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Medien-Skandal: „Fahrlässig“ – RBB-Bericht entlarvt Versagen im „Fall Gelbhaar“

Medien-Skandal: „Fahrlässig“ – RBB-Bericht entlarvt Versagen im „Fall Gelbhaar“

Medien-Skandal: „Fahrlässig“ – RBB-Bericht entlarvt Versagen im „Fall Gelbhaar“

Der Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar schaut trotzig und verletzt in die Kamera
Der Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar schaut trotzig und verletzt in die Kamera
Der Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar wurde vom RBB des mehrfachen sexuellen Mißbrauchs beschuldigt. Foto: IMAGO / Bernd Elmenthaler
Medien-Skandal
 

„Fahrlässig“ – RBB-Bericht entlarvt Versagen im „Fall Gelbhaar“

Ein Untersuchungsbericht über die Berichterstattung zum Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar legt massive Versäumnisse beim RBB offen: fehlende Erfahrung, schlampige Recherche und die Ausstrahlung eines inszenierten Treffens – das nie stattgefunden hatte. Welche Konsequenzen zieht der Sender?
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BERLIN. Der öffentlich-rechtliche Sender RBB hat Auszüge aus einem externen Untersuchungsbericht über die fehlerhafte Berichterstattung im „Fall Gelbhaar“ veröffentlicht. Zudem kündigte der Sender konkrete „Maßnahmen zur journalistischen Qualitätssicherung“ an.

Nach Auffassung der Ersteller des Berichts kam es bei der Berichterstattung über die Vorwürfe gegen den Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar zu schwerwiegenden Fehlern. So hätten die beteiligten Autoren „keine Erfahrung im Bereich des investigativen Journalismus“ gehabt. „Sie hatten zuvor noch nie mit dem Instrument der eidesstattlichen Versicherungen gearbeitet und ebenfalls bislang keine Recherche mit Bezug zu MeToo-Vorfällen durchgeführt.“

Auch bei der verantwortlichen Redakteurin habe es an „wesentlichen Voraussetzungen für die redaktionelle Bearbeitung und Betreuung eines solchen Themas“ gemangelt. Der Aufgabe, den Rechercheprozeß zu begleiten, sei auf redaktioneller Ebene „nicht gerecht“ geworden. Ebenso hätte der damalige RBB-Chefredakteur David Biesinger die Berichterstattung nicht angemessen betreut.

Anschuldigungen gegen Gelbhaar wurden ungeprüft verbreitet

Direkt zu Beginn der Recherche sei eine Anschuldigung gegen Gelbhaar – die die Chefin der Grünen Jugend bei der Landesdelegiertenkonferenz im Dezember 2024 geäußert hatte – „ungeprüft“ verbreitet worden. Dabei war die Rede von „mehreren schweren Vorfällen im Bereich sexualisierter Gewalt“, die Gelbhaar begangen haben soll.

Als die Politikerin ihre Aussage kurze Zeit später zurücknahm, habe man diesen Teil des Textes zwar entfernt. Doch „eine größere Diskussion“ habe der Vorfall im RBB nicht ausgelöst.

Als man später eine vermeintliche Zeugin telefonisch befragte – und diese von einem angeblichen sexuellen Übergriff Gelbhaars ihr gegenüber sowie von weiteren Angriffen gegen andere Frauen berichtete –, habe die Autorin des Artikels nicht auf ein persönliches Gespräch bestanden, um die Vorwürfe zu prüfen.

Angebliche Bilder eines Treffens wurden in die Sendung geschnitten

Die vertretungsbedingt zuständige Redakteurin habe die Autorin nicht aufgefordert, die Zeugin persönlich zu treffen. Stattdessen habe sie entschieden, Gelbhaar aufgrund der vermeintlichen Zeugenaussage um eine Stellungnahme zu bitten.

Auch der Chefredakteur habe sich nicht über Details der Berichterstattung informiert, „trotz der enormen Tragweite einer solchen Publikation“. Dabei habe es im Sender zwei „auf investigative Recherchen spezialisierte Redaktionen“ gegeben, auf deren Einbindung der RBB verzichtete.

Nachdem Gelbhaar die Vorwürfe bestritten und auf seiner eigenen Internetseite veröffentlicht hatte, habe die Redaktion entschlossen, die Geschichte vorzeitig zu veröffentlichen, heißt es im Bericht weiter. „Unter hohem Zeitdruck“ habe die Autorin dann „fahrlässig“ und nach eigener Aussage „ohne Täuschungsabsicht“ Bilder „einer nachgestellten Szene in den Abendschau-Bericht eingeschnitten, die suggerierten, sie habe die Quelle“ persönlich getroffen.

RBB korrigierte die Fehler spät

Die angebliche Zeugin, so stellte es sich später heraus, existierte dabei gar nicht. Mutmaßlich hatte die Redaktion mit der ehemaligen grünen Bezirkspolitikerin Shirin K. gesprochen – die nach Ansicht der Untersuchungsberichts-Autoren zwar „kriminelle Energie“ aufwendete, aber „eine einfache Täuschungshandlung ohne großen Aufwand“ betrieben habe, um eine andere Identität zu imitieren Sie hatte am Telefon lediglich einen falschen Namen angegeben.

Auch die Korrektur von Fehlern sei zu spät erfolgt. Selbst nachdem bekannt geworden war, daß es sich bei der „Zeugin“ offensichtlich um eine Lügnerin handelte, habe man weiterhin behauptet, daß weitere Mißbrauchsvorwürfe gegen Gelbhaaar bestünden – obwohl diese ausschließlich von der enttarnten Zeugin stammten.

Daß es sich bei dem in der „Abendschau“ gesendeten angeblichen Treffen in Wahrheit um eine nachgestellte Szene handelte, habe der Sender erst Ende Januar eingeräumt. Dabei sei spätestens seit dem 16. Januar klar gewesen, daß eine angebliche Zeugin gar nicht existiert habe.

Es soll Schulungen geben

Als Konsequenz aus der fehlerhaften Berichterstattung kündigte der Sender an, „redaktionelle Regelwerke und Abläufe“ zu überarbeiten. So soll es künftig Schulungen zur Verdachtsberichterstattung geben.

Die RBB-Chefredakteure David Biesinger und Katrin Günther waren bereits Ende März von ihren Posten zurückgetreten. Die erweiterte Chefredaktion hatte diesen Schritt kritisiert und gefordert, Biesinger weiter am Umbauprozeß des RBB zu beteiligen.

Hintergrund ist die Berichterstattung des RBB vom Dezember. Damals hatte der öffentlich-rechtliche Sender über angebliche Vorwürfe gegen den Berliner Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar berichtet. Nachdem der Politiker dagegen geklagt hatte, verbot das Landgericht Hamburg dem Rundfunk, die Behauptungen weiterzuverbreiten. Derzeit wird ebenfalls ermittelt, ob sich die mutmaßliche falsche Zeugin Shirin K. strafbar gemacht haben könnte. (lb)

Der Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar wurde vom RBB des mehrfachen sexuellen Mißbrauchs beschuldigt. Foto: IMAGO / Bernd Elmenthaler
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