Teheran pulsiert nicht mehr wie eine Metropole, sie leidet. Und nicht nur Teheran: Seit dem 28. Dezember wälzen sich Proteste durch 348 Ortschaften in allen 31 Provinzen (JF berichtete), nicht als diffuse Unzufriedenheit, sondern als koordinierte Widerstände gegen ein System, das sich seiner eigenen Unhaltbarkeit bewußt geworden ist.
Der Rial, die Währung des Irans, verfällt täglich, ein Niedergang von 20.000 Prozent seit 1979, eine Entwertung, die existentiell wirkt: Wer gestern ein Ei für zwei Millionen Rial kaufte, kauft es heute für dreieinhalb Millionen. Die Inflation frißt Ersparnisse auf, die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen liegt bei 30 Prozent, und die Regierung antwortet mit Tränengas und Plastikkugeln. 38 Menschen sind erschossen worden, darunter vier Kinder, über 2.200 verhaftet, Krankenhäuser von Sicherheitskräften gestürmt, um Verletzte direkt aus den Betten zu zerren.
Gleichzeitig plant Staatschef Chamenei, so berichten gut unterrichtete Quellen, seine Flucht nach Moskau mit 20 Vertrauten und einem Vermögen von 95 Milliarden Dollar. Es ist das klassische Szenario aller gescheiterten Autokratien: erst das Land aussaugen, dann verschwinden, wenn die Rechnung kommt.
Chamenei fürchtet die Venezuela-Maßnahme
Venezuela ist das Drehbuch. Am 3. Januar 2026 holten amerikanische Spezialeinheiten Nicolás Maduro aus seinem Präsidentenpalast in Caracas (JF berichtete) und flogen ihn in Handschellen nach Manhattan. Die Operation war kein improvisierter Einsatz, sondern eine choreographierte Machtdemonstration: 150 Kampfflugzeuge, 20 aktivierte Militärbasen, die venezolanische Luftverteidigung ausgeschaltet, bevor sie wußte, was geschah.
Was in Berlin als Völkerrechtsbruch gegeißelt wird, sendet im Nahen Osten eine Botschaft aus, deren Codierung niemand mißverstehen kann. Chamenei weiß jetzt, daß die Hand, die Maduro greifen konnte, auch nach ihm greifen kann.
Die arabische Welt kochte, die Studenten rebellierten
Um zu verstehen, warum Deutschland heute eine geopolitische Verantwortung trägt, die es nicht eingestehen will, muß man sich von der Gegenwart abwenden und ins Frühjahr 1979 gehen, zu jenem Moment, als die Oberflächenspannung der westlichen Diplomatie zerbrach. Auf der Konferenz von Guadeloupe, 4. bis 7. Januar 1979, saßen sich vier Männer gegenüber, die die Welt bestimmten: Jimmy Carter, James Callaghan, Helmut Schmidt, Valéry Giscard d’Estaing. Ihr Beschluß war einstimmig: Mohammad Reza Pahlavi ist nicht zu halten.
Die arabische Welt kochte, die Studenten rebellierten, die Mullahs warteten im Exil. Giscard d’Estaing wurde beauftragt, Kontakt zu Ajatollah Chomeini herzustellen, der in Paris residierte wie ein Großmeister vor einem Schachspiel, das er längst gewonnen hatte. Zwei Wochen später, vom 15. bis 27. Januar 1979, führten amerikanische Diplomaten geheime Verhandlungen mit Chomeinis Vertrauten.
Chomeini war ein totalitärer Herrscher
Die Botschaft war kristallklar: Die USA sind offen für eine „Verfassungsänderung“, was nichts anderes bedeutete als die Abschaffung der Monarchie. Im Gegenzug versprach Chomeini das, was jeder Revolutionär verspricht, bevor die Macht greifbar ist: keine Exportierung der Revolution, Neutralität gegenüber dem Westen, das Öl werde fließen wie eh und je.
