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Buchrezension: Wie man einen Waldgang unternimmt

Buchrezension: Wie man einen Waldgang unternimmt

Buchrezension: Wie man einen Waldgang unternimmt

Ein Mann geht durch einen Wald, buchstäblich ein Waldgang also. Und darum geht es ja im neuen Buch von Ulrich Fröschle
Ein Mann geht durch einen Wald, buchstäblich ein Waldgang also. Und darum geht es ja im neuen Buch von Ulrich Fröschle
Herannahender Sturm, Gemälde von Edward Mitchell Bannister, 1886. Foto: picture alliance / Heritage Art/Heritage Images | Edward Mitchell Bannister
Buchrezension
 

Wie man einen Waldgang unternimmt

In seinem Essay über Ernst Jüngers „Waldgang“ beleuchtet Ulrich Fröschle, wie Dissidenz im 21. Jahrhundert überleben könnte. Es geht ums Lesen – und um Jüngers Figur des Anarchen.
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Kann es in einer modernen Gesellschaft Dissidenz geben – und wenn ja, wie könnte diese aussehen? Ernst Jünger war als Autor dem Mainstream stets verdächtig, auch wenn höchste Anerkennung nicht ausblieb, so etwa durch den Goethe-Preis 1982. Doch in der Intellektuellenszene galt Jünger eher als Ketzer, mit dem man sich die geistige Auseinandersetzung lieber ersparte.

Davon geht der Literaturwissenschaftler Ulrich Fröschle aus, wenn er in seinem konzentrierten Essay über Jüngers Waldgang die Nischen ausleuchtet, in denen Dissidenz im 20. Jahrhundert überleben konnte. Jüngers Text könnte indes auch fürs 21. Jahrhundert wichtig werden. In der späten DDR bekam der zunächst nur für die Schublade schreibende Reinhard Jirgl einst den Waldgang-Essay Jüngers von keinem Geringeren als Heiner Müller in die Hand gedrückt. Jirgl las diesen Text als erhellendes Brevier zum geistigen Überleben in der DDR, obwohl Jünger daran gar nicht exklusiv gedacht hatte.

Im Gegenteil: Jüngers Analyse machte rasch klar, daß er gegenüber verschiedenen Gesellschaftsformen durchaus ähnliche Distanz und Skepsis zeigte. Denn, so Fröschle, Jünger spürte, „daß auch demokratisch und rechtsstaatlich verfaßte Staaten und Gesellschaften (…) in ihrer Verfassungswirklichkeit Tendenzen und Potenzen aufweisen können, die man scheinbar klar abzugrenzenden ‘totalitären’ Systemen vorbehalten glaubt.“ Das aber begründet die außerordentliche Aktualität von Jüngers kunstvollem Text von 1951: Schließlich hat sich insbesondere seit der Corona-Zeit gezeigt, wie sehr die offiziellen Bekenntnisse zu Freiheit und Menschenwürde zu substanzlosen Phrasen geworden sind.

Jünger ging es um die Figur des Anarchen

Um über den Tag hinaus Geltung zu erlangen, mußte der Text eine gewisse Vagheit besitzen; und auch der „Waldgang“ selbst müsse als Allegorie verstanden werden. Aber wofür sollte er stehen in einer verwirrenden Zeit? Denn Jünger selbst bemühte sich, aus der deutschen Nachkriegssituation heraus zu schreiben, dabei aber nicht zu konkret zu werden.

Ulrich Fröschle: Jüngers Waldgang. 100 Seiten, Edition Buchhaus Loschwitz, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
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Ideologiekritik im besten Sinne – das sei Jüngers Waldgang-Essay dort, wo er die Lage des modernen Menschen mit seiner vermeintlichen Freiheit in den Blick nimmt. Das heißt: Jüngers Text sollte nicht nur, wie es immer wieder geschehen ist, als ideologisch kontaminiert oder bloß autobiographisch gelesen werden. Denn worauf Jünger letztlich zielte, und zwar seit seinem Buch „Das abenteuerliche Herz“ (1929), war tatsächlich die Möglichkeit einer Kritik an jeder Zeit, eines Widerstands gegen jede Regierungsform – einschließlich der demokratischen.

