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Prügeln für Trends: Die Swatch-Hysterie und der Konsumerismus der Postmoderne

Prügeln für Trends: Die Swatch-Hysterie und der Konsumerismus der Postmoderne

Prügeln für Trends: Die Swatch-Hysterie und der Konsumerismus der Postmoderne

Die „Royal Pop“ von Swatch löst einen Kundenansturm an: Die Hysterie kennt keine Grenzen. Fotos: picture alliance / newscom | JOHN ANGELILLO /// picture alliance / REUTERS | Lisi Niesner
Die „Royal Pop“ von Swatch löst einen Kundenansturm an: Die Hysterie kennt keine Grenzen. Fotos: picture alliance / newscom | JOHN ANGELILLO /// picture alliance / REUTERS | Lisi Niesner
Die „Royal Pop“ von Swatch löst einen Kundenansturm an: Die Gründe sind psychologisch zu erklären. Fotos: picture alliance / newscom | JOHN ANGELILLO /// picture alliance / REUTERS | Lisi Niesner
Prügeln für Trends
 

Die Swatch-Hysterie und der Konsumerismus der Postmoderne

Eine Plastikuhr stellt die Welt auf den Kopf. Der Hype um die neue „Royal Pop“ von Swatch und Audemars Piguet zeigt, wie künstliche Verknappung und Social Media globale Konsumwellen auslösen. Ein Blick auf die Mechanismen der Massenpsychologie.
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Am 16. Mai öffneten Swatch-Filialen weltweit ihre Türen für den Verkaufsstart der neuen Trend-Uhr „Royal Pop“. Dabei handelt es sich um eine gemeinsame Kollektion mit dem Schweizer Luxusuhrenhersteller Audemars Piguet. Was darauf folgte, grenzte an Wahnsinn.

Die „Royal Pop“ ist eine Taschenuhr im Design der legendären Royal Oak von Audemars Piguet. Anders als das Vorbild des Luxusherstellers ist die „Royal Pop“ aus Kunststoff gefertigt und in auffälligen, quietschbunten Varianten erhältlich. Der Listenpreis liegt bei 385 Euro. Verkauft wurde die Uhr jedoch nicht online, sondern ausschließlich in ausgewählten Filialen. In Deutschland war das Modell unter anderem in Swatch-Boutiquen in Berlin, München, Münster, Hamburg, Dresden, Düsseldorf, Köln, Frankfurt am Main und Stuttgart zu kaufen.

Die neue „Royal Pop“ von Swatch in Kooperation mit Audemars Piguet. Foto: REUTERS/Lisi Niesner

Wie die Swatch „Royal Pop“ die Welt in Aufruhr versetzt

Diese Entscheidung war kein Zufall, sondern kalkulierte Verknappung. Denn was nicht bequem im Internet bestellt werden kann, wirkt automatisch exklusiver. Begrenzte Verfügbarkeit erzeugt eine hohe Nachfrage, geradezu einen Hype. Dieser wiederum treibt die Wiederverkaufspreise in die Höhe. Bereits wenige Stunden nach den Ladenöffnungen wurden erste Modelle auf Plattformen wie eBay und StockX für mehrere Tausend Euro angeboten.

Resell-Enthusiasten und Sammler hatten bereits im Vorfeld damit gerechnet, dass man mit dem Wiederverkauf der „Royal Pop“ enorme Gewinne erzielen könnte. Entsprechend versammelten sich weltweit schon Tage vor der eigentlichen Veröffentlichung tausende Menschen vor den Filialen – auch in Deutschland. Über Telegram-Gruppen organisierten sich Warteschlangen, Platznummern wurden in Eigenregie verteilt. Das stundenlange Anstehen entwickelte sich zu einem Wettkampf.

Kunden warten in Hamburg. Foto: picture alliance / ABBfoto | –

Ein besonders extremes Beispiel, das von mehreren internationalen Medien aufgegriffen wurde, dreht sich um den US-Amerikaner John McIntosh: Bereits ab dem 13. Mai campierte der 44jährige am Times Square in New York City vor einer Swatch-Filiale. Ganze drei Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart.

Schlägereien in Mailand, Tränengas in Paris, Polizeieinsätze in Düsseldorf

Als die Filialen am Samstag öffneten, kippte vielerorts die Stimmung schlagartig. In Mailand eskalierte die Situation unmittelbar bei Ladenöffnung zu einer Schlägerei. Die Polizei musste eingreifen, die Filiale wurde vorübergehend geschlossen. In Paris setzte die Polizei vor einer Swatch-Boutique sogar Tränengas gegen die Menge ein, die sich nicht mehr unter Kontrolle bringen ließ. Augenzeugen berichteten von massivem Gedränge, das in Handgreiflichkeiten überging, nachdem klar geworden war, dass nicht alle Wartenden bedient werden konnten.

Auch in Düsseldorf und Köln musste die Polizei eingreifen, bevor die dortigen Filialen aus Sicherheitsgründen geschlossen wurden. Warteschlangen von teils mehr als 300 Metern Länge hatten sich gebildet. In Großbritannien hielt Swatch mehrere Filialen vorsorglich komplett geschlossen.

