Lachleute und Nettmenschen

Ich hab‘ so viel schon gehört, und noch viel mehr verschwiegen“, singt Peter Hein in „Reiselust“. Die selbst auferlegte Zurückhaltung hat ein vorläufiges Ende gefunden. Die Fehlfarben scheinen es noch einmal wissen zu wollen. Bereits 1990 hielten sie es für angebracht, ein Comeback zu wagen. Ihre Wortmeldung ging jedoch ohne Echo unter. Im Rausch von Wende und Wiedervereinigung glaubten die meisten, daß eine neue Zeit angefangen hätte. Nun, nach Kohl und inmitten einer an die Substanz gehenden Krise, ist deutlich geworden, daß die neue Bundesrepublik gar nicht anders als die alte ist. Mit einem Unterschied vielleicht: Das Gefühl, es durch die Besinnung auf die eigenen Kräfte doch noch einmal schaffen zu können, ist futsch. Dies ist eigentlich ein guter Nährboden für eine Band, die anderen über die Welt, in der sie leben, nichts vormachen wollte und wie keine zweite auf den Punkt brachte, was es heißt, den Alltag dieses Landes als Zeitgenosse aushalten zu müssen. Wer lange geschwiegen hat, braucht seine Zeit, um die Sprache wieder zu finden. Auf „Knietief im Dispo“, der im letzten Herbst erschienenen CD, ist nicht nur der Titel ridikül, aufgesetzt, konstruiert, fast so als hätte irgendsoein Plattenmillionär mit Westernhagen-Masche mal wieder seinen geringverdienenden Fans aus dem Herzen sprechen wollen. Auch manche Stücke, vielleicht sogar die meisten, ringen bemüht, aber vergeblich darum, „Ich und die Wirklichkeit“ (DAF) in eine erhellende Beziehung zu setzen. Der Funke will einfach nicht überspringen. Manchmal aber eben doch, wie etwa in „Die Internationale“ oder „Sieh nie nach vorn“. Dann merkt man, daß es sich wieder und immer noch lohnt, Peter Hein zuzuhören. Auch die Badges, die einige der Mitmusikanten zieren, bezeugen einen Sinn für Nostalgie. Eine verzeihliche Unart, wenn man bedenkt, daß aus dem Mordor der Unterhaltungsindustrie nach Nena noch ganz andere Ungeheuerlichkeiten als Achtziger-Revival auf die Menschen losgelassen werden könnten. Die Fehlfarben stellen von Anfang an klar, was ihre Sicht ist und ihre Wiederkunft rechtfertigt. „Lachleute und Nettmenschen“, der minimalistische Gassenhauer von S.Y.P.H., mit dem das Konzert seinen Lauf nimmt, denunziert das Juste-milieu des Alltags. Alles ist Fassade. Man kann es nicht mehr sehen. Sänge hier ein Campino, den zwei Jahrzehnte voll augenzwinkernder Prollpunk-Attitüden wohl genährt haben, müßte man es ihm nicht abnehmen. Peter Hein hingegen schon. Ihm war es egal, ob etwas aus ihm würde. Das hat er bewiesen. Daher wirkt er unverbraucht, wenn er sich mit seinen unterdessen 45 Lenzen das Recht herausnimmt, weiterhin alles mies zu finden. Die meisten, die im Publikum mit einem Altersdurchschnitt von deutlich über Dreißig lauschen, dürften ihm zustimmen. Die Generation, die nach den 68ern kam, hat sich mit einer fix und fertig gestalteten Bundesrepublik nur noch arrangieren können. Manchen ist sie noch heute fremd und unerträglich. „Was ich haben will, das krieg ich nicht. Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht.“ Dieses Eingeständnis ist der Höhepunkt des Abends. Es bindet auch 23 Jahre nach dem Erscheinen der monolithischen LP „Monarchie und Alltag“ das Publikum an die Fehlfarben. Da sich im Grunde genommen nichts geändert hat, ist die Erwartung berechtigt, daß sich auch weiterhin nichts ändern wird und man wohl auch nichts ändern kann. Man möchte aber wenigstens nicht verschweigen, daß man froh wäre, eine Hoffnung haben zu können. Die Schuld tragen nicht die anderen, die vielen also – Punk war ja immer auch ein sehr elitäres Ding: „Wie schade, wie peinlich, daß man so feige ist.“ Ganz ohne Wut kommt Peter Hein diese Feststellung nicht über die Lippen. Seine Bühnenpräsenz ist kraftvoll und ungelenk. So war das früher bei denen, die die Rockmusik zum Teufel wünschten, ganz bewußt und so bleibt das eben bei den Fehlfarben, die an der Attitüde der Imageverweigerung festhalten. Auch wenn die Selbstbespiegelung heute andere Bilder als früher zeigt, bleibt der Wunsch, sich wenigstens ab und zu nichts vorzumachen, die Brücke zwischen den Zeiten – und zwischen Bühne und Publikum. „Kann mir jemand sagen, was hier vor sich geht? Gibt’s noch mehr, die so fühlen wie wir?“, fragt Peter Hein in „Reiselust“. Die Tournee dürfte ihm eine beruhigende Antwort geben. Freiluft-Konzerte 2003: 3. Mai: „Alte Feuerwache“, Mannheim; 4. Mai: „Kulturspektakel“ Eichstätt; 28. Mai: „Uni Party 2003“, Wuppertal; 5. Juni: „Campus am neuen Palais“, Potsdam; 13. Juni: „Pfauen“, Zürich; 05. Juli: „Kultursommer“, Oldenburg; 17. Juli: „Burg Herzberg Festival“, Eisenach; 16. August: „Cry for Happiness“, Burgruine Oppenheim.

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