Pascal Kaiser, Tutty Tran, eine Transfrau aus Schleswig-Holstein – und zuvor bereits Gil Ofarim. Auf den ersten Blick haben diese Fälle wenig miteinander zu tun. Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch ein wiederkehrendes Muster: Schwere Vorwürfe werden öffentlich erhoben, große mediale Solidarität folgt sofort – und erst später, wenn überhaupt, beginnt die kritische Überprüfung.
Genau hier liegt das Problem. Denn Journalismus lebt nicht von Affekten, sondern von Einordnung. Wenn Berichte vor allem auf den Aussagen der Betroffenen beruhen und nur unzureichend hinterfragt werden, entsteht schnell eine moralische Gewißheit, die sich später als brüchig erweisen kann. Es geht dabei ausdrücklich nicht darum, reale Gewalt oder Diskriminierung kleinzureden. Es geht um journalistische Sorgfalt – und um die Frage, ob sie in politisch sensiblen Fällen noch konsequent angewandt wird.
Der Fall Pascal Kaiser: Vom Opfer zum Beschuldigten
Besonders deutlich zeigt sich die Problematik im Fall des Amateur-Schiedsrichters Pascal Kaiser. Zunächst dominierte eine klare Erzählung: Kaiser, offen homosexuell, sei Opfer queerfeindlicher Gewalt geworden. Fotos mit sichtbaren Verletzungen kursierten. Fußballvereine, Bekannte und zahlreiche Medienhäuser solidarisierten sich. Begriffe wie „mutmaßlich“ traten in vielen frühen Berichten auffällig in den Hintergrund.
Die Hamburger Morgenpost etwa schrieb, drei Männer hätten ihn in seinem Garten angegriffen, wobei er schwere Verletzungen erlitten habe. Die Polizei bestätigte zunächst lediglich, daß entsprechende Anzeigen vorlagen und ein mögliches homophobes Motiv geprüft werde. Doch inzwischen hat sich die Lage grundlegend verändert.
Der Kölner Stadt-Anzeiger und der Tagesspiegel berichten, daß die Staatsanwaltschaft nun gegen Kaiser selbst ermittelt – wegen des Anfangsverdachts des Vortäuschens einer Straftat. Laut Behörden besteht der Verdacht, Kaiser habe Körperverletzungen zu seinem Nachteil vorgetäuscht und angebliche Droh-Mails möglicherweise selbst verfaßt und versendet.
Politische Reflexe und vorschnelle Empörung
IT-forensische Auswertungen sollen entsprechende Hinweise geliefert haben. Zusätzlich wurden Kaiser und sein Partner rechtsmedizinisch untersucht. Ein Gutachten soll klären, ob die Verletzungen selbst beigebracht worden sein könnten. Kaiser schweigt bislang zu den Vorwürfen, sein neuer Anwalt verweist auf die laufenden Ermittlungen und die Unschuldsvermutung.
Brisant ist zudem ein weiterer Punkt: Ein früheres Betrugsverfahren gegen Kaiser wurde zwar eingestellt, jedoch nach § 154 StPO – also nicht zwingend mangels Tatverdachts, sondern weil andere Vorwürfe mutmaßlich schwerer wiegen.
All das bedeutet nicht, daß die Vorwürfe gegen Kaiser bereits bewiesen wären. Aber es zeigt, wie schnell eine anfänglich eindeutige Opfererzählung ins Wanken geraten kann.
Der Fall Tutty Tran
Bemerkenswert ist auch die politische Reaktion. Die Queerbeauftragte der Bundesregierung äußerte sich frühzeitig sehr eindeutig und sprach von einer „offensichtlich queerfeindlichen Gewalttat“. Erst nach Bekanntwerden der neuen Ermittlungen wurde die Stellungnahme vorsichtiger umformuliert.

Dieses Muster ist nicht neu: Erst moralische Einordnung, dann – wenn nötig – spätere Korrektur. Genau diese Reihenfolge wirft Fragen auf. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Comedian Tutty Tran. Anfang November berichtete er auf Instagram, er sei auf offener Straße rassistisch beleidigt und körperlich angegriffen worden. Die Reaktionen folgten prompt: breite Solidarität in sozialen Medien, zahlreiche Berichte großer Medienhäuser. Die Bild titelte sogar, Tran habe einen „rassistischen Angriff überlebt“.
Viele Schlagzeilen, wenig Klarheit
Doch zentrale Fakten bleiben bis heute unklar. Wo genau soll der Angriff stattgefunden haben? Wurde Anzeige erstattet? Welche Behörden waren zuständig? Aus seinem Beitrag geht nicht einmal mehr hervor, was überhaupt genau passiert sein soll.
