Vielvölkerstaat im Südosten Europas 1804-1918

Kaisertum Österreich: Eine langlebige Notlösung

In höchster Bedrängnis schuf der deutsche Kaiser Franz II. ein neues Kaiserreich. Da das Heilige Römische Reich Deutscher Nation im Verlauf der napoleonischen Kriege immer mehr an Bedeutung verlor, erhob er Österreich am 11. August 1804 zu einem Kaisertum. Damit trug der Habsburger zeitgleich zwei Kaisertitel – als einziger Doppelkaiser der Weltgeschichte. Er war damit nämlich auch Franz I. von Österreich. Er herrschte über ein beachtliches Reich mit 21,2 Millionen Einwohnern. Damit war es nach Rußland und Frankreich der drittgrößte Staat Europas.

Dies geschah mit strategischem Weitblick. Denn es war spätestens nach dem Reichsdeputationshauptschluß, der territorialen Neuordnung im Zuge der Säkularisierung1803 absehbar, daß sich das Deutsche Reich nicht mehr lange gegen Napoleon behaupten würde. Nach weiteren Niederlagen legte Franz schließlich die Krone des Deutschen Reiches am 6. August 1806 nieder und war fortan nur noch Kaiser von Österreich. Zwar war er damit vom Rang seinem französischen Gegner immer noch gleichgestellt, doch nach dem Frieden von Schönbrunn 1809 wurde das Habsburgerreich auf die Rolle eines Binnenstaates zurecht gestutzt.

Das Vielvölkerreich im Südosten Europas umfaßte Gebiete der heutigen Staaten Österreich, Ungarn, Tschechien, der Slowakei, Teile Polens und der Ukraine, Teile Italiens, Slowenien, Kroatien, Rumänien und Serbien. So vielfältig wie seine Landeskinder, so zahlreich waren auch die Titel des Regenten. Franz war Kaiser, trug zugleich unter anderem acht Königstitel, war Erzherzog zu Österreich, besaß 13 Herzogtitel, war Großherzog von Krakau; Großfürst zu Siebenbürgen; Markgraf in Mähren, Fürst zu Berchtoldsgaden und Mergentheim; gefürsteter Graf zu Habsburg, Tyrol, Kyburg, Görz und Gradiska; Markgraf zu Ober- und Niederlausitz und in Istrien; Herr der Lande Vollhynien, Podlachein und Berzesz, zu Triest, zu Freudenthal und Eulenburg und auf der Windischen Mark.

1866 bedeutete das Ausscheiden Österreichs aus der Reichseinigung

Nach dem Wiener Kongreß 1814/15 konnte der territoriale Umfang der Vorkriegszeit weitgehend wiederhergestellt werden. Österreich nahm im Deutschen Bund wieder eine Vormachtstellung ein. Doch mit Preußen stand ihm nun ein Konkurrent gegenüber, mit dem es schließlich zum Konflikt kam. Im sogenannten deutschen Bruderkrieg 1866 trafen sich Preußen und Österreicher auf dem Schlachtfeld. Das siegreiche Preußen schonte zwar auf Anraten Otto von Bismarcks das mittlerweile von Franz Joseph I. regierte Österreich. Doch nach der Niederlage schied das Habsburgerreich aus dem deutschen Reichseinigungsprozeß aus.

Die Länderwappen der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn Foto: picture alliance/imageBROKER

Diese erneute Niederlage bedeutete für den Kaiser in Wien einen weiteren Macht- und Ansehensverlust. In den folgenden Monaten mußte Franz Joseph I. den selbstbewußten Ungarn Zugeständnisse machen. Das führte schließlich zum Ausgleich der beiden Reichsteile Transleithanien (ungarisch dominiert) und Cisleithanien (deutsch dominiert). Ab 1867 war das Habsburgerreich die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, die den Magyaren mehr Eigenständigkeit brachte.

Mehr Ruhe kehrte in dem Reich auf Dauer jedoch nicht ein. Die folgenden Jahrzehnte prägte immer stärker der Volkstumskampf der unterschiedlichen Ethnien. Insbesondere in den 1890ern verschärfte sich die Lage nach Ausschreitungen in Böhmen und Tirol zeitweise so sehr, daß die Armee beispielsweise in Prag für Ruhe und Ordnung sorgen mußte.

Das multiethnische Reich als „Völkerkerker“

Die integrierende Wirkung von Kaiser Franz Joseph verblaßte immer mehr. Das Wort vom „Völkerkerker“ machte die Runde. Der Wunsch nach einem eigenen Staat wurde in den einzelnen Volksgruppen immer stärker. Außenpolitisch sorgten Spannungen mit Rußland und die Balkankriege im beginnenden 20. Jahrhundert für weitere Konfliktherde. Die Folge der beiden Waffengänge auf dem Balkan bewirkten zwar, daß die Osmanen zurückgedrängt wurden. Doch zugleich vertieften sich die Spaltungen zwischen den Volksgruppen im Habsburgerreich. Insbesondere die verschiedenen slawischen Völker verlangten nach mehr politischer Mitsprache.

Das Sinnbild der späten Habsburgermonarchie: Kaiser Franz Joseph I., der 68 Jahre regierte Foto: picture alliance/CPA Media

Im Ersten Weltkrieg zeigte sich, auf welche wackeligen Füßen das Kaisertum bereits stand. Ganze Einheiten seiner slavischen Untertanen liefen zum russischen Kriegsgegner über. Militärisch war es um die habsburgischen Truppen auch nicht zum Besten bestellt. Oft genug mußten Truppen des verbündeten Deutschen Reiches eingreifen und für Entlastung sorgen. Schließlich starb am 21. November 1916 mitten im Krieg Franz Joseph I. nach 68 Jahren auf dem Thron. Sein Nachfolger Karl I. sollte nur zwei Jahre über das Reich herrschen.

Unter dem Eindruck der immer aussichtsloseren Kriegslage verstärkten sich die Kräfte der Nationalitätenkonflikte, die seit Jahren drohten, das Kaiserreich zu zerreißen. Im Herbst 1918 erklärten zunächst die Tschechen nach einer unblutigen Machtübernahme in Prag ihre Unabhängigkeit. Wenige Tage später folgten Polen, Slowenen und Kroaten diesem Vorbild. Der Zerfallsprozeß war nicht mehr aufzuhalten. Schließlich verzichtete Karl I. nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches am 11. November 1918 und der Abdankung Kaiser Wilhelms II. auch auf die österreichische Krone und entband alle Minister von ihrem Eid. Als tags darauf die Republik Deutschösterreich ausgerufen wurde, war die Notlösung des österreichischen Kaisertums Geschichte.

Kaiser Franz I. (r.) trifft Napoleon (l.) nach der Schlacht von Austerlitz 1805, Gemälde von von Antoine Jean Gros Foto: picture alliance/akg-images

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