Foto des zerstörten Magdeburgs durch einen Tiefflieger der Royal Air Force Foto: Kimimedie; Lizenz: Gemeinfrei / JF-Montage
Alliierter Luftangriff auf Magdeburg

Zum zweiten Mal magdeburgisiert

Wie kaum eine zweite deutsche Stadt litt Magdeburg unter kriegerischen Heimsuchungen. Ein entsetzter Zeitzeuge beschrieb eine wahre Apokalypse:

„Da ist nichts als Morden, Brennen, Plündern, Peinigen, Prügeln gewesen. (…) Unter welcher währenden Wüterei dann, und da diese so herrliche, große Stadt, die gleichsam eine Fürstin im ganzen Lande war, in voller brennender Glut und solchem großen Jammer und unaussprechlicher Not gestanden, sind mit gräulichem ängstlichen Mord- und Zetergeschrei viel tausend unschuldige Menschen, Weiber und Kinder, kläglich ermordet und auf vielerhand Weise erbärmlich hingerichtet worden, also daß es mit Worten nicht genugsam kann beschrieben und mit Tränen beweint werden. (…) Insgeheim aber hält man dafür, daß mit eingeschlossen die beiden Vorstädtees auf 20.000 Menschen gewesen, die bei solchem grausamen Zustand ihr Leben enden oder sonst am Leibe Schaden leiden müssen.“

Beobachter dieses Zivilisationsbruchs war der Magdeburger Ratsherr und Physiker Otto von Guericke, sein Thema die Verwüstung der protestantischen Stadt am 20. Mai 1631 durch ein kaiserlich-habsburgisches Söldnerheer unter den Feldherren Tilly und Pappenheim. Die Zerstörung ging sogar in den Sprachschatz ein. Wenn eine Stadt vollständig zerstört und ausgelöscht wurde, dann wurde sie „magdeburgisiert“.

Das Ziel war Zerstörung , nicht Eroberung

Verglichen mit dem Gemetzel im Dreißigjährigen Krieg verlief die Eroberung des jetzt preußischen Magdeburg durch die Franzosen am 11. November 1806 ziemlich human. Der aus der Lothringer Festung Saarlouis (im heutigen Saarland) stammende Feldmarschall Michel Ney, treuester Heerführer Napoleon Bonapartes, begnügte sich mit zeittypischen Plündereien, die er gegen Zahlung von 150.000 Talern aus der Magdeburger Stadtkasse sogar einstellen ließ. 

Das die Stadt an der Elbe am 16. Januar 1945 angreifende strategische Bomberkommando der Royal Air Force (RAF) wollte weder erobern noch plündern. Spätestens seit der Area Bombing Directive vom 14. Februar 1942 war das Kommando ein Instrument des Terrorluftkriegs, mit dem der britische Premierminister Winston Churchill und sein Luftmarschall Arthur Harris die Durchhaltemoral deutscher Zivilisten und in der Konsequenz die Kampfmoral der Wehrmacht brechen wollten.

Fragwürdige Versuche, den totalen Luftkrieg zu legitimieren, gab es allerdings schon in den 1920er Jahren. RAF-Stabschef Hugh Trenchard lehrte, „angesichts der Verzahnung der Wirtschaft in Industriestaaten“ könne zwischen zivilen und militärischen Zielen nicht unterschieden werden (Trenchard-Doktrin). 

Churchill, den selbsternannten „Soldier of Christ“, ließ das in martialisches Pathos geraten: „Der Tod steht in Bereitschaft, (…) wenn man ihn ruft, die Zivilisation ohne Hoffnung auf Wiederaufbau zu Staub zu zerstampfen“ (1925). Von der Area-Bombing-Strategie rückte er auch dann nicht ab, als ihr Scheitern immer offensichtlicher wurde. Nicht einmal die Feuersturmangriffe auf Hamburger Arbeiterwohnviertel Ende Juli 1943 (Operation „Gomorrha“) mit ihren alptraumhaften mindestens 35.000 Todesopfern hatten die deutsche Durchhaltemoral entscheidend geschwächt.