Carter glaubte es. Der amerikanische Präsident, gefangen in der Illusion eines islamischen Gandhis, der nur ein bißchen autoritär sein mußte, um die Ordnung zu halten, übersah das Wesentliche: Chomeini war kein Reformer mit religiösem Mäntelchen, sondern ein Totalitärer mit religiöser Grammatik.
Die Sowjetunion hätte es nicht besser erfinden können
Die BBC spielte eine Rolle, die später nur noch als aktive Mitschuld beschrieben werden kann. Jede Ausstrahlung von Chomeinis Reden aus Paris führte zu sofortigen Protestwellen in Teheran. Der britische Botschafter Anthony Parsons berichtete, daß die BBC damit faktisch die Revolution übertrug und nicht bloß berichtete.
Und Deutschland? Helmut Schmidt nickte. Der Pragmatiker erkannte, daß das Unvermeidliche nicht abzuhalten ist, und beschloß, es wenigstens geordnet geschehen zu lassen. Niemand fragte, was nach Chomeini käme. Niemand wollte es wissen.
Die Geschichte hat eine boshafte Symmetrie
Die Rechnung wurde sofort präsentiert. Die Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft, 444 Tage Demütigung. Der Iran-Irak-Krieg, eine Million Tote, das Regime gestärkt durch externe Bedrohung. Der Export des Terrorismus auf alle Kontinente, von Buenos Aires bis Bulgarien, von Berlin bis Bangkok. Die Errichtung einer Herrschaftsform, die Hannah Arendts Definition des Totalitarismus in ihrer reinsten Form erfüllte: ein System, das sich nicht auf positive Gesetze beruft, sondern auf ein „höheres Gesetz“, sei es Natur, Geschichte oder in diesem Fall Gottes Wille, um jede Opposition nicht nur zu unterdrücken, sondern zu delegitimieren. Im Iran wurde Kritik zur Häresie erklärt, und Häresie stand unter der Todesstrafe.
Die Geschichte hat eine boshafte Symmetrie. Am 2. Juni 1967 lag Benno Ohnesorg blutend auf Berlins Straßen, erschossen von einem Polizisten, der sich später als Stasi-Spitzel entpuppte (JF berichtete), nachdem er auf Demonstranten geschossen hatte, die gegen den Besuch des Schahs protestierten.
„Lang lebe der Schah“
Deutschlands Linke radikalisierte sich an jenem Tag, iranische und deutsche Studenten demonstrierten zusammen gegen die „faschistische Diktatur“ Pahlavis. Das war die Saat, die 1979 aufgehen sollte.
Und sie ging auf, in einer Weise, die die Säer nicht vorhersahen. Der Schah war weg. Frauen, die unter Pahlavi studiert hatten, trugen nun Tschador oder wurden ermordet. Künstler, die Bücher geschrieben hatten, wurden hingerichtet. Arbeiter, die gestreikt hatten, wurden an Baukränen aufgehängt. Das war 1979. Heute, im Januar 2026, skandieren die gleichen Straßen wieder Rufe, die seit 47 Jahren unmöglich gelten: „Lang lebe der Schah“. Die iranische Bevölkerung ist älter geworden, desillusionierter, gleichzeitig radikaler in ihrer Opposition.
Linke sind nützliche Idioten
Luisa Neubauer marschiert durch Berlin mit Aktivisten, die Israel als Apartheidstaat bezeichnen, während sie gleichzeitig die Hamas als „Widerstandsbewegung“ romanisieren. Greta Thunberg nennt Israels Handeln „Genozid“ und solidarisiert sich mit einer Bewegung, deren Chartas die Vernichtung eines ganzen Staates vorsehen (JF berichtete). Es ist nicht das gleiche Muster, aber ein vergleichbares: die Unfähigkeit, zwischen dem Feind des Feindes und einem Freund zu unterscheiden, die moralische Verzerrung durch ideologische Unklarheit, die Bereitschaft, Ungeheuer zu umarmen, solange sie die richtigen Parolen brüllen.
