten Jahre drehten sich – in unvollständiger Aufzählung – um das Holocaust-Denkmal, um das Grass-Buch zur „Gustloff“-Versenkung 1945 und zur Vertreibung der Deutschen, um den Bombenkrieg und jetzt um Stalingrad. Das Muster ist immer gleich. Zuerst kommt ein historisches oder belletristisches Werk auf den Markt, oder es stehen Gedenktage an, oder Reden werden gehalten, die sich tatsächlich oder vermeintlich zu kurz gekommenen historischen Tatsachen widmen. Das Wort vom „Tabubruch“ macht die Runde. Die Erlebnisgeneration nickt ergriffen, weil sie ihr Schicksal gewürdigt sieht, und den Jüngeren dämmert, daß sie durch Kenntnis der Geschichte ihre Gegenwart besser begreifen. Wenn dann noch ein hoher Politiker – mehr aus Opportunismus denn aus Überzeugung – die gewohnte Sprachregelung überschreitet, kommt Hoffnung auf, daß die unerlösten Erinnerungen zur adäquaten und verbindlichen Form gerinnen und die Menschen nicht länger als Neurosen heimsuchen. Doch dann versandet die Debatte, und am Schluß steht die Mahnung, es dürfe nicht „aufgerechnet“ werden. Die „öffentliche Gedenkkultur“ macht weiter im alten Trott – bis zum nächsten „Tabubruch“! Nie dringt man zur Kernfrage vor: Ob wir ein Recht haben auf ein Geschichtsbild, in dem eigene Verluste und Leiden in ihrer ganzen, grausamen Authentizität aufgehoben sind und nicht bloß als sekundäre und verdiente Folgen eigener Schuld. Der verunglücke Historikerstreit von 1986/87 erweist sich als fortwährender Fluch. Wichtiger noch als die Ausgangsthese Ernst Noltes, der Nationalsozialismus sei eine Reaktion auf den Bolschewismus gewesen, sind in diesem Zusammenhang die drei Postulate, die er für die Geschichtsschreibung aufstellte: Erstens dürfe das „Dritte Reich“ nicht isoliert, sondern müsse im geschichtlich-genetischen Zusammenhang betrachtet werden. Zweitens hätte die Instrumentalisierung aus politischen Gründen, die in der Gegenwart liegen, zu unterbleiben, um zu einer wissenschaftlich Bewertung zu gelangen. Und drittens müsse die Dämonisierung des Nationalsozialismus beendet und er „als ein Teil der Menschheitsgeschichte“ begriffen werden, „der nicht bloß Wesenszüge der Vergangenheit in äußerster Konzentration zum Vorschein brachte, sondern der zugleich Zukünftiges vorwegnahm und in der Gegenwart Naheliegendes vollzog“. Nolte zielte auf „ein Freiwerden von der Tyrannei des kollektivistischen Denkens“, in dem „die Deutschen“ als „Tätervolk“ erscheinen, und zwar zugunsten einer „entschiedenen Hinwendung zu allen Regeln einer freiheitlichen Ordnung. Das waren Argumente für den unauflöslichen Zusammenhang zwischen geistiger, politischer und gesellschaftlicher Freiheit, für die Unteilbarkeit von Freiheit und Demokratie! Bekanntlich ist es anders gekommen. Die NS-Verbrechen werden als ein „Numinosum“, als ein göttliches, Schauer und doch Sicherheit verheißendes Geschehen betrachtet, „dem man sich nur in religiöser Haltung, nicht aber in wissenschaftlicher Einstellung nähern darf“ (Nolte) und das Riten, Liturgien, Segnungen, Bannflüche und unverjährbare Verpflichtungen nach sich zieht. Im Lichte solcher Sakralisierung ist die Erwähnung deutscher Bomben- und Vertreibungsopfer in der Tat eine Blasphemie. In der Folge hat sich die Geschichswissenschaft über das 20. Jahrhundert weitgehend auf Scholastik reduziert, auf die Auslegung und Verteidigung unhinterfragbarer Glaubenssätze. Gesinnungsschnüffelei tritt an die Stelle gesellschaftlicher Diskurse, und Politik, statt als pragmatische Lösungssuche im Bewußtsein moralischer Verpflichtungen zu agieren, verkommt zum Versuch, innerweltliche Erlösungsideologien zu verwirklichen. Man erinnere sich nur an das liturgische Tremolo, in dem um die deutsche Beteiligung am Jugoslawienkrieg oder um die Asyl- oder Zuwanderungsgesetze gestritten wurde. Die Perspektive, das von Deutschen begangene „absolute Böse“ zu globalisieren, welche kluge Köpfe als Weg ins Freie empfehlen, ist erst recht eine vollendete Sackgasse, weil „die Deutschen“ nun im Weltmaßstab als Vollstrecker des Diabolischen stigmatisiert und dazu verdammt bleiben, halb als Ahasver, halb als Helotenvolk durch alle Zukunft zu wanken. „Tabubrüche“ sind zu wenig. Der Historikerstreit muß als ein unvollendetes und neu aufzunehmendes Projekt begriffen werden. Für Deutschland, dessen schwindende Vorzüge darauf beruhen, daß hier oft freier, gründlicher und tiefer nachgedacht wurde als anderswo, handelt es sich um eine Existenzfrage!

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