Eine Frau trägt eine Schutzmaske in einem Geschäft in Kalkutta, das nach Lockerung von Beschränkungen seit dem 5. Juni wieder geöffnet hat Foto: picture alliance / NurPhoto
Corona-Lage

Covid-19: Hatte Deutschland einfach nur viel Glück?

In einem Interview hat der Bürgermeister des italienischen Bergamo eingeräumt, er habe das Virus völlig unterschätzt. Mitte Februar habe er sich in Mailand mit 45.000 jubelnden Fans das Spiel „Atlanta Bergamo gegen SC Valencia“ angeschaut, und aus Sorge um die Arbeitsplätze sei man davor zurückgeschreckt, das öffentliche Leben lahmzulegen. Kurz darauf füllten sich die Krankenhäuser rasend schnell mit Schwerkranken; Hunderte von Leichnamen mußten später in andere Städte geschickt werden, weil das Krematorium in Bergamo nicht mehr hinterhergekommen sei mit dem Einäschern.

Die Struktur der Gesundheitsversorgung in Norditalien spielt eine große Rolle, das Gesundheitssystem ist „Krankenhaus-zentriert“. Alles befindet sich in Großkrankenhäusern- in Wartesälen in langen Korridoren und dicht gedrängt wartet man stundenlang auf den Termin und Arztbesuch. Eine ideale Virenschleuder, wie man bei den ersten Massenansteckungen in drei Krankenhäusern der Lombardei in Nembro, Alzano Lombardo und Codogno feststellen konnte. Glücklicherweise hatte sich dieses Großkrankenhaus-Modell trotz der emsigen Bemühungen der Bertelsmann-Stiftung, der internationalen Beratungsindustrie und dem Talkshow-affinen SPD-Gesundheitsexperten und Aufsichtsratsmitglied der Rhön-Kliniken Karl Lauterbach in Deutschland nicht durchgesetzt.

Großbritannien hat in der Corona-Krise im internationalen Vergleich viele Tote zu beklagen. Die Gründe dafür reichen von sozialen Faktoren bis zum verspäteten Vorgehen der Regierung. In der ersten Phase der Pandemie befolgten die Briten den Slogan „Bleib zu Hause, schütze den NHS, rette Leben“ und gingen spät oder gar nicht ins Krankenhaus, um den NHS nicht zu überlasten. Möglicherweise wurden englische Corona-Patienten im Vergleich zu deutschen viel später hospitalisiert, und bei vielen waren die Lungenprobleme weit fortgeschritten. Die im Vergleich zu Deutschland niedrige Intensivbettenzahl und das stärker marktwirtschaftlich getrimmte Gesundheitssystem, welches im Katastrophenfall keine Reserven aufweist, spielen bei der Sterblichkeit eine gewichtige Rolle.

In Rußland seltsam viel Tote unter medizinischem Personal

In Schweden hat der Chefepidemiologe Tegnell sich in einem Interview mit dem Schwedischen Radio selbstkritisch gezeigt: „Ich glaube, daß es sicherlich Verbesserungspotential bei dem gibt, was wir in Schweden gemacht haben, klar. Und es wäre gut gewesen, wenn man exakter gewußt hätte, was man schließen soll, um die Infektionsausbreitung besser zu verhindern.“ Die Frage, ob zu viele Schweden zu früh gestorben seien, beantwortet er mit „Ja, absolut“. Das ideale Modell läge wahrscheinlich irgendwo zwischen den liberalen Maßnahmen Schwedens und den strengen Maßnahmen, die anderswo verhängt wurden.

Obwohl Ausgangssperren und weitgehende Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Moskau noch in Kraft sind, gehört Rußland nach ersten Lockerungen jetzt zu den globalen Spitzenreitern der Corona-Pandemie. Im Laufe des Aprils steigerte man die Testkapazität um ein Vielfaches, was sich auf die Zahl der dann steigenden Neuinfektionen auswirkte. Die Sterblichkeit scheint gering, hängt aber davon ab, wie Rußland seine Corona-Toten zählt. Dank rechtzeitiger Planung und einem Ausbau der Bettenkapazität gelang es in der Hauptstadt, „italienische Zustände“ zu verhindern, heißt es von offizieller Seite. Allerdings scheint im Vergleich mit anderen Ländern die Zahl der in der Corona-Krise verstorbenen Ärzte und Pflegepersonen sehr hoch.

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hatte die Pandemie von Beginn an verharmlost und nichts von den empfohlenen Abstandsmaßnahmen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehalten. Da er so schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren und die Wirtschaft wieder öffnen wollte, führte diese Unstimmigkeit zwischen ihm und seinen beiden ehemaligen Gesundheitsministern zu deren Entlassungen beziehungsweise freiwilligen Demission. Viele brasilianische Regionen hatten dennoch einen Lockdown verhängt. In den brasilianischen Favelas ist die Pandemie schwer zu kontrollieren, da Hygiene- und Abstandsregeln oft nicht eingehalten werden können. Da fließendes Wasser oft nicht verfügbar ist, wird Händewaschen zum Problem. Da die Menschen auf engem Raum zusammenleben, ist Abstand zu halten schlicht nicht möglich und verursacht die hohen Infektionszahlen. Die fatale wirtschaftliche Situation führt aber jetzt zu ersten Lockerungen des Lockdowns. Die hohen Todeszahlen hielten die Regionalpolitiker bisher aber davon ab, wieder komplett zu öffnen.