Carl Schmitt schrieb, daß Politik sich durch die Unterscheidung von Freund und Feind konstituiert. Wer diese Unterscheidung leugnet, wird zum Spielball derer, die sie sehr wohl treffen. Chomeini wußte 1979 genau, wer sein Feind war: der Westen, Israel, die Monarchie, die säkularen Kräfte. Die Hamas weiß heute genau, wer ihr Feind ist: Israel, der Westen, alle, die ihre totalitäre Vision nicht teilen.
Die deutschen Aktivisten, die „From the River to the Sea“ skandieren, glauben, sie kämpften für Gerechtigkeit. Sie sind nützliche Idioten einer Bewegung, die sie als erste liquidieren würde, wenn sie an der Macht wäre. Das ist keine Karikatur, sondern Geschichte, zweimal erlebt, zweimal nicht gelernt.
Das iranische Nuklearprogramm konkret bedrohlich
Hier muß eine Unterscheidung erfolgen, so fundamental, daß sie die gesamte Debatte neu ordnet. Die Forderung nach dem Ende der Islamischen Republik hat nichts mit der wertebasierten Außenpolitik der Grünen zu tun, jener Außenpolitik, die sich moralisch wähnt und deshalb strategisch blind ist.
Annalena Baerbock verkündete 2022 ihre „Feministische Außenpolitik“ mit der Selbstsicherheit derer, die ihre eigene Naivität nie durchschaut haben. Während iranische Frauen für das Recht kämpften, ihr Haar zu zeigen, und dafür von IRGC-Scharfschützen niedergeschossen wurden, hielt Deutschland an diplomatischen Verhandlungen mit jenem Regime fest, das diese Frauen tötet.
Konservative fordern den Sturz des iranischen Regimes aus Gründen, die nichts mit Menschenrechtsrhetorik zu tun haben, alles aber mit Sicherheit. Das iranische Nuklearprogramm ist nicht abstrakt bedrohlich, sondern konkret destabilisierend. Im Juni 2025 zerstörte Israel in einem zwölftägigen Krieg die zentralen iranischen Atomanlagen.
Der Iran exportiert Terror
Was danach folgt, ist ungewiß. Die Urananreicherung ist gestoppt (JF berichtete), aber niemand weiß, was unterirdisch geschieht. Ein nuklear bewaffneter Iran könnte eine Kettenreaktion auslösen: Saudi-Arabien entwickelt Atomwaffen, die Türkei, Ägypten, plötzlich ist der Nahe Osten nicht mehr eine Region mit einem nuklearen Akteur, sondern mit fünf.
Das iranische Proxy-Netzwerk ist das zweite Argument. Hisbollah im Libanon, Huthis im Jemen, schiitische Milizen im Irak, all diese Akteure funktionier(t)en nicht als Nationalstaaten, sondern als Arme eines zentralisierten Willens aus Teheran. Der Fall Assads in Syrien hat dem Iran seine wichtigste Landbrücke genommen, aber das Netzwerk ist nicht zerstört, nur reorganisiert. Ein stabiler Naher Osten ist ohne Änderung dieser Struktur unmöglich. Ein stabiler Naher Osten ist nicht idealistisches Wunschdenken, sondern strategische Notwendigkeit, weil Instabilität dort Flüchtlinge, Terror und Ölpreisschocks hier bedeutet.
Der iranische Terrorexport ist das dritte Argument. Das Mykonos-Attentat 1992 in Berlin, vier kurdische Oppositionelle in einem Restaurant erschossen, führte 1997 zu einem deutschen Gerichtsurteil, das die höchste iranische Führungsebene schuldig befand. Rafsandschāni, Chamenei, alle beteiligt.