Beim Berliner Staatsschutz ist ein entsprechender Fall nicht bekannt. Auch meine konkrete Nachfrage wurden keine weiteren Details geliefert. Das Management von Tutty Tran erklärte lediglich, man wolle sich über das ursprüngliche Statement hinaus nicht äußern. Inzwischen wurde der entsprechende Instagram-Beitrag gelöscht. Nach meiner Anfrage an sein Management.
Das beweist nicht, daß der Vorfall nicht stattgefunden hat. Aber es zeigt ein strukturelles Problem: maximale Öffentlichkeit bei minimaler Nachprüfbarkeit.
Die Behörden kennen die aktuellen Fälle nicht
Noch deutlicher wird die Diskrepanz im Fall der Aktivistin Corinne Arielle Hansen. Ein biologischer Mann der in der Öffentlichkeit als Transfrau auftritt. Über soziale Medien behauptet eine weitere Aktivistin, Janka Kluge, eine ihr bekannte Transfrau sei von vier Neonazis zusammengeschlagen worden. Zusätzlich standen weitere schwere Vorwürfe im Raum, darunter frühere Angriffe und sogar eine behauptete Vergewaltigung.
Umso bemerkenswerter ist das Ergebnis meiner Nachfragen bei zuständigen Behörden: Weder Polizei noch Staatsanwaltschaft noch Staatsschutz konnten entsprechende aktuelle Vorfälle bestätigen. Es bleibt nur ein Fall aus dem Jahr 2019. Damals wurde ein beleidigendes und bedrohliches Pappschild vor Hansens Wohnung abgelegt. Das entsprechende Verfahren wurde später eingestellt, weil kein Täter ermittelt werden konnte.
Alle seither behaupteten schweren Angriffe ließen sich nicht verifizieren. Auch auf wiederholte Anfragen reagierten weder Hansen noch beteiligte Aktivisten. Noch einmal: Fehlende Bestätigung ist kein Beweis für Unwahrheit. Aber sie zeigt, wie groß die Lücke zwischen öffentlicher Empörung und überprüfbarer Faktenlage sein kann.
Das Beispiel Gil Ofarim wirkt nach
Im Hintergrund all dieser Berichte steht weiterhin der Fall Gil Ofarim, bei dem inzwischen gerichtlich feststeht, daß die erhobenen Antisemitismusvorwürfe nicht zutrafen. RTL arbeitet seit Monaten an der Rehabilitierung Ofarims. Inzwischen hat sich der Hotelmitarbeiter zu Wort gemeldet und er sagt, daß der Eindruck entsteht, daß Ofarim in diesem Fall das eigentliche Opfer sei. Der Mitarbeiter erhielt Morddrohungen und leidet seit den Vorwürfen unter einer psychischen Erkrankung.
Ofarims Mißbrauch seiner Social Media Macht hat das öffentliche Vertrauen sichtbar erschüttert. Und genau deshalb wiegen neue ungeklärte Vorwürfe heute noch schwerer. Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr, ob es Diskriminierung gibt – die gibt es zweifellos. Die entscheidende Frage ist eine andere: Was passiert mit der Glaubwürdigkeit echter Opfer, wenn spektakuläre Fälle sich später als fragwürdig oder falsch erweisen?
Jede vorschnell verbreitete, später korrigierte Geschichte erhöht die Skepsis im Publikum. Und diese Skepsis trifft am Ende oft diejenigen, die tatsächlich Opfer von Haß oder Gewalt geworden sind.
Die eigentliche Gefahr: Schaden für echte Opfer
Mehr Skepsis bedeutet nicht weniger Mitgefühl. Im Gegenteil. Gerade bei emotional aufgeladenen Themen braucht es besondere journalistische Disziplin: prüfen, einordnen, abwarten. Nicht, um Betroffene unter Generalverdacht zu stellen – sondern um die Glaubwürdigkeit öffentlicher Debatten zu schützen.
Die entscheidende Frage bleibt deshalb bestehen: Warum werden schwerwiegende Vorwürfe maximal öffentlich gemacht, während die spätere Aufklärung oft deutlich weniger Aufmerksamkeit erhält? Der Journalismus täte gut daran, zu seinen klassischen Tugenden zurückzukehren: Distanz, Prüfung, Einordnung.
Nicht aus Zynismus gegenüber möglichen Opfern. Sondern aus Respekt vor der Wahrheit. Denn nur wenn Berichterstattung auch Raum für Zweifel zuläßt, behalten am Ende diejenigen ihre Stimme, die sie wirklich brauchen.




