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Reinhard Gehlen war Namensgeber des BND-Vorläufers und später Chef des Geheimdienstes Foto: picture-alliance / Sven Simon | SVEN SIMON
Reinhard Gehlen war Namensgeber des BND-Vorläufers und später Chef des Geheimdienstes Foto: picture-alliance / Sven Simon | SVEN SIMON

Deutscher Geheimdienst
 

Organisation Gehlen: die Wiege des BND

Als sich die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg immer deutlicher abzeichnete, begann Reinhard Gehlen damit, für die Zeit nach dem Zusammenbruch Pläne zu schmieden. Der Chef der Abteilung Fremde Heere Ost der Wehrmacht war der Ansicht, daß die Westmächte und die Sowjetunion unter dem Diktator Josef Stalin nach dem Zusammenbruch Deutschlands nicht mehr lange Verbündete sein würden. In dieser Situation könnte sein Wissen gefragt sein.

Daher ließ Gehlen kurz vor Kriegsende 1945 durch seine engsten Mitarbeiter Spionagematerial über die Sowjetunion auf Mikrofilm vervielfältigen und in Fässern in den Alpen vergraben. Dieser Schatz sollte in amerikanischer Kriegsgefangenschaft sein Faustpfand werden, das ihm den Aufbau des nach ihm benannten Geheimdienstes in Westdeutschland ermöglichte.

Die Amerikaner erkannten den Wert der Dokumente, die Gehlen ihnen zugänglich machte. Bereits im Juli 1946 kehrte der ehemalige Generalmajor aus der Gefangenschaft nach Deutschland zurück und wurde zunächst in die Arbeit der sogenannten Auswertegruppe unter Aufsicht des US Military Intelligence Service Center integriert.

Der Koreakrieg begünstigte den Ausbau der Organisation Gehlen

Bereits seit dem 1. April 1946 lief unter dem Tarnnamen „Operation Rusty“ der Aufbau des Nachrichtendienstes, den Gehlen ab Februar 1947 übernahm. Innerhalb kurzer Zeit stieg die Zahl der Mitarbeiter bis zum Mai 1949 bereits auf 270. Zwei Jahre später waren es schon über 700.

Reinhard Gehlen leitete im Zweiten Weltkrieg die Abteilung Fremde Heere Ost der Wehrmacht Foto: picture-alliance / dpa | Ullstein
Reinhard Gehlen leitete im Zweiten Weltkrieg die Abteilung Fremde Heere Ost der Wehrmacht Foto: picture-alliance / dpa | Ullstein

Die mittlerweile unter dem Namen Organisation Gehlen (OG) bekannte Einrichtung profitierte davon, daß 1950 der Koreakrieg ausbrach, in dem sich die USA und die Sowjetunion ihren ersten heißen Schlagabtausch im Kalten Krieg lieferten. Die CIA, die mittlerweile der Auftraggeber von Gehlen und seinen Untergebenen war, unterstützte sie fortan mit deutlich höheren Finanzmitteln.

Bei der Wahl des Personals für die OG standen die US-Amerikaner vor dem gleichen Dilemma wie beim Aufbau der Bundeswehr: Es ging nicht ohne Fachleute aus dem Dritten Reich. Doch da die USA auf das Wissen des deutschen Militärs über die Sowjetunion angewiesen waren, griffen sie auf Gehlen und seine Kameraden zurück.

„Aktion Hermes“ nahm Kriegsheimkehrer unter die Lupe

Diese unterstützten sich selbst nach Kräften und halfen sich bei den Entnazifizierungsverfahren. Auch wenn Gehlen das Zeit seines Lebens stets bestritt, so versorgte er doch ehemalige Weggefährten mit neuen Posten und Identitäten. Zu einem großen Teil hatten sie zuvor schon im Sicherheitsdienst der SS, bei der Gestapo oder der Abwehr, dem militärischen Geheimdienst der Wehrmacht, Karriere gemacht. Laut einer Untersuchung der CIA waren Anfang der 1950er Jahre bis zu 28 Prozent von Gehlens Mitarbeitern ehemalige NSDAP-Parteigenossen.

Ein großes Betätigungsfeld für die OG war ab dem Sommer 1947 die Befragung der Heimkehrer aus der russischen Kriegsgefangenschaft. Ins Visier der Gehlen-Leute gerieten dabei für allem die Männer, die in der Sowjetunion an sogenannten Antifa-Kursen zur ideologischen Schulung teilgenommen hatten. Aber auch Zwangsarbeiter aus der Rüstungsindustrie waren von besonderem Interesse. Als die Befragungen im Verlauf der „Aktion Hermes“ eine Steigerung des Panzer- und Flugzeugbaus der Sowjets ergaben, löste diese Information bei den US-amerikanischen Militärs zeitweise Unruhe aus.

Aus der Sicht des Historikers Ronny Heidenreich waren Gehlens Agenten damals recht erfolgreich. „Das Ausmaß und die Intensität der Unterwanderung oder Durchdringung der DDR durch westliche Nachrichtendienste hatte quantitative Ausmaße, die überraschend waren. Das heißt, bereits in den 1940er Jahren ist damals die Organisation Gehlen in der Lage, weitverzweigte Netze aufzubauen in einem großen geographischen Raum und auch mit einer großen Spannbreite, das heißt es ging nicht nur um Militärspionage, es ging auch um Wirtschaftsspionage, es gab auch Ansätze, den Sicherheitsbereich in den Blick zu nehmen“, bewertete Heidenreich die ersten Jahre der OG gegenüber dem Deutschlandfunk.

Aus OG wurde BND

Der personelle Ausbau der OG schritt auch in den frühen Fünfzigern voran. Bis Mitte 1952 umfaßte sie 1.011 hauptamtliche Mitarbeiter. Hinzu kamen über 1.000 V-Leute und Hunderte Führungs- und Führungshilfskräfte.

Der Besprechungsraum "Alter Fritz" mit einem Bild Friedrichs des Großen in der ehemaligen BND-Zentrale im bayerischen Pullach Foto: picture alliance/dpa | Sven Hoppe
Der Besprechungsraum „Alter Fritz“ mit einem Bild Friedrichs des Großen in der ehemaligen BND-Zentrale im bayerischen Pullach Foto: picture alliance/dpa | Sven Hoppe

Doch nach dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 ging die Staatssicherheit der DDR in die Gegenoffensive und in der Folgezeit verhaftete sie Hunderte Informanten und auch Agenten der OG in dem ostdeutschen Staat. Parallel zur Etablierung der Stasi als „Schild und Schwert“ der SED schwanden die Möglichkeiten der OG zwischen Elbe und Oder. In den folgenden Jahren lieferte der westdeutsche Nachrichtendienst wenig brauchbare Informationen über die Verhältnisse in der DDR.

Mit der Unterzeichnung des Deutschlandvertrages 1952, der das Besatzungsstatut ablöste und den völkerrechtlichen Status der Bundesrepublik normalisieren sollte, war auch der Weg für einen eigenen Auslandsnachrichtendienst frei. Zehn Jahre nach dem Beginn der „Operation Rusty“ ging aus der OG am 1. April 1956 der Bundesnachrichtendienst hervor.

Reinhard Gehlen war Namensgeber des BND-Vorläufers und später Chef des Geheimdienstes Foto: picture-alliance / Sven Simon | SVEN SIMON
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