Künstliche Knappheit als Geschäftsmodell

All dies war kein Zufall. Vielmehr war es das Ergebnis eines kalkulierten Marketingsystems. Das Prinzip dahinter lautet künstliche Verknappung. Und diese reichte dann aus, um das Verhalten der Käufer massiv zu beeinflussen – obwohl die „Royal Pop“ keine limitierte Uhr ist, wie Swatch selbst mehrfach betont hatte.

Psychologisch ist die Masche, der sowohl Wiederverkäufer als auch Sammler und Konsumenten aufsaßen, simpel zu erklären: Das menschliche Gehirn reagiert auf drohende Nichtverfügbarkeit mit einer erhöhten Ausschüttung von Dopamin. Gleichzeitig steigt die Begehrlichkeit. Was knapp erscheint oder knapp zu werden droht, wird automatisch als wertvoller wahrgenommen.

FOMO, Herdenverhalten und der Wert der Zugehörigkeit

Dieser Mechanismus ist auch als „Fear Of Missing Out“, kurz FOMO, bekannt. Das Gefühl, etwas zu verpassen, das andere bereits haben, aktiviert im Gehirn ähnliche Stressmechanismen wie reale Bedrohungssituationen. Wer nicht dabei ist, wenn scheinbar alle anderen dabei sind, empfindet schnell sozialen Ausschluss. In einer Gesellschaft, in der Zugehörigkeit zunehmend über Konsum definiert wird, scheint dieser Ausschluss für viele unerträglich zu sein.

Auch das psychologische Phänomen des Herdenverhaltens definiert treffend, was sich am vergangenen Samstag weltweit vor den Swatch-Boutiquen abspielte. Der US-Ökonom Thorstein Veblen beschrieb bereits 1899 in seiner Theorie der feinen Leute“ den demonstrativen Konsum als soziales Signal: „Ich kann es mir leisten, also gehöre ich dazu.“ Er erklärte damit, dass Menschen Güter häufig nicht primär wegen ihres praktischen Nutzens erwerben, sondern schlicht, um Status zu demonstrieren und Zugehörigkeit „zur Herde“ sichtbar zu machen.

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Durch Social Media und die Digitalisierung wurde diese Funktion in den vergangenen Jahren noch einmal massiv verstärkt. Wer auf TikTok oder Instagram seine „Royal Pop“ präsentiert, signalisiert damit: „Ich war dabei, ich war schnell genug und ich gehöre zu den Gewinnern des Hypes.“

Kritiker wie der deutsche Soziologe Hartmut Rosa sehen in solchen Phänomenen jedoch vor allem ein Symptom einer Gesellschaft, die zunehmend den Bezug zu dem verliert, was tatsächlich wichtig ist. Der Konsumrausch lenke von echten sozialen, politischen und existenziellen Fragen ab. Er sei die perfekte Ablenkung – kurzfristig befriedigend, langfristig aber leer. Menschen seien ständig auf der Suche nach dem nächsten Objekt der Begierde.

Der Labubu-Trend ist das prominenteste Beispiel gesellschaftlicher Hypes

Der Swatch-Audemars-Hype ist kein Einzelfall. Er steht in einer langen Reihe von Massenphänomenen, die in den vergangenen Jahren fast schon eine Regelmäßigkeit entwickelt haben.

Labubus sind das wohl prägnanteste Beispiel. Die kitschigen Plüschfiguren des Hongkonger Künstlers Kasing Lung, vertrieben durch den chinesischen Konzern Pop Mart, lösten 2024 und 2025 einen globalen Sammelsturm aus.

Labubus in einer Hong Konger Mall. Foto: picture alliance / Sipa USA | Nexpher Images

Das Prinzip, das den Hype entfachte: Beim Kauf einer sogenannten Blind Box weiß der Käufer vorher nicht, welche Figur er erhält. Das imitiert den Glücksspiel-Mechanismus und löst denselben Dopamin-Cocktail aus. Seltene Labubu-Varianten wurden im Wiederverkauf für bis zu 10.000 Euro gehandelt. TikTok-Videos mit dem Hashtag „Labubu“ erzielten in Folge Millionen-Aufrufe.

Die Dubai-Schokolade und die finale Banalisierung der Produkte

Ähnliches ließ sich bei der Dubai-Schokolade beobachten. Die Pistazie-Kadayif-Schokolade, ursprünglich ein Nischenprodukt aus den Emiraten, wurde Ende 2023 durch ein einziges TikTok-Video zur globalen Obsession. In deutschen Supermärkten bildeten sich Schlangen, in sozialen Netzwerken kursierten Anleitungen für Eigenproduktion. Der Preis: bis zu 20 Euro für eine Tafel in der Hochphase des Trends. Mittlerweile verkauft Lidl seine Dubai-Schokoladen-Eigenmarke für etwa drei Euro.

Die Abfolge ist immer gleich: Ein Produkt wird durch Social-Media-Sichtbarkeit und Knappheitsnarrative zur Statussache. Eine erste Welle von Konsumenten kauft. Influencer verstärken die Sichtbarkeit. Eine breite Masse folgt aus „FOMO“-Gründen. Hersteller und Reseller profitieren. Dann wir das Produkt banalisiert. Der Hype stirbt und der Zyklus beginnt von vorn – mit einem neuen Konsumritual.

Die „Royal Pop“ von Swatch löst einen Kundenansturm an: Die Gründe sind psychologisch zu erklären. Fotos: picture alliance / newscom | JOHN ANGELILLO /// picture alliance / REUTERS | Lisi Niesner
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