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Senator John McCain
Senator John McCain Foto: picture alliance / AP Photo | jelswick|File|Filed|11/9/2016 42545 AM, Ross D. Franklin

Erinnerung an John McCain
 

Der besonnene Konservative

Sichtlich bewegt und dennoch souverän stand Joe Biden am Rednerpult. Vor ihm der Sarg, eingehüllt in Stars and Stripes. Es ist der Sarg des wohl bedeutendsten konservativen Politikers der Vereinigten Staaten seiner Zeit. Es ist der Sarg von John McCain. Der langjährige Senator für Arizona starb Jahren am 25. August 2018 an Krebs. Vier Tage später hätte er seinen Geburtstag gefeiert, am kommenden Sonntag wäre er 85 geworden.

„My Name is Joe Biden“, sagte der jetzige US-Präsident und die Menge lachte. „I am a democrate. And I love John McCain“. Diese Rede war vielleicht die emotionalste Rede seiner Karriere. McCain und er waren Freunde, gute Freunde sogar. An diesem Tag sprach kein politischer Konkurrent, sondern ein Weggefährte, ein Bruder, wie Biden ihn nannte.

Ein halbes Jahrzehnt verlorene Freiheit

1936 wurde John McCain auf der Militärbasis Coco Solo im Panamakanal geboren. Sein Vater war dort Admiral und lebte bis 1946 dort mit Frau und einem weiteren Sohn sowie einer Tochter. So war es nur folgerichtig, daß McCain es seinem Vater gleich tat. 1967 geriet er als Pilot in norvdvietnamesische Gefangenschaft, in der er fünfeinhalb Jahre blieb. Mit dem Rang eines Captains verließ er die US Navy, bevor er sich der Politik widmete.

Es müssen beispiellos prägende Jahre gewesen sein, die den Charakter McCains feilten. 134 Kameraden verlor er, ehe er für mehr als ein halbes Jahrzehnt seine Freiheit verlor. Vielleicht waren die Ereignisse in Vietnam der Grund für seine Bockbeinigkeit als Senator. Aber auch als scharfer Kritiker von Machthabern in seiner eigenen Partei, der Republikanischen Partei, der Grand Old Party (GOP).

Der falsche Mann zur falschen Zeit

Als im Vorwahlkampf 2000 sich George W. Bush geschlagen geben mußte, gab er sich loyal. Und auch als ihm widererwartend im Kabinett des späteren Präsidenten keinen Posten angeboten wurde, blieb er ganz Soldat im Dienste seines Landes.

Sowieso schien es, daß der Politiker McCain, wenn es um die ganz großen Ämter ging, immer zur falschen Zeit am falschen Ort war. 2000 scheiterte er in einer Chance des Wechsels von einem Demokratischen Präsidenten (Bill Clinton) zu einem Republikanischen. Und als er 2008 schließlich den Vorwahlkampf gewinnen konnte und für die GOP ins Rennen ging, gab es wiederum eine Wechselstimmung vom republikanischen Bush zu den Demokraten (Barack Obama). Die sich dann auch in der Wahl niederschlug. Gegen das Charisma Obamas und den damaligen Zeitgeist war McCain  chancenlos.

Kritik an Trump jenseits seiner Werte

Doch aufgeben war nie sein Fall. Daß er sich im Spätherbst seines Lebens als größter innenpolitischer Gegner des damaligen Präsidenten, Donald Trump, etablierte, hätte er sich auch nicht erträumen lassen. Als im Oktober 2016 ein Video auftauchte, in dem sich Trump abfällig gegenüber Frauen geäußert hatte, wurde es dem besonnenen Senator aus Virgina zu viel: Sein Präsident vertritt offenkundig nicht mehr seinen Konservatismus, seine Sekundärtugenden, die unter anderem aus Anstand, Höflichkeit und Respekt bestehen. Es folgten massive Auseinandersetzungen, die den Höhepunkt in McCains Memoiren fanden, in denen er zugab, ein geheimes Dossier an die FBI weitergegeben zu haben mit Hinweisen, Trump habe in seinem Wahlkampf mit russischen Stellen zusammengearbeitet, was zu entsprechenden Ermittlungen führte.

Eigentlich und gerade für den konservativen McCain war dieses Verhalten ein No-Go, schließlich spielte in dessen Leben Loyalität immer eine übergeordnete Rolle. Im Moment seines drohenden Ablebens verließen ihn seine Tugenden, für die er Jahrzehnte stand. Innerhalb seiner Partei stieß er damit auf wenig Gegenliebe, was wenig überrascht. Zwar gab es vereinzelte Verurteilungen innerhalb des Trump-Teams, jedoch niemals des damaligen amerikanischen Präsidenten. Es wirkte ein wenig, als vergaß McCain einen Teil seiner Werte. Als dachte er: „Nach mir die Sintflut: Wenn ich schon nicht mehr bin, so darf Donald Trump auch kein Präsident sein“.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen großen, streitbaren Konservativen. Was Captain John McCain zu dem Afghanistan-Desaster sagen würde, kann man nur spekulieren. Wahrscheinlich hätte er die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. Ganz sicher hätte er das getan. Und vielleicht hätte er sich an eine eigene Aussage erinnert: „Nichts im Leben ist befreiender als für eine Sache zu kämpfen, die größer als man selbst ist.“

Senator John McCain Foto: picture alliance / AP Photo | jelswick|File|Filed|11/9/2016 42545 AM, Ross D. Franklin
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