Deutsche Propagandapostkarte aus dem Ersten Weltkrieg: Das Klischee vom Militärstaat trügt Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
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Deutsches Reich und europäische Großmächte
 

Von wegen unzivilisierter Militärstaat

Spätestens durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wurde das Deutsche Reich zum Hort der Unkultur, der Barbarei, des Militarismus und allen Bösen verdammt. Damit verbunden sind bis heute die wenig schmeichelhaften Vorstellungen vom Hohenzollernreich als militaristischer Obrigkeitsstaat, verkörpert durch das Zerrbild des pedantischen preußischen Beamten oder des hochnäsigen Offiziers.

Im Vergleich zur abstoßenden Karikatur des häßlichen Deutschen, wie ihn Heinrich Mann in seinem Werk „Der Untertan“ von 1914 präsentiert, stehen insbesondere Briten und Franzosen als Beispiele des Guten und Schönen der jüngeren europäischen Vergangenheit dar. Doch jenseits der Klischeevorstellungen lohnt ein Vergleich der europäischen Staaten um 1900. So manches Vorurteil gerät beispielsweise beim Blick in „Preußen und die Marktwirtschaft“ von Ehrhardt Bödecker oder in die Studie „Deutschland in Zahlen“ von Thomas Rahlf ins Wanken.

Wie kein anderer Gegenstand steht die Pickelhaube sinnbildlich für das angeblich durchmilitarisierte wilhelminische Deutschland. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs verfügte das Reich über 790.000 Soldaten und damit etwa über gleich viele wie Frankreich (780.000). England hatte 1913 rund 138.000 Mann unter Waffen. Doch muß berücksichtigt werden, daß Großbritannien damals rund 42 Millionen Einwohner hatte, Frankreich 39 Millionen und das Deutsche Reich 65 Millionen. Somit hatte die Grande Nation die höchste Soldatendichte.

Preußen war Vorreiter beim Wahlrecht

Auf dem Gebiet der Bildung und Kultur war Deutschland hingegen führend. 1900 lag die Analphabetenquote im Reich bei gerade einmal 0,9 Prozent und ließ dabei Großbritannien mit 9,6 Prozent und Frankreich mit 10,0 Prozent weit hinter sich.

Wohl auch als Folge dieses Umstands stellte Deutschland die späteren Kriegsgegner bei der Bücherproduktion in den Schatten. 1910 erschienen zwischen Königsberg und Köln 31.280 Einzeltitel, was 48 Büchern pro 100.000 Einwohner entsprach. In England waren es 8.470 Exemplare oder 18 Bücher pro 100.000 Untertanen der britischen Krone. Links des Rheins waren es immerhin 12.615 Bücher also 32 pro 100.000 Franzosen.

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, daß das oft so gescholtene Preußen überspitzt gesagt ein Vorreiter der Demokratie war. Bereits 1869 führte es das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht ein, das nach der Reichsgründung zwei Jahre später auf das Land ausgeweitet wurde. England zog erst 1918 dabei nach. (ag)

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