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Vergessene Stimmen: Der Mann, der Preußens Sahara durchwanderte

Vergessene Stimmen: Der Mann, der Preußens Sahara durchwanderte

Vergessene Stimmen: Der Mann, der Preußens Sahara durchwanderte

Preußen du schönes Land. Ölgemälde einer nordischen Küstenlandschaft bei Ebbe: Im Vordergrund eine Frau in dunkler Kleidung mit weißer Haube, die über den nassen Sand läuft, rechts daneben zwei Männer beim Beladen von Fässern. Zwei Segelboote liegen unbewegt auf dem trockengefallenen Meeresboden, im Hintergrund ein Pferdewagen, der ebenfalls über den Strand gezogen wird. Die Szene ist von graublauem, wolkenverhangenem Himmel überspannt, das Licht wirkt gedämpft. Malstil impressionistisch, mit lockeren Pinselstrichen und erdigen Farbtönen. Gregor von Bochmann, „Fischer am Strand“ (o. J.), Öl auf Holz, 15 × 19 cm, Privatsammlung: Eine Szene wie aus Passarges Reiseskizzen. Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Preußen du schönes Land. Ölgemälde einer nordischen Küstenlandschaft bei Ebbe: Im Vordergrund eine Frau in dunkler Kleidung mit weißer Haube, die über den nassen Sand läuft, rechts daneben zwei Männer beim Beladen von Fässern. Zwei Segelboote liegen unbewegt auf dem trockengefallenen Meeresboden, im Hintergrund ein Pferdewagen, der ebenfalls über den Strand gezogen wird. Die Szene ist von graublauem, wolkenverhangenem Himmel überspannt, das Licht wirkt gedämpft. Malstil impressionistisch, mit lockeren Pinselstrichen und erdigen Farbtönen. Gregor von Bochmann, „Fischer am Strand“ (o. J.), Öl auf Holz, 15 × 19 cm, Privatsammlung: Eine Szene wie aus Passarges Reiseskizzen. Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Gregor von Bochmann, „Fischer am Strand“ (o. J.), Öl auf Holz, 15 × 19 cm, Privatsammlung: Eine Szene wie aus Passarges Reiseskizzen. Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Vergessene Stimmen
 

Der Mann, der Preußens Sahara durchwanderte

Ludwig Passarge schrieb sich einst in den Olymp deutscher Reiseprosaisten. Heute kennt ihn kaum jemand. Seine Wanderung durch die Kurische Nehrung war mehr als Urlaub – sie war eine Antwort auf die Moderne. Und ein Abgesang.
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Im August 1868 traf der Kreisrichter Ludwig Passarge aus Heiligenbeil im Seebad Cranz ein, um von dort über die Kurische Nehrung zu wandern. Gemessen an aktuellen Einschätzungen von Klimaapokalyptikern erlebte Ostpreußen damals wirklich, was hierzulande auch 2025 wieder ins Wasser fiel: einen „Höllensommer“. Zwischen Königsberg und Cranz bedrohten zahlreiche Feuer die Wälder, verdorrte das Gras auf den Weiden, brannten Moore ab, wälzten sich Rauchsäulen nach Norden. Die Hitze hatte Bäume und Büsche entlaubt und das Badepublikum schon frühmorgens in bleierne Müdigkeit fallen lassen. In dieser lethargischen Stimmung hielt Passarge das Unternehmen, die heiße „preußische Sahara“ zu durchstreifen, für unausführbar.

Der passionierte Vagabund brach trotzdem auf. Und kam nach einer „losgelöst von allem Menschentum“ verbrachten Woche auf der dünn besiedelten Landzunge zwischen Ostsee und Kurischem Haff mit dem Material zu einem Reisebericht heim, aus dem Rudolf Borchardt 1927 in seine kanonischen Sammlung „Der Deutsche in der Landschaft“ einen Abschnitt über die Magie der Dünenbildung aufnahm, so daß der Verfasser neben Goethe, den Naturforscher Georg Forster, den Brüdern Humboldt, Jakob Philipp Fallmerayer, seinem Landsmann Ferdinand Gregorovius und Alexander von Warsberg in den Olymp der deutschen Reiseprosaisten aufstieg.

