Ein Siegesdenkmal, eine Debatte und ein fauler Kompromiß

Stellen Sie sich vor, in einer mittelgroßen deutschen Stadt stünde plötzlich ein Denkmal, das mit seinem Namen, seinen Inschriften und seiner unmißverständlichen Symbolik den Nationalsozialismus verherrlichen und dessen Opfer verhöhnen würde. Nicht einmal Stunden würden vergehen und ein medialer Aufschrei, vom bayerischen Provinzblatt bis zum Spiegel, würde alle Schlagzeilen über den Nahost- oder Ukraine-Konflikt verdrängen.

Parteiübergreifend würde sich die Politik sofort damit beschäftigen und Expertenkommissionen bilden. Von Ländern und Bund finanzierte Kundgebungen verwandelten am selben Abend die Stadt in einen trillerpfeifenden Glitzerbaum. Alle würden davon profitieren wollen und sich und ihresgleichen als oberste Hüter des korrekten Umgangs mit den alles in sich komprimierenden zwölf Jahren deutscher Geschichte in Szene setzen. Nachdem besagtes Denkmal erstmal verhüllt wäre, fänden die obligatorischen Debatten statt, was denn nun mit dem Schandmal geschehen solle.

In Südtirol findet genau so eine Debatte seit mehreren Jahrzehnten statt. Ein Ende ist kaum in Sicht. Mitunter bildeten die faschistischen Relikte in Südtirol auch das zentrale Wahlkampfthema im Landtag vertretener Parteien. Vor kurzem wurde nun endlich versucht, dem von den Faschisten getauften „Siegesdenkmal“ in Bozen den Zahn zu ziehen. Die Kellerräume direkt unter dem Denkmal wurden zu einem „Dokumentationszentrum“ umfunktioniert. Das „Monumento alla Vittoria“ sollte entschärft und in einen historischen Kontext eingebettet werden. So zumindest das hehre Ziel der Initiatoren.

Die ladinische Sprache einfach ausgeblendet

Entschärft wurde mit dem Dokumentationskeller allerdings weder das faschistische Denkmal, noch die Debatte darüber. Noch am selben Tag bekundeten die selbsternannten „Faschisten des dritten Jahrtausends“, Casa Pound, in einer Aussendung erwartungsgemäß ihre Freude darüber, daß „die renovierten Adler der Drususbrücke endlich wieder öffentlich zu sehen sind“. Auch Mariateresa Tomada (Fratelli d’Italia – Alleanza Nazionale) äußerte sich wohlwollend über das Konzept der Dokumentationsausstellung. Lediglich einen kleinen LED-Ring mit Laufschrift, der dem Monument eine „künstlerische Inszenierung mit symbolischer Aussage“ verleihen sollte, finden die Neofaschisten anstößig. Harsche Kritik übte dagegen der Südtiroler Schützenbund, der im Dokumentationszentrum eher ein „Kellermuseum für Kellerfaschisten“ sieht, da es „viel mehr eine Erklärung des Denkmals an sich, als eine Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit“ sei.

Kulturlandesrat und Obmann der regierenden Südtiroler Volkspartei (SVP) Philipp Achammer äußerte sich in typischer SVP-Manier weder positiv noch negativ. Zumindest sei das Dokumentationszentrum ein erster Schritt zur Geschichtsaufarbeitung, obgleich sich auch in seiner Partei mehr Menschen eine stärkere und direkt vor dem Denkmal befindliche Botschaft erwartet hätten.

Bezeichnend für die dilettantische Umsetzung der „Entschärfung“ des Denkmals, welches nach wie vor „Siegesdenkmal“ heißt, ist neben dem Nichtvorhandensein klarer Botschaften gegen den Faschismus sowie der LED-Tafel auch das Fehlen der ladinischen Sprache – fast schon im Sinne der faschistischen Doktrin, wonach Südtirol bedingungslos zu italianisieren sei. Keinem Beteiligten scheint dies aufgefallen zu sein, keinen davon gekümmert zu haben. Historische Aufarbeitung sieht anders aus. Die Debatte um das „Siegesdenkmal“ wird auch in zehn Jahren noch geführt werden.

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