Vor wenigen Tagen führte in Plauen eine Schar Trommler den Protestzug von 10.000 Demonstrierenden gegen die Merz-Regierung an (JF berichtete). Es war das erste Mal seit der Hinrichtung des Paukers von Niklashausen im 15. Jahrhundert, dass in Deutschland wieder die Spieler von Schlaginstrumenten zu Symbolfiguren politischen Widerstands wurden. „Die Trommler sind der Herzschlag des Widerstands“, konnte man letzten Samstag in Plauen auf einer Demo der Protestbewegung „M1llion“ vernehmen, die den Rücktritt von Friedrich Merz und anschließende Neuwahlen forderte.
Tatsächlich sah dies die Polizei auch so. Noch vor Abmarsch des Demonstrationszuges kesselte sie die Trommler erst wegen eines Verstoßes gegen ein kurz zuvor erlassenes Trommelverbot ein, bevor sie sie wegen wütender Proteste doch wieder ziehen lassen musste, und sie sogar mit wildem Getrommel die Spitze des Demonstrationszuges anführten. Doch so ganz kapitulierte die Polizei nicht. Kaum war die Demo beendet, wurden einzelne Trommler separiert und deren Personalien von den Ordnungshütern aufgenommen. Offenbar bricht sich hier ein tief im Unterbewusstsein der Exekutive verankerter Unterdrückungsmechanismus Bahn, wissend um die subversive Kraft von Schlaginstrumenten bei politischen Manifestationen.
🥁🪘💥💥💥DIE TROMMLER
werden von der Polizei aus der Demo rausgezogen#Plauen #Demo #Trommler
🤨Traurig und inakzeptabel! Denn es zeigt mal wieder: Sowohl in der deutschen Politik wie auch bei der deutschen Polizei wird mit zweierlei Maß gemessen!von Paul @DauerwelleDemoR pic.twitter.com/kX1hNjJuEa
— A S L A N (@loewenmutig) August 8, 2026
Schon einmal ging in Deutschland von einem Schlagwerker, dem Pauker von Niklashausen (auch „Pfeifer von Niklashausen“ genannt), eine gefährliche Protestbewegung aus. Sie wäre fast zu einer Revolution geworden, hätten die Machthabenden diese nicht auf grausame Art und Weise verhindert.
Trommler Böhm stellte den Machtanspruch des Papstes in Frage
Am 24. März 1476, inmitten der Fastenzeit, versammelte sich vor der Kapelle des kleinen Ortes Niklashausen im Taubertal unweit Würzburgs eine Menschenmenge um den 18jährigen Hans Böhm, der auf einem Fass stand und predigte. Der auf die Menge einredende Jüngling hatte bisher nie durch theologische Kenntnisse geglänzt, sondern als Viehhirte gearbeitet und bei Feiern mit Handpauke zum Tanz aufgespielt. Was aber war in ihn gefahren, in aller Öffentlichkeit plötzlich das Wort Gottes zu verkünden?
Die Antwort mutet aus heutiger Sicht seltsam an, war aber im Mittelalter selbstverständlich. Wie Böhm berichtete, sei ihm die Jungfrau Maria im Traum erschienen, und diese hätte ihn dazu ermahnt, seinem sündigen Treiben zu entsagen und stattdessen vom neuen Gottesreich zu predigen. Des Weiteren habe ihm die heilige Jungfrau Maria auch aufgetragen, den Verfall der Sitten und die gesellschaftlichen Missstände der Zeit anzuprangern. Die sozialrevolutionäre Botschaft kam bei Böhms Zuhörern in den folgenden Tagen gut an. Der Kreis seiner Anhänger wurde immer größer, und Niklashausen mauserte sich immer mehr zur Wallfahrtsstätte.