Von dieser Wertschätzung ist nichts geblieben. Bereits der Große Brockhaus von 1929 enthält keinen Eintrag mehr, nachdem Meyers Konversations-Lexikon von 1908 dem am 6. August 1825 nahe am Frischen Haff, in Wolittnick (Kreis Heiligenbeil), geborenen Gutsbesitzersohn immerhin noch einen ausführlichen bio-bibliographischen Artikel gegönnt hatte. In zwölfter Stunde, 1940, erinnerte der Königsberger Verlag Gräfe und Unzer mit einer separaten Buchausgabe seiner Nehrungswanderung an den „großartigen und hinreißenden Landschaftsschilderer“, durfte im knappen Nachwort deren Aufnahme in Borchardts Anthologie aber kaum erwähnen, weil ihr im „Königsberger Judentum der Kreuznahme“ wurzelnder Herausgeber als Verfemter im italienischen Exil lebte.

Bürgerliche Stadtflüchtlinge gründeten erste Seebäder

Wie vergessen Passarge heute selbst im kollektiven Lokalgedächtnis ist, dokumentiert ein vor Fehlern wimmelnder Aufsatz zum 200. Geburtstag, der im Königsberger Bürgerbrief (105-2025) über diesen „unsteten Gesellen“ zu lesen ist, der deshalb unablässig reiste, weil er als vermeintlicher „Geisteswissenschaftler“ seinen Horizont habe erweitern müssen. Wesentlich korrekter porträtierte der Mediävist Hartmut Boockmann den Reisefeuilletonisten in seiner 1991 vorgelegten Auswahl aus dessen Erstling, den Exkursionen zu „Land und Leuten“ im westpreußischen Weichseldelta (1857). Erstmals und vielleicht letztmalig gründlich informiert über Leben und Werk des Vergessenen die Einleitung, die der Journalist Henning Sietz seiner verdienstvollen Edition jener drei Texte voranstellt, mit denen Passarge die „Nehrungsbegeisterung“ entfachte, die den kurischen Sandstreifen und die samländische Nordküste in Attraktionen des Badelebens verwandelte.

In seiner „Theorie des Tourismus“ (1958) deutet Hans Magnus Enzensberger die Anfänge des Massentourismus um 1800 als Flucht aus dem selbstgeschaffenen „stählernen Gehäuse“ (Max Weber) des Kapitalismus, das mit Industrialisierung und Urbanisierung zuerst in England Gestalt gewann und die Gegenreaktion einer Fremdenverkehrswelle lostrat, die bürgerliche Stadtflüchtlinge allsommerlich an die Meeresküsten spülte. Mit der Gründung der ersten Seebäder, 1793 in Cuxhaven, 1816 in Cranz nahe Königsberg, erreichte diese Welle auch die deutschen Nord- und Ostseestrände.

Gleichzeitig stieg die Nachfrage nach Reiseführern, 1832 erschien der erste „Baedeker“, und Autoren wie Heinrich Heine und Heinrich Laube bedienten einen rasch wachsenden Buchmarkt mit literarisch anspruchsvolleren „Reisebildern“. Um hier Passarges Standort genauer zu bestimmen, lohnt ein Blick auf Konkurrenten wie Theodor Fontane und Jakob Philipp Fallmerayer.

Kosmopolit aus Preußen

Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, ab 1862 fast gleichzeitig mit Passarges „Fragmenten aus Italien“ (1860) und den „Wanderstudien“ zu „Schweden, Wisby und Kopenhagen“ (1867) veröffentlicht, wollen den preußischen Patriotismus wecken, indem sie jenseits der Erinnerung an Haupt- und Staatsaktionen durch alltagsgeschichtliche Belebung des Lokalen die „Liebgewinnung der Heimat“ fördern und zur Identifikation mit dem historischen Personal der Region eher als mit ferneren „Helden“ wie Friedrich dem Großen einladen.

