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Auszeit im Kloster: Jenseits der Datenflut

Auszeit im Kloster: Jenseits der Datenflut

Auszeit im Kloster: Jenseits der Datenflut

Bildmontage mit einer Familie am Eßtisch, die in Handys schaut
Bildmontage mit einer Familie am Eßtisch, die in Handys schaut
Sinnbild der digitalen Verwahrlosung: Eine Familie am Esstisch – alle in ihre Mobiltelefone vertieft
Auszeit im Kloster
 

Jenseits der Datenflut

Elektronische Dauererreichbarkeit zerstört Konzentration und Gespräche. Der Allgegenwart digitaler „Endgeräte“ und ihrer Herrschaft über unser Leben muß bewußt der Kampf angesagt werden. Ein Kommentar von JF-Chefredakteur Dieter Stein.
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Ich war erneut im Kloster. „Willst du da nicht mal wieder hin?“, hatte mich meine Frau vor Weihnachten gefragt. Mit dieser Frage deutete meine liebe Gefährtin an, ich sei offensichtlich wieder reif für die Insel. Tatsächlich wurde es in den vergangenen Jahren zu einer Gewohnheit für mich, Anfang Januar wenigstens für ein Wochenende zu verschwinden – in ein Benediktinnerinnen-Kloster südlich Berlins. Ohne Handy. Nur für Notfälle über die Klosterpforte erreichbar. Um den Kopf freizubekommen und Gedanken für Ziele des anbrechenden Jahres zu sammeln.

Mit der Abgabe des Mobiltelefons wird eine Leitung gekappt. Zumal als Journalist redet man sich ein, wie wichtig es sei, ununterbrochen die Welt, das Neueste im Zugriff zu haben. Kommunikation mit Kollegen, Freunden läuft über WhatsApp bis spätabends. Jemand antwortet nicht binnen Minuten? Was ist da schon wieder los? Der Nachrichtenaustausch über Soziale Netzwerke, X, Facebook, Instagram, TikTok ist oft kurzatmig, emotional, polemisch, häufig sinnlos Zeit fressend. Die Aufmerksamkeitsspanne der Nutzer schrumpft, die nächste Ablenkung ruft bereits.

Handys auf dem Tisch wie brennende Zigaretten

An wie vielen deutschen Eßtischen sieht es so aus: Die Bereitschaft, Handys draußen oder wenigstens in der Hosentasche zu lassen, ist selten. Viele lassen auch in Restaurants die Geräte aufmerksamkeitsheischend mit dem Bildschirm nach oben in Sichtweite auf dem Tisch liegen – wie brennende Zigaretten. Trifft eine Nachricht ein, erhellt sich das Display und schon sind die Besitzer abgelenkt. Wichtig, wichtig! Es dauert nicht lange, die Gespräche verstummen und die Gesichter sind vom blauen Licht erleuchtet. Wo waren wir nochmal stehengeblieben?

Ich kann nur selbstkritisch sagen, wie schwer mir regelmäßig das buchstäbliche Abschalten und die Konzentration auf Wesentliches fällt. Dem entgegenzuwirken geht nur mit Selbstdisziplin und besser noch dem positiven Erlebnis, wie erholsam Mangel an Ablenkung ist.

Faszinierend im Kloster sind Ruhe und Sammlung, der gleichförmige Alltag der Schwestern, den sechs Gottesdienste täglich 365mal im Jahr gliedern. Die erste Messe um 6 Uhr, die letzte um 19.45 Uhr. Dazwischen wird gearbeitet, gebetet, zugehört, gegessen … mit einer beeindruckend heiteren Gelassenheit. So konnte ich mehrere Bücher, darunter endlich Carl Schmitts gerade rege neu diskutierte „Völkerrechtliche Großraumordnung“ am Stück durchlesen. Ohne Ablenkung.

Wieviel Kloster läßt sich in den Alltag retten? Das ist nicht so einfach. Einer Pest muß jedenfalls der Kampf angesagt werden: der Allgegenwart digitaler „Endgeräte“ und ihrer Herrschaft über unser Leben. Insbesondere für Kinder und Jugendliche.

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Aus der JF-Ausgabe 06/26.

Sinnbild der digitalen Verwahrlosung: Eine Familie am Esstisch – alle in ihre Mobiltelefone vertieft
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