Kaum Vorwarnzeit

Auch in Magdeburg bewährten sich List und Heimtücke des Bomber Command. Mehrere Teilverbände näherten sich aus sechs Richtungen, so daß die Flugwarnung das Angriffsziel sehr spät identifizieren konnte. Erst um 21.28 Uhr heulten die Alarmsirenen, als der Masterbomber, sein Stellvertreter und drei Sichtmarkierer den Angriffsbereich schon absteckten. Um 21.32 Uhr begann das 28 Minuten dauernde, einen Feuersturm auslösende Inferno. 

Wie das vier Wochen später eingeäscherte Dresden wurde Magdeburg in zwei Angriffswellen bombardiert, die hier allerdings unmittelbar aufeinanderfolgten. 297 viermotorige Halifax-Maschinen warfen 881 großkalibrige Minenbomben, 252 hochbrisante Sprengbomben, 25.638 Stabbrandbomben und 5.024 Flüssigkeitsbrandbomben ab − mit einem Gesamtgewicht von 1.060 Tonnen, davon 641 Tonnen Brandbomben und 419 Tonnen Sprengbomben.

Eine acht Quadratkilometer große Fläche zwischen Hasselbachplatz, Hauptbahnhof, Alter Neustadt und Elbe lag in Trümmern und brannte mehrere Tage lang. Die Magdeburger Innenstadt mit ihrer herrlichen Bausubstanz, darunter dem romanischen Dom (Grablege Kaiser Ottos), dem Kloster Unserer Lieben Frau und der barocken Breiten Straße, wurde zu 90 Prozent zerstört.

„Eine Frau brannte wie eine Feuersäule“

Augenzeugenberichte verraten den Horror des 16. Januar 1945. Hunderte Insassinnen des Frauengefängnisses „hatten ihre Holzpantoffeln genommen und schlugen in hilfloser Verzweiflung gegen die verriegelten Türen“. Ein anderer Schutzsuchender rannte zum Bunker am Nordfriedhof: „Die angsterfüllten Menschen drängten sich zu dem rettenden Durchschlupf und verstopften ihn vollends. Der Bunker wurde rücksichtslos geschlossen, und die Menschen verbrannten draußen oder kamen durch Splitter um.“

Im Altersheim Stiftstraße war der Keller bald überfüllt. Um auf dem Hof eingeschlossene Menschen zu retten, öffneten „wir den Durchbruch zum Reutergang, aber der war schon durch Tote versperrt. (…) Kaum hatten wir den Hof dann doch betreten, als ein großer Phosphorkanister explodierte und eine Frau so unglücklich traf, daß sie wie eine Feuersäule brannte.“

Trotz seiner zehn Betonbunker und beachtlicher Luftschutzerfahrungen nach dreizehn Angriffen im Vorjahr verlor Magdeburg am 16. Januar 1945 zwischen 4.000 und 16.000 Bewohner − eine gewaltige, an die Auslöschung Dresdens erinnernde Schätzungsbreite. Die höhere Zahl beruht auf mündlicher „Überlieferung“ ohne belastbare Quellenbasis. Realistischer, zumindest in der Größenordnung, erscheinen daher 4.000 Bombentote (Militärhistoriker Olaf Groehler mit detaillierter Begründung).

Eindrucksvoll schildert das Bronzeportal der St.-Johanniskirche Magdeburgs Feuersturm und Wiederaufbau. Auch die Steinfiguren „Frau mit Kind“ und „Trümmerfrau“ bewältigen mühelos den Spagat zwischen spätromanischer Kirchenarchitektur und moderner Bildersprache.

Irritierend ist die Gedenkstätte auf dem Westfriedhof, wo die meisten Bombentoten ruhen. Von einer Marmorplatte mit der Inschrift „16. Januar 1945“ schreitet man auf einem 120 Meter langen Weg zu einem im Boden versinkenden Marmorwürfel und danach zu einer rostenden Stahlkonstruktion mit beweglicher Kugel, die sich mit geringem Kraftaufwand gegen eine drei Meter hohe Marmorstele schlagen läßt.

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