Fontanes „Wanderungen“ eröffnen bildungsbürgerlichen Zivilisationsflüchtlingen zwei Fluchtwege, in die Natur und in die Vergangenheit. Um sie in eine der Entfremdung der Moderne entgegengesetzte Welt der Totalität zu entführen, die dem einzelnen in „ganzheitlicher“ Natur und Kultur jene geborgene Existenz verspricht, wie sie die vormoderne Einheit des friderizianischen Preußens scheinbar ermöglichte. Nicht weniger politisch ambitioniert als diese regressive Utopie waren die mit faszinierenden orientalischen Naturbildern gespickten Reiseerzählungen des Tirolers Fallmerayer, weil sie sich in den 1840ern und 1850ern als eine einzige Warnung vor dem zur Levante drängenden russischen Imperialismus lasen.

Jurist Ludwig Passarge (1825–1912). Foto: Peter Lang GmbH

Von solchem politisch-publizistischen Engagement ist Passarge weit entfernt. Bescheidener geht es ihm darum, Aufmerksamkeit auf Landstriche zu lenken, die dem breiten Publikum unbekannt sind. Eine Ausnahme bilden nur seine „Fragmente aus Italien“, die zwar auf Goethes Spuren meist ausgetretenen Pfaden folgen, aber mit Schilderungen wie jener der mühsamen Besteigung des Vesuvs auch originelle Glanzlichter der Naturprosa entzünden.

Ansonsten zieht es ihn aus dem deutschen Nordosten in andere europäische Peripherien, nach Norwegen, Schweden, Portugal, Spanien, Dalmatien und Montenegro. Daß auch diese Regionen es in hohem Grade verdienten, von vielen Menschen „geschaut“ zu werden, ist für ihn jedoch kein Selbstzweck. Denn mehr als das primär patriotisch motivierte Erwandern heimatlicher Gefilde sollen Auslandsreisen der kosmopolitischen Erziehung des Bildungsbürgers dienen. Insoweit verrät der im Vormärzliberalismus sozialisierte Passarge seine Herkunft aus der aufgeklärten „Königsberger Weltbürgerrepublik“ (Jürgen Manthey). Ihn als „erzkonservativ“ einzustufen, wie es Henning Sietz tut, könnte also falscher nicht sein.

Kritik an der brutalen Ausbeutung der Naturräume

Denn der seit 1879 am Königsberger Oberlandesgericht tätige Geheime Justizrat, der als Übersetzer und Biograph die deutsche Rezeption des gesellschaftskritischen Dramatikers Henrik Ibsen steuert, schwankt weltanschaulich heftig zwischen Fortschrittsglauben und Kulturpessimismus. Den in seinen Reiseprotokollen penibel vermerkten Einzug der Moderne bewertet er zwiespältig, so enthusiastisch wie skeptisch, aber bei aller Trauer über die kapitalistische Monotonisierung der kulturellen Vielfalt Europas mit klarer Präferenz für die Segnungen der Zivilisation.

So entwirft Passarge ungeachtet aller Kritik an der brutalen Ausbeutung der Naturräume, vor allem an der hemmungslosen Abholzung der Wälder Schwedens und Spaniens, kühne technokratische Visionen: Sollte die Elektrizität zur Kraft der Erde werden, könnten die großen Ströme Nordschwedens Europa vollständig mit Energie versorgen. Begeistert beschreibt er den 1887 eröffneten, „amerikanisch“ organisierten Hafen Luleå, hoffend, ganz Norrland möchte wie der US-Westen durch Massenzuwanderung erschlossen werden, mit Sundsvall als schwedischem San Francisco. Doch damit zeichnete sich für Passarge eine, auch in Kopenhagen und Stockholm bereits als Menetekel sichtbare transzendenzlose, vom „Genius der Geschichte“ verlassene Zukunft Europas ab, die diesem Goethedeutschen ein Horror war.

Aus der JF-Ausgabe 32+33/25.

Gregor von Bochmann, „Fischer am Strand“ (o. J.), Öl auf Holz, 15 × 19 cm, Privatsammlung: Eine Szene wie aus Passarges Reiseskizzen. Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
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