Nicht nur benutzte Jünger schon früh Stichworte wie „Wald“ und „Dickicht“, sondern er drückte auch seine Sympathie für den Anarchisten aus, weil der sich, anders als der Kommunist, aus der Ordnung herausstelle. Der Kommunismus dagegen erschien Jünger gerade nicht als Aufstand gegen die Ordnung, sondern als ihr „letzter und langweiligster Triumph“. Später schuf Jünger für sich die Figur des „Anarchen“, der sich vor dem Hintergrund negativer Utopien wie bei Aldous Huxley und George Orwell gegen das Ansinnen wehrte, sich ständig positionieren zu sollen, Stellung nehmen zu müssen.

Dissidenz muß traditionalistisch gedacht werden

Jüngers Zeitkritik, so Fröschle, geht von einem stark gewandelten Staatsbild aus: Geltung habe nicht mehr ein Staat wie der preußische, der sich einer bestimmten Ethik verpflichtet fühlte. Vielmehr sei der Staat zu einer gefährlichen Apparatur und zu einer Beute der Parteien geworden. Was aber dagegen zu tun sei, ist nicht leicht zu sagen. Auch bei Jünger bleibt manches analytisch vage, und es stellt sich vor allem die Frage, ob es angesichts eines solchen gefährlich gewordenen Staates hinreichen kann, eine Art Partisanentaktik der politischen Kommunikation anzuwenden, also Zeichen des Nicht-Einverstanden-Seins auszusenden.

Denn wie sollte das aussehen? Das Problem der modernen Konsumgesellschaft besteht ja in der Ausdehnung der „Normalitätszonen“, so daß alles, was früher von der Normalität wie in Sexualität oder Kunst abwich, jetzt in sie integriert wird. So gibt es hier so gut wie keinerlei Grenzen der Sittlichkeit oder des Geschmacks mehr. Aber eben daraus leitet Fröschle nun einen ebenso überraschenden wie einfachen Gedanken ab. Diese „Ästhetik der Abweichung“ müsse traditionalistisch gedacht werden.

Es gebe einen „Mittelweg“ aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, zumindest in kleinen Schritten. Alteuropäische Maßstäbe in allen Dingen, wo es auf die Qualität eines Tuns ankommt, sind daher unentbehrlich. Fröschle geht so weit, im „Beharren auf einem formalen und geistigen Niveau in allen Arten und Medien der öffentlichen Äußerung (…) die einzig derzeit denkbare und wirksame Möglichkeit ästhetischer Dissidenz“ zu sehen. Es ist Fröschle selbst klar, daß die herrschenden Tabus das nicht leicht machen. Allerdings sei es bereits der erste Schritt in den imaginären Wald Jüngers, wenn es durch solcherlei ästhetische Dissidenz gelinge, jene Wahrnehmungskonditionierung aufzubrechen, die am verheerendsten wirke: Nicht zu merken, daß man nichts merkt (nach Enzensberger).

Man möge also lesen

An wen richtet sich die Forderung nach einem formalen und geistigen Niveau? Offensichtlich nicht an die Masse und Parteien. Denn die Arbeit an einem solchen Niveau kann nur mit dem Einzelnen beginnen, der das Anspruchsvolle und Schwierige eines literarischen Textes zu seinem Eigentum macht. Und zwar durch Schulung der eigenen Fähigkeit zu konzentrierter Lektüre, also Einübung in die Tugend des Durchhaltens, auch wenn man mit kompliziert scheinenden Schachtelsätzen konfrontiert werde.

Man möge also lesen, Thukydides und Jirgl oder Claus von Stauffenberg, Stefan George und Friedrich Hölderlin. Oder eben Jünger. Denn die Dichter können mittels der Sprache Räume des Imaginären jenseits fixierter Redeordnungen schaffen – damit aber auch den Widerschein einer Welt jenseits des stählernen Gehäuses der Moderne.

Aus der JF-Ausgabe 6/25.

Herannahender Sturm, Gemälde von Edward Mitchell Bannister, 1886. Foto: picture alliance / Heritage Art/Heritage Images | Edward Mitchell Bannister
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