Indien mit der besten aller schlechten Entscheidungen

In Mexiko werden die wirtschaftlichen Aktivitäten wieder graduell aufgenommen, da viele Fabriken in Grenznähe wichtige Glieder in den kontinentalen Lieferketten bilden und von den USA entsprechend Druck ausgeübt wird, seine Wirtschaft wieder zu öffnen. Auch Mexiko hatte spät auf das Coronavirus reagiert, die Schließung von Schulen und das Verbot von Großveranstaltungen wurden nur zögerlich ergriffen. Ende März rief Mexiko den sanitären Notstand aus und fuhr das öffentliche Leben herunter. Mexiko gehört zu den Ländern der Region mit weniger restriktiven Maßnahmen. Obligatorische Ausgangssperren gab es auf nationaler Ebene nicht, die Grenzen blieben offen, und auch Reisebeschränkungen wurden nicht erlassen.

Obwohl in Indien am 30. Januar der erste Corona-Fall festgestellt wurde, verkündete das Gesundheitsministerium noch am 13. März und damit zwei Tage, nachdem die WHO Covid-19 zur Pandemie erklärt hatte, die Krankheit bedeute keine gesundheitliche Notlage. Elf Tage später kam der Lockdown; das chaotische Vorgehen der Regierung erinnerte an die mit Hilfe der Bill-Gates-Stiftung durchgeführte Bargeldreform im Jahr 2016, die ebenfalls chaotisch geplant war und Millionen Jobs vernichtete. In der Panik des Lockdowns verschanzte sich die indische Oberschicht in den „Gated communities“, in den Städten wurden Millionen von Tagelöhnern entlassen, und diese wanderten ohne Geld zurück in ihre Heimatdörfer. Ob ein Lockdown in einem Land mit über einer Milliarde Einwohnern, von denen 80 bis 90 Prozent in der Informalität arbeiten und über so gut wie keine Vorsorge verfügen, organisiert über die Bühne gebracht werden kann, ist indes zweifelhaft. Im April gingen sagenhafte 120 Millionen Arbeitsplätze verloren. Die strikte Ausgangssperre jetzt aufrechtzuerhalten, würde bedeuten, viele Inder wieder in den Hungertod zu treiben. Die jetzige Aufhebung des Lockdowns in Indien scheint die beste aller schlechten Entscheidungen zu sein.

Ausgangspunkt von Corona-Ausbrüchen in Deutschland waren in Göttingen mehrere private Familienfeiern. Eine Gruppe „junger Männer“ hatte nach den Feiern in einer Shisha-Bar gemeinsam aus einer Pfeife geraucht. Die Shisha-Bar war illegal geöffnet und wurde mittlerweile von den Behörden geschlossen. Schwierigkeiten bereiten den Behörden fehlende Kooperationsbereitschaft sowie „Sprach- und Verständnisbarrieren“. Auch in Bremerhaven war offenbar eine private Feier zum islamischen Zuckerfest Ausgangspunkt eines Ausbruchs. Dabei sei vermutlich gegen Hygieneregeln verstoßen worden. Auch etliche Gottesdienste in Kirchen scheinen sich zu Corona-Hotspots zu entwickeln.

Schlechte Zeiten für Kriminelle? Linke bietet Hilfe

Indes hat endlich das Robert-Koch-Institut (RKI) bestätigt, die Übertragung des neuartigen Coronavirus laufe hauptsächlich über Tröpfchen, die beim Husten und Niesen entstehen und beim Gegenüber über die Schleimhäute aufgenommen werden. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Herkunft des Virus kommen nun auch von Renate Künast, die erklärte, das Virus sei entstanden, weil wir „auf falsche Art und Weise“ Landwirtschaft betreiben. Die von der Evangelischen Kirche Deutschlands unterstützte Bloggerin und Aktivistin Vandana Shiva fand heraus: Corona sei irgendwie die Folge von Gen-Soja.

Die Corona-Hilfen des Staates erreichen nun den Status eines himmlischen Füllhorns. Die Linke forderte eine Nothilfe für Kriminelle. „Menschen, die illegal im Land sind“, sollten eine „Corona-Hilfe in Höhe von einmalig 1.500 Euro“ bekommen, außerdem eine „sofortige Generalamnestie“ und überhaupt die umgehende Legalisierung. „Erhöhte Polizeipräsenz“ und die Schließung von Gastronomiebetrieben, Hotels und Baustellen böten weniger Möglichkeiten, illegal Geld zu verdienen. Ulrike Herrmann, in Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen omnipräsente Wirtschaftskorrespondentin des repräsentativen Ökonomiefachblattes taz, präsentierte in einer TV-Runde die volkswirtschaftlich einleuchtende Erklärung des staatlichen Füllhorns: „Um es ganz klar zu sagen, der Staat kann sich alles leisten.“ Aus ihrer Sicht sei es „ganz klar so, und das zeigt auch die Geschichte, Staatsschulden in dieser Höhe werden nicht zurückgezahlt“.

Kritik an den Quarantänemaßnahmen gegen Corona übt indes der 116 Jahre alte Südafrikaner Fredie Blom, der als Teenager die Spanische Grippe von 1918 überlebte. Masken? Blödsinn, findet Blom. Ihn beunruhigt an der Pandemie nur eines: Alkohol und Zigaretten sind in Südafrika nicht mehr erhältlich.

Glück war es bei uns nicht

Hat Deutschland im Verlauf der Corona-Epidemie vergleichsweise einfach nur Glück gehabt? Wohl kaum – da ein vergleichsweise gut ausgestattetes Gesundheitssystem, eine überwiegend disziplinierte Bevölkerung und ein abfederndes Sozialsystem trotz der späten Maßnahmen der Regierung die eigentliche Grundlage für die erfolgreiche Eindämmung der Pandemie darstellen.

 

Eine Frau trägt eine Schutzmaske in einem Geschäft in Kalkutta, das nach Lockerung von Beschränkungen seit dem 5. Juni wieder geöffnet hat Foto: picture alliance / NurPhoto

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