Als der Pauker im wahrsten Sinne des Wortes genug Anhänger „zusammengetrommelt“ hatte, verbrannte er als Symbol seiner inneren Wandlung sein angeblich „sündhaftes“ Schlaginstrument, und forderte seine Anhänger dazu auf, es ihm gleichzutun und all ihre Luxusartikel, Spiele und Bücher zu verbrennen. Die Maßnahme war nicht neu. Sie knüpfte an die Praktiken berühmter Bußprediger wie Johannes Capestranus an, der zwanzig Jahre zuvor die sündigen Gläubigen zur „Verbrennung der Eitelkeiten“ aufgerufen hatte.
Aber der Pauker beließ es nicht dabei. Er rief nicht nur zur Seelenreinigung, sondern auch zum rücksichtslosen Kampf gegen den Klerus auf. Ja, er verneinte sogar − und dies war lebensgefährlich − den Machtanspruch des Papstes, Gottes Stellvertreter auf Erden zu sein. Auch forderte der Pauker die Abschaffung der Obrigkeit, Verweigerung sämtlicher Steuerabgaben an kirchliche und weltliche Grundherren, die Umverteilung des Besitzes der herrschenden Schichten auf die Armen sowie die Abschaffung von Frondiensten.
Der Pauker von Niklashausen wurde rasch zum Massenidol
Die Zugkraft seiner Worte, sein persönliches Charisma und der Zauber seiner sozialrevolutionären Ideen machten den Pauker von Niklashausen im Frühsommer 1476 in rasender Schnelligkeit zum Massenidol. Aus West- und Süddeutschland wallfahrteten Jung und Alt sowie Arme wie Wohlhabende nach Niklashausen, das innerhalb weniger Wochen zum religiös verzückten Woodstock der Unmutsbewegung wurde.
Die begeisterte Volksmasse solidarisierte sich, begrüßte sich nur noch mit „Bruder“ oder „Schwester“. Der Pauker dagegen nahm immer messianischere Züge an und vollbrachte sogar an Kranken Wunder an Körper und Seele, was ihn vollends darin bestärkte, von Gott gesandt zu sein. Nun schien für Böhm die Zeit gekommen, der Ungerechtigkeit auf Erden ein Ende zu bereiten. Zusammen mit Tausenden seiner Anhänger – es sollen angeblich an die 40.000 gewesen sein – stimmte er folgenden Protestruf an: „Wir wollen es Gott im Himmel klagen! Kyrie Eleison! Dass wir die Pfaffen zu Tod nicht sollen schlagen! Kyrie Eleison!“
Ein derartig revolutionäres Treiben konnten weder der Klerus noch die herrschenden Fürsten länger dulden. Als die Zahl der Wallfahrer drastisch zunahm und Böhms Predigten immer aufrührerischer wurden, ließ der Fürstbischof von Würzburg am 12. Juli 1476 den Pauker mittels 34 Bewaffneter nächstens nach Würzburg entführen. Die Reaktion auf diesen unerhörten Vorfall ließ nicht lang auf sich warten. Unter Führung des Ritters Kuntz von Thunfeld zogen etwa 12.000 Menschen aus Niklashausen als singende und betende Wallfahrer vor die bischöfliche Residenz.
Trommler endete auf dem Scheiterhaufen
Vergeblich verlangten sie die Freigabe Böhms. Der Fürstbischof war ein geschickter Diplomat. Er versprach durch seinen Unterhändler, dass der Pauker einen ordentlichen Prozess bekommen werde, und besänftigte damit die Gemüter der aufgebrachten Menge.

Als die Anhänger des heiligen Jünglings abgezogen waren, ließ der Fürstbischof sie durch seine Reiter verfolgen und auseinandertreiben. Nur ein kleiner Haufen stellte sich beim Dorf Büttelbronn zum Kampf. Die widerständigen Bauern verloren zwölf Mann, den Rest der überlebenden Rebellen nahmen die Reiter des Bischofs gefangen. Nur sieben Tage später wurde Böhm „wegen Volksverhexung mit Hilfe des Teufels“ auf dem Schottenanger vor der bischöflichen Residenz als Ketzer verbrannt. Mit seinem Tod brach die Protestbewegung sofort in sich zusammen.





