Gegengewicht notwendig

In den ersten Tagen des Irak-Krieges lebte bei manchen Zeitgenossen die kühne Hoffnung auf, Saddam Hussein – der zwar ein Scheusal sei – könne als eine Art Robin Hood die USA in die Schranken weisen. Daß er verlieren würde, war klar – aber vorher dachte man an erbitterte Straßenkämpfe in Bagdad. Das würde zu einer heilsamen Ernüchterung bei Bush beitragen und die Lage in einer „post-saddamistischen Welt“ für die Nichtamerikaner erträglicher machen. Doch die sagenhaften „Revolutionsgarden“ liefen auseinander, die US-Streitkräfte konnten ihre horrende technische Überlegenheit voll ausspielen. Saddam verschwand ruhmlos von der Bildfläche. Viele seiner Unterführer, die vorher pathetisch erklärten, sie würden lieber sterben als nach Guantánamo gehen, ergaben sich – nachdem sie vorher über erträgliche Haftbedingungen verhandelt hatten. Jene Nahostexperten, die gewarnt hatten, irgendwelche Hoffnungen auf arabische Kampfkraft zu setzen, behielten recht – wobei man sich fragen muß, ob nicht Saddam oder einige seiner Generäle „Wohlverhalten“ versprachen, um selber besser davonzukommen. Natürlich werden die US-Siegesbäume im Irak nicht in den Himmel wachsen. Aber viele Amerikaner fühlen sich bestätigt: die „Bösen“ sind geschlagen, die „Guten“ haben gewonnen. Die Kritiker der USA müssen kleinlauter auftreten. Und die Nachbarn des Irak, sofern sie nicht auf der US-Seite standen, leben jetzt in Furcht, sie könnten ein ähnliches Ende nehmen. Schon im Zweiten Weltkrieg verbreiteten die USA um sich eine seltsame Mischung von Bewunderung, Schrecken, Ablehnung und totaler technischer Überlegenheit. Ohnmächtig mußten die Deutschen zusehen, wie der Himmel ausschließlich den US-Bomberflotten gehörte, wie jede Form von deutschem Widerstand einfach zusammengebombt wurde. Ein Gefühl der totalen Ohnmacht hatte damals Zivilisten wie Soldaten ergriffen – und das war die Voraussetzung dafür, daß die US-Ordnung (und Umerziehung) weitgehend widerstandslos akzeptiert und später „verinnerlicht“ wurde. Die amerikanische „Weltordnung“, die sich nun herauskristallisiert, beruht auf ähnlichen Empfindungen und Komplexen. So sieht sich Präsident Putin veranlaßt, auch Rußland vorsichtig im Hintergrund zu halten. Noch vor zwei Jahrzehnten wäre es undenkbar gewesen, daß eine Moskauer Regierung ganz Zentralasien praktisch kampflos den USA überläßt. Heute ist das selbstverständlich. Auch die Chinesen, die als Land von außen nicht zu erobern sind, werden kaum bis zum äußersten gehen und riskieren, daß Peking, Shanghai oder Kanton in Schutt und Asche fallen. Die neue Weltordnung wird also zunächst eine amerikanische sein – und wie alle diese US-Gebilde wird sie auf viele, vor allem einfachere Gemüter keinesfalls nur abstoßend wirken. Die Amerikaner werden versuchen, ihren American way of life auf sämtliche Kontinente zu übertragen. Auch hier ist zu bedenken: Als den Europäern – den besiegten (West-)deutschen ebenso wie den „Mit-Siegern“ à la Frankreich – das amerikanische Jahrhundert schmackhaft gemacht wurde, dachten zunächst die wenigsten an Patriotismus und Identität. Die Deutschen dachten an die Alternative: Im Vergleich zu den Sowjets war das, was die „Amis“ an Lebensstil anboten, um Klassen besser und freier. Nur Randgruppen waren damals bereit, sich mit den „Russen“ überhaupt einzulassen. Ob es den USA diesmal gelingen wird, jene Form milder Knechtschaft gegenüber den nicht-europäischen Nationen durchzusetzen, steht auf einem anderen Blatt. Aus einem Europäer ließ und läßt sich – wie man anhand der Einwanderungsstatistiken nachweisen kann – leicht ein Amerikaner formen. Ob aus Arabern, aus Moslems, aus Asiaten oder Latinos echte „Amerikaner“ werden, muß die Zukunft erweisen. Einstweilen gibt es bei den nicht-europäischen Nationen wenig Neigung, sich in den American way of life völlig zu integrieren. Auch nach einem solchen Sieg wird sich die „Weltherrschaft“ nicht total verwirklichen lassen. Es wird mindestens passiven Widerstand geben. Auch die Menschenmassen Indiens und Chinas lassen sich nicht mit einigen gezielten Luftschlägen wegbombardieren, wie das bei den 22 Millionen Irakern der Fall war. Entscheidend wird sein, ob es den Amerikanern gelingen wird, Furcht und Bewunderung im Gleichgewicht zu halten. Eine Weltordnung, die nur auf Furcht beruht, kann keine lange Dauer haben. Um ein Gegengewicht zu den US-Hegemonialansprüchen und Bevormundungsversuchen zu schaffen, wird sich die übrige Welt zusammentun müssen – auch auf unkonventionelle Weise. Eine militärische Gleichstellung mit den Amerikanern zu suchen, ist auf absehbare Zeit ein unmögliches Unterfangen. Es muß politisch argumentiert und gehandelt werden. Ob dabei Europa überhaupt noch zum Zuge kommt, ist nicht sicher. Die Weltordnung unter Sternenbanner wird kommen – aber sie wird nicht von Dauer sein. Das aber setzt voraus, daß die Deutschen und die Westeuropäer bereit sind, ihre Mentalität zu ändern. Man kann nicht einesteils unabhängig von Amerika sein wollen – und gleichzeitig verlangen, daß Amerika einen beschützt. Ohne Risiko geht auch hier nichts mehr.

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