Joachim Kuhs

 

Fremdsprachen ab der ersten Klasse?

Einfach anfangen“ lautet das doppelsinnige Motto, unter dem sich der Ernst Klett Verlag bereits seit Jahren der Entwicklung kindgerechter Materialien für das frühe Fremdsprachenlernen widmet, damit schon die Kleinsten frühzeitig „europafähig“ werden. Die Erfahrungen in Grundschulklassen, in denen bereits eine Fremdsprache unterrichtet wird, haben die Gegenargumente wie zu frühe Überforderung, oder erst mal richtig Deutsch lernen widerlegt. Erwiesenermaßen lernen Kinder Sprachen im Alter von sechs bis zehn Jahren fast von allein, und der frühe Fremdsprachenunterricht hat auch positive Auswirkungen auf das gesamte Lernen. Er setzt kreative Kräfte frei und stärkt das Selbstbewußtsein der Kinder. Aber nicht nur lernpsychologische Erkenntnisse lassen den Frühbeginn nützlich und notwendig erscheinen. Auch die sich verändernde politische und wirtschaftliche Situation in Europa und die zunehmende Globalisierung fordern einen selbstverständlichen Umgang mit fremden Sprachen. Menschen aus anderen Ländern begegnen den Schülerinnen und Schülern von Kindesbeinen an: zu Hause beim Fernsehen, auf Urlaubsreisen, in der Schule und im Sportverein. So ist es auch ein wesentliches Element jedes Fremdsprachenunterrichts, andere Kulturen verstehen zu lernen. Auch in beruflicher Hinsicht wird Mehrsprachigkeit bald von jedem erwartet. Das Beherrschen einer zweiten und auch dritten Sprache wird keine besondere Auszeichnung mehr sein, sondern ein Muß. Die meisten Kinder, die in der Grundschule mit einem neuen Thema anfangen, möchten gerne zeigen, was sie gelernt haben, das gilt auch für die Fremdsprache. Eltern sollten ihrem Kind dabei Zeit lassen und geduldig zuhören. Prof. Dr. Herbert Puchta ist Experte für frühes Fremdsprachenlernen und Mitautor von „Playway to English“, dem internationalen Lehrwerk für Englisch in der Grundschule. Grundsätzlich sollte jeder Pädagoge dafür sein, weil es in der Tat so ist, daß jüngere Kinder leichter Fremdsprachen erlernen. In der bisherigen Praxis geht dies jedoch zu Lasten des übrigen Stoffes. So wird für jede Stunde Fremdsprachenunterricht eine reguläre Unterrichtsstunde gestrichen. Dies betrifft häufig das Fach Deutsch. Gerade hier wird aber jede Stunde benötigt, um den Kindern ein umfassendes Basiswissen zu vermitteln, welches für das Erlernen von Fremdsprachen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Als zusätzlicher Grund für eine vorläufige Ablehnung kann auch die bisher fehlende Abstimmung der Lehrpläne gelten. Das in der Grundschule ab der ersten Klasse Gelernte wird an den weiterführenden Schulen nicht mit einbezogen, der Fremdsprachenunterricht beginnt von vorne, und derselbe Lernstoff wird noch einmal behandelt. Dies wirkt sich demotivierend auf die Kinder aus, welche sich immerhin schon mehrere Jahre mit der Sprache auseinandergesezt haben. Meine persönliche Erfahrung mit dem frühen Fremdsprachenunterricht zeigt, daß das Niveau in den eher spielerisch aufgebauten Stunden kaum steigt. Die Kinder lernen einzelne Vokabeln oder Sätze kennen, und der Unterricht beschränkt sich meist auf den mündlichen Spracherwerb. Zur Zeit scheitert ein sinnvoller früher Fremdsprachenunterricht auch einfach an der mangelnden Zahl geeigneter Lehrer. Die an der Grundschule eingesetzten Fachkräfte haben die Sprache meist nicht studiert. Und gerade sie sollen den Kindern nun die richtige Aussprache vermitteln? In der Not eingesetzte Hauptschullehrer wiederum haben Schwierigkeiten mit den für Grundschulkinder angemessenen Lehrmethoden. Bevor diese verschiedenen Unstimmigkeiten nicht auf die ein- oder andere Weise behoben sind, bin ich aus diesen Gründen gegen eine flächendeckende Einführung von Fremdsprachenunterricht an Grundschulen. Swaantje Pölert ist Deutschlehrerin an einer Grundschule.

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