Protest wird aus dem Exil organisiert
Das vierte und vielleicht wichtigste Argument ist geopolitisch. Die Islamische Republik ist nicht primär theokratisch, sondern ein Sicherheitsstaat mit ideologischer Grammatik. Anti-Imperialismus ist nicht religiöse Überzeugung, sondern Staatsräson, die Legitimationsformel des Regimes. Ein Alignment mit Russland und China, Lieferant von Drohnen für den Krieg gegen die Ukraine, Empfänger von chinesischer Hilfe beim Wiederaufbau des Raketenprogramms. Wer die Islamische Republik stützt, stützt ein Regime, das die westliche Ordnung erodieren will, täglich, systematisch, mit voller Absicht.
Reza Pahlavi sitzt in seinem Exil in der amerikanischen Ostküste und gibt Videos ab, die millionenfach geteilt werden. Am 6. Januar 2026 rief er zum landesweiten Protest auf, koordiniert auf die Minute, um 20:00 Uhr Teheran-Zeit sollen überall die gleichen Parolen skandiert werden. Er wandte sich an die Streitkräfte: „An welcher Seite der Geschichte werdet ihr stehen?“ Seine Plattform für nationale Zusammenarbeit, ein verschlüsselter Kanal für Regime-Insider, soll tausende Anmeldungen erhalten.
Die Soldaten sollen das Volk schützen, nicht unterdrücken
Sieben kurdische Oppositionsparteien haben zu einem Generalstreik aufgerufen. Ein pensionierter Luftwaffenpilot, Colonel Fereydoun Ezzedasti, Veteran des Iran-Irak-Kriegs, veröffentlichte ein Video: Die Soldaten sollen das Volk schützen, nicht unterdrücken.
Die Frage ist von existentieller Bedeutung: Ist Reza Pahlavi der Übergangspolitiker, der das Land in freie Wahlen führen kann, oder ist er die Projektionsfläche einer Nostalgie, die mehr mit Mythos als mit Realität zu tun hat? Das Gamaan-Institut, die einzige statistisch seriöse Umfrageinstitution der iranischen Opposition, beziffert seine Unterstützung auf 35 Prozent. Das ist beträchtlich, aber kein Mandat.
Das Regime kann nicht weiter toleriert werden
Der Analytiker Shahin Modarres stellte das Problem präzise: „Mit 35 Prozent in 46 Jahren war er unfähig, das Regime zu stürzen. Er entwickelte keine politische Mobilisierung.“ Pahlavi leidet unter einem strukturellen Konflikt: Er will gleichzeitig Übergangsführer für alle Iraner und Anführer der Monarchisten sein. Diese beiden Rollen schließen sich gegenseitig aus.
Die Nostalgie für die Pahlavi-Zeit wird von wirtschaftlichen Daten gespeist, die nicht falsch sind. Unter Mohammad Reza Pahlavi stieg der Lebensstandard, Frauen erhielten das Wahlrecht, die Universitäten öffneten sich. Der iranische Paß ermöglichte 1970 visafreies Reisen in die meisten Länder. Das ist alles wahr. Was die Nostalgiker verdrängen, ist die SAVAK, der Geheimdienst, der foltern ließ, die Korruption am Hof, die systematische Unterdrückung jeder Opposition.
Dennoch ist Pahlavi die einzige sichtbare Oppositionsfigur mit internationalem Profil und mobilisierungsfähiger Basis. Seine außenpolitischen Positionen sind klar: säkulare Demokratie, Trennung von Religion und Staat, Unterzeichnung der Abraham-Abkommen, Partnerschaft mit dem Westen. Ob man dem glaubt, ist eine Frage des Vertrauens. Die Alternative ist düsterer: Ein Sturz ohne Führung endet entweder in Anarchie oder im nächsten Diktator. Die Geschichte lehrt, daß Revolutionen, die keinen Übergangspolitiker haben, in Terror übergehen. Der Iran braucht keine Nostalgie, sondern eine Transition. Ob Pahlavi diese Rolle erfüllen kann, wird sich zeigen. Die Alternative, das Regime zu tolerieren, ist keine